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Montag, 27. Juni 2022

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Igro Levit, Manfred Honeck, Copyright: Astrid Ackermann

Igro Levit, Manfred Honeck, © Astrid Ackermann

Das BRSO und Igor Levit in der Isarphilharmonie

Romantischer Ausklang

Die drei letzten Konzerte zum Jahresausklang gibt das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks in dieser Woche, mit dabei ist ein guter Bekannter: Als Artist in Residence war Igor Levit im vergangenen Jahr regelmäßiger solistischer Gast, in einem durch und durch romantischen Programm ist er diesmal Solist in Brahms´ Klavierkonzert Nr. 1 d-Moll op. 15. Am Pult steht Manfred Honeck, auch er hat sowohl mit Levit als auch dem BRSO schon zusammengearbeitet, zuletzt 2018 in Beethovens G-Dur-Konzert op. 58.

Emotionale Kontraste

Vom Paukenwirbel gleich zu Begin lässt Honeck keinen Zweifel an einer kraftvoll-selbstbewussten Diktion aufkommen. Schon bevor das Klavier in Erscheinung tritt, ist die Partitur voller dynamischer und emotionaler Gegensätze, die Honeck bestens herausarbeitet. Auch Levit stellt diese Kontraste signifikant dar, behutsam greift er das lyrische Thema des ersten Einsatzes auf, genauso souverän beherrscht er die voluminösen, technisch herausfordernden Unisono-Figuren. Auch das klangliche Gleichgewicht zwischen Solopart und Orchester stimmt weitgehend, lediglich an einigen wenigen Stellen wird das Klavier etwas von der Streicherfülle zugedeckt. Energisch zupackend spielt Levit die gewaltig anrollenden Oktavbewegungen der „Tempo I“-Zäsur nach dem „Poco più moderato“-Abschnitt. Abwärts fallende Arpeggien perlen leichtgängig fließend, der Dialog zwischen Klangkörper und Solopart bleibt durchweg intensiv. Holzbläserfarben leuchten fein schattiert. Intime Momente wie die Pianissimo-Konversation zwischen Klavier und Hörnern gelingen ausdrucksstark. Filigrane melodische Bögen spannt das BRSO im „Adagio“, dem schließt Levit sich mit klar geformter, einfühlsam singender Oberstimme an. Während der ausgedehnten pianistischen Solopassage kann man die berüchtigte Stecknadel im Saal fallen hören. Vor gefährlich schnellen Tempi hat Igor Levit keine Angst, souverän meistert er das rhythmisch und agogisch straff gespielte „Rondo“, lässt dabei luzide Trillerfiguren funkeln. Das BRSO kommuniziert dynamisch explosiv. “Vom Kontrapunkt weiß der Herr Doktor so viel wie der Rauchfangkehrer von der Astronomie“ hat Bruckner einmal scherzhaft über seinen musikalisch ungeliebten Konkurrenten geäußert. Wo Brahms, wie hier, doch mal seltenen Gebrauch davon macht, ist das BRSO mit scharfen polyphonen Konturen zur Stelle. Als Zugabe findet Levit genau die richtigen, wunderbar verinnerlichten Worte in Schumanns „Der Dichter spricht“ aus den „Kinderszenen“ mit dessen eigentümlicher, sich im Mittelteil fast improvisatorisch verlierenden Geste.

Dynamische Spitzen

Eine hervorgehobene Rolle spielt in den zahlreichen Anklängen an Naturschilderungen in Dvořáks Symphonie Nr. 8 G-Dur op. 88 die Flöte, gleich zu Anfang perfekt intoniert von Henrik Wiese. Honeck wählt für den Kopfsatz ein durchaus zügiges Tempo, die Stimmführung bleibt dennoch stets klar. Lediglich über das Seitenthema bei Buchstabe E der Partitur spielt er etwas zu massiert hinweg. Scharfe dynamische Spitzen setzt er in der Durchführung. Die schwelgerisch wogende Melodik im "Adagio" kostet Honeck genüsslich aus, luftig schweben Holzbläser über sanften Pizzicato-Impulsen, dazwischen scharf geschnittene Blech-Einwürfe. Konzertmeister Anton Barakhovsky glänzt mit einem makellosen Violinsolo. Im „Allegretto grazioso“ herrscht verschwenderisch luxuriöse Walzer-Poesie nach dem Vorbild Tschaikowskys. Strahlende Trompeten-Fanfaren eröffnen den Schlusssatz, der in warm gefärbten Streichersphären und mit fulminanten Crescendi auf den mitreißend wirbelnden Coda-Sog zusteuert. Zum Ausklang ein spektakulärer Knalleffekt als musikalisches Ausrufezeichen hinter einem brillanten symphonischen Feuerwerk.

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Kritik von Thomas Gehrig



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