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Sonntag, 29. Mai 2022

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Herbert Blomstedt, Symphonieorchester des BR, Copyright: Astrid Ackermann

Herbert Blomstedt, Symphonieorchester des BR, © Astrid Ackermann

Das BRSO mit Herbert Blomstedt

Schwedische Entdeckung

Wann haben Sie zuletzt Musik von Wilhelm Stenhammar gehört? Bis heute hat es der schwedische Komponist (1871-1927) schwer, sich über die Grenzen seines Heimatlandes hinaus durchzusetzen, vor knapp 10 Jahren hat Herbert Blomstedt beschlossen, sich für das Oeuvre seines Landsmannes nachhaltig stark zu machen. Auch mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks hat er seither Werke Stenhammars gespielt, unvergessen etwa die großartige Aufführung der Symphonie Nr. 2 g-Moll op. 34 im Dezember 2017 in der Münchner Residenz. Dort war auch gestern am ersten von zwei Abenden in dieser Woche das Klavierkonzert Nr. 2 d-Moll op. 23 zu hören, Martin Sturfält als Solist komplettiert die vordere schwedische Front. Auch mit ihm hat Blomstedt schon mehrfach zusammengearbeitet, bis nach Asien haben sie diese Rarität schwedisch-spätromantischer Literatur schon gemeinsam exportiert.

Komprimierte Dialoge

Ein Grund für die nach wie vor stark vernachlässigte Aufführung dürfte u.a. in der formal unübersichtlichen Anlage liegen. Wie sehr ein Blick hinter die etwas sperrige Fassade lohnt, zeigt Sturfält von den Legato-Achteln der „Moderato“-Einleitung an, die er mit klanglicher Klarheit und sauberem Pedalgebrauch vorstellt. Bruchlos meistert er im „Più tranquillo“ die – nicht nur hier – in einer Hand oftmals über Dezim-Spannweiten hinausgehende geballte Akkordfülle, Steigerungen im Solopart legt er gut an. Veritable Dialoge mit dem Orchester kommen in Stenhammars etwas eigenwilliger kompositorischer Haltung nicht so richtig zustande. Dort, wo sie stark komprimiert stattfindet, führt Blomstedt hellwach durch die musikalische Konversation. Eine veritable Kadenz gibt es auch nicht, expressiv gestaltet Sturfält den kurzen „Quasi cadenza“-Abschnitt. Im „Molto vivace“-Teil des „Scherzo“ spielt er souverän mit quirligem Passagenwerk. Das „dolce espressivo“ im „Allegretto“-Abschnitt und den „Adagio“-Satz mit seiner „con grand  espressione“-Episode könnte er variabler im Anschlag schattieren, das gilt allgemein dann, wenn vollgriffige Wucht sich in lyrische Ruhe zurückzieht. Umso klangsensibler geht das BRSO mit derlei Nuancen um, insgesamt verfügt das Orchester über mehr gesangliche Wärme als der Klavierpart. Überzeugend gelingt Sturfält wiederum der „non troppo forte ma brillante“-Tonfall in den tänzelnden Oktavfiguren des Finales.

Polyphone Präzision  

Nach der Pause gibt es Beethovens Symphonie Nr. 3 Es-Dur op. 55 („Eroica“). Bei Beethoven und dem BRSO denkt man unweigerlich an den legendären Zyklus unter Mariss Jansons in Tokio. Blomstedt gelingt indessen eine nicht weniger packende Interpretation. Darin, dass er etwa das Tempo des Trauermarschs etwas langsamer nimmt, liegt eine fast noch größere Intensität, auch mit fein timbriertem „sotto voce“ und ausgefeilter Kontrapunktik kann er hier punkten. Wie so oft liegt die Partitur nur zur „Dekoration“ auf dem Pult, selbstredend dirigiert er auswendig, kleine Gesten genügen für die effiziente Kommunikation mit den Musikern. Ein bisschen markanter könnten die charismatischen Achtel-Sforzato-Schläge kurz vor Ende der Exposition des "Allegro con brio" gesetzt werden, ansonsten fesselt ein rhythmisch und agogisch durchweg fokussierter Impetus. Das Scherzo hat pulsierende „sempre staccato“-Spannung, makellos intoniert sind die Hornquinten im „Trio“. Klangvolle Pizzicato-Impulse setzen die Streicher zu Beginn des Finales, mit polyphoner Präzision steuert das BRSO auf die glanzvoll strahlende Coda zu.

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Kritik von Thomas Gehrig



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Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks: Blomstedt/Sturfält

Ort: Residenz (Herkulessaal),

Werke von: Ludwig van Beethoven, Wilhelm Stenhammar

Mitwirkende: Herbert Blomstedt (Dirigent), Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (Orchester)

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