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Mittwoch, 17. August 2022

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Szenenfoto, Copyright: Monika Rittershaus

Szenenfoto, © Monika Rittershaus

Offenbach in der Komischen Oper Berlin

Eurydike in der Unterwelt

Allzu prüde sollte man bei Barrie Koskys Inszenierung von Jacques Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“ nicht sein. Da wird ohne Scheu kopuliert, viel nacktes Fleisch gezeigt und Geschlechtsteile grotesk ausgestellt. Es ist eine erotische Entfesselung, die der Regisseur zeigt, und gleichzeitig ein Boulevard-Spaß mit rasanten Tanzszenen und überbordender Lust an szenischer Entgrenzung, die sich auch in den Phantasiekostümen von Viktoria Behr widerspiegelt. Die Offenbachiade war die erste in der Geschichte der Salzburger Festspiele, wo sie 2019 Premiere feierte. Jetzt ist sie in der gleichen Ausstattung von Rufus Didwiszus, aber neu einstudiert mit dem Ensemble der Komischen Oper Berlin, in Koskys Stammhaus angelangt und beschert ihm ausverkaufte Vorstellungen.

„Orpheus in der Unterwelt“, das 1858 in Paris uraufgeführte, erste abendfüllende Werk des deutsch-französischen Komponisten, parodiert die bekannte griechische Sage. Von unsterblicher Liebe ist nicht mehr die Rede, stattdessen von handfesten Ehezwistigkeiten. In der Unterwelt emanzipiert sich Eurydike vom nervenden Geigenlehrergatte Orpheus und wird Bacchantin. Sydney Mancasola stattet sie mit koketter Frivolität aus, dazu setzt sie mit funkelnd hohen Tönen und kristallinklarem Sopran auch vokale Glanzpunkte. Angesichts dieser Dominanz zieht ihr Orpheus Tansel Akzeybek den Kürzeren, doch rückt er seinen Tenor gleichwohl ins beste Licht. Stets an seiner Seite: die öffentliche Meinung, die Hagen Matzeit, bruchlos zwischen Countertenor und Bass changierend, als strenge Gouvernante im schwarzen, geschlossenen Kleid und mit Duttfrisur gibt.

Die Göttergesellschaft, unter die sich auch der wie gewohnt spielfreudige Chor mischt,  besteht aus typgerecht gezeichneten Individuen: der riesenhafte Wolfgang Ablinger-Sperrhacke als Pluto, der mit dem spleenigen Jupiter von Peter Bording um Eurydikes Gunst konkurriert, die trunksüchtige Juno von Karolina Gumos, der vergessliche Merkur von Peter Renz, vor allem aber der Cupido von Nadine Weissmann. Sie macht aus ihrem Kuss-Couplet ein vom Ballett begleitetes kabarettreifes Kabinettstück. Den Vogel der Besetzung schießt allerdings Max Hopp ab. Er schlüpft nicht nur in die kleine Rolle des Dieners John Styx, der rührend versucht mit seinem Chanson „Als ich noch Prinz war in Arkadien“ bei Eurydike zu landen. Nein, Hopp ist omnipräsent auf der Bühne. Er übernimmt sämtliche Sprechtexte und die Geräusche vom Türgeklapper bis zum Schlürfen eines Getränks gleich mit dazu. Wie er von einem Charakter zum nächsten wechselt, das ist eine virtuose Meisterleistung.

In Champagnerlaune versetzen die Tanzszenen. Otto Pichler lässt die Ballettcrew in überschäumendem Tempo über die Bühne wirbeln, der divers aufgestellte Can-Can sprüht vor Energie. Über allem waltet der Dirigent Adrien Perruchon: mit dem Orchester der Komischen Oper zelebriert er einen prickelnden, flinkfüssigen und immer transparenten Offenbach-Sound.  

Der Beifall nach der vorweihnachtlichen Vorstellung ist heftig und anhaltend. Er gilt nicht nur dem unterhaltsamen Operettenerlebnis, es schwingt auch Dankbarkeit mit, dass überhaupt gespielt wird. Ab Februar 2022 kann sich das Düsseldorfer Publikum auf die Produktion freuen. Dann wird sie im dortigen Opernhaus gezeigt.

Kritik von Karin Coper

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Orpheus in der Unterwelt: Operette

Ort: Komische Oper,

Mitwirkende: Orchester der Komischen Oper Berlin (Orchester), Barrie Kosky (Regie), Wolfgang Ablinger-Sperrhacke (Solist Gesang), Karolina Gumos (Solist Gesang)

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