> > > > > 17.11.2021
Sonntag, 5. Dezember 2021

Seong-Jin Cho, Copyright: Christoph Köstlin

Seong-Jin Cho, © Christoph Köstlin

Seong-Jin Cho im Wiener Konzerthaus

Virtuose Eleganz

Erst kürzlich wurde die coronabedingt verschobene 18. Ausgabe des Warschauer Chopin-Wettbewerbs ausgetragen, seit 1927 findet diese Konkurrenz im Abstand von fünf Jahren statt. Längst nicht jeder der Preisträger konnte sich dauerhaft in der pianistischen Elite festspielen, so manche Karriere ist danach ins Stocken geraten oder im Sand verlaufen. Nicht so bei Cho, der Südkoreaner hat sich seither in der Weltspitze fest etabliert. Längst hat er dabei bewiesen, dass er viel mehr als nur Chopin kann, sein Repertoire ist beachtlich, auch mit Mozart, Debussy oder Berg hat er seither überzeugt.

Klare Linien

Mit einem Recital war er auf seiner derzeitigen Konzertreise im Wiener Konzerthaus zu hören, Leoš Janáčeks Sonate 1. X. 1905 „Von der Straße“ steht zu Beginn auf dem Programm. Eine klare thematische und klangliche Linienführung bis in feine Oktavfiguren zeichnet sein Spiel im ersten Satz („Vorahnung“) aus. Mit hoher lyrischer Empfindsamkeit gestaltet er das zweite Thema, noch etwas radikaler und impulsiver könnte er die dramatischen Ausbrüche der von Janáček programmatisch geschilderten Stimmungen und Ereignisse rund um den tragischen Tod des Arbeiters František Pavlik punktuell darstellen. Im zweiten Satz („Tod“) trennt er Klangschichten sauber und erfasst musikalisch treffend die spannungsgeladene Schwere, vereinzelt könnten ausklingende Töne ein wenig länger liegen bleiben. Ursprünglich gab es einen dritten Satz zu Janáčeks einziger Sonate, leider hat er diesen eigenhändig vernichtet. Es folgt Ravels „Gaspard de la nuit“, kristallklar und in leuchtenden Diskantfarben funkelt das Wasser in „Ondine“. Gut dosiert sind die sukzessiven dynamischen Steigerungen, Chos Spiel besitzt Intensität bis in die exponiert gesetzten Einzeltöne der rechten Hand. Treffend stellt er auch die düsteren harmonischen Spannungen in „Le Gibet“ dar, in vollgriffigen Akkordgesten scheut er nicht die dynamische Offensive. Als eines der schwersten Klavierstücke überhaupt gilt „Scarbo“. Erklärte Absicht des Komponisten war es, damit ein noch schwierigeres Stück zu schaffen als Mili Balakirews „Islamey“, nicht umsonst bezeichnete Ravel selbst das ganze Werk nach der literarischen Vorlage Aloysius Bertrands als „drei romantische Gedichte von transzendentaler Virtuosität“. Makellos meistert Cho die immensen Herausforderung inmitten der rasend schnellen Repetitionen, auch seine klangfarblich-impressionistische Ausgestaltung überzeugt, die chromatischen Gänge besitzen dringliche Intensität. Noch energiegeladenere Virtuosität hat hier einst allenfalls der junge Ivo Pogorelich erzeugt.

Kantable Sensibilität

Nach der Pause gibt es Chopins vier „Scherzi“. Schon in der Nummer 1 h-Moll op. 20 weisen technische Perfektion und musikalische Gestaltungskraft Cho als nicht zufälligen Gewinner des Chopin-Wettbewerbes aus. Auch der Mittelteil lässt keine lyrischen Wünsche übrig. Selbst von den ganz großen pianistischen Namen hört man hier oftmals Fehlgriffe – bei Cho nicht. Die charakteristische Eröffnung des b-Moll-Scherzos op. 39 wirkt ein wenig verhalten, mit großartigem technischem Fluss gehen Cho die „Leggiero“-Arpeggien des Mittelteils von der Hand. Zu Beginn des cis-Moll-Scherzos op. 39 legt er selbst abgelegene Stimmen frei, die gewaltigen Oktav-Ketten haben pathetisches Gewicht. Wunderbar schwerelos perlen die Achtel-Kaskaden, nicht unbedingt schlüssig wirkt seine kurzzeitige Verlangsamung des Tempos. Nicht immer maximale elastische Spannkraft haben die Staccato-Impulse im Scherzo Nr. 4 E-Dur op. 54, hohe kantable Sensibilität beweist Cho aber auch hier im „Pìu lento“-Teil. Nicht ganz die Explosivität und elektrisierende Energie etwa von Jewgenij Kissin oder Mikhail Pletnev bei dessen legendärem Carnegie Hall-Debüt haben die vier „Scherzi“ bei Cho, in seinen jungen Jahren hat er aber noch alle Zeit der Welt, um sich zu entwickeln – sein beeindruckender bisheriger Werdegang lässt daran keine Zweifel. Beim begeisterten Publikum (vor überwiegend koreanischen Zuhörern hat er sozusagen ein „Heimspiel“) bedankt er sich mit Schumanns „Einsamen Blumen“ aus den „Waldszenen“ op. 82 und Chopins mit bravouröser Verve und Eleganz gespieltem „Grande Valse brillante“ Es-Dur op. 18.

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Kritik von Thomas Gehrig

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Klavierabend: Seong-Jin Cho

Ort: Konzerthaus,

Werke von: Leos Janácek, Maurice Ravel, Frédéric Chopin

Mitwirkende: Seong-Jin Cho (Solist Instr.)

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