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Sonntag, 23. Januar 2022

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Neujahrskonzert mit dem Tonkünstler-Orchester im Wiener Musikverein, Copyright: Dieter Nagl

Neujahrskonzert mit dem Tonkünstler-Orchester im Wiener Musikverein, © Dieter Nagl

Das Neujahrskonzert des Tonkünstler-Orchesters

Akzentfrei Wienerisch

Einen Tag nach dem medial aufwendig inszenierten Neujahrs-Spektakel der Wiener Philharmoniker hat das Tonkünstler-Orchester Niederösterreich sein nicht weniger beachtenswertes Konzert zum Jahreswechsel im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins gegeben. Am Pult steht Alfred Eschwé, vor über 20 Jahren hat er das traditionelle Neujahrskonzert der Tonkünstler erstmals geleitet, seine Operetten- und Strauss-Referenzen sprechen für sich. Schon durch deutlich mehr programmatische Abwechslung hebt sich das Programm von dem der Philharmoniker ab, mit von der Neujahrs-Partie auf einer stilistisch-musikalisch vielfältigen Reise durch diverse Länder ist auch Sopranistin Caroline Melzer.

Emotional authentisch

Den Anfang macht mit Franz von Suppés Ouvertüre zu „Leichte Kavallerie“ einer der großen Neujahrs-Hits. Schon darin präsentieren sich die Tonkünstler mit schlank fließendem, geschmeidigem Streicherklang und scharfen, nur von einem kleinen verrutschten Ton in den Hörnern getrübten Blech-Konturen in Gala-Form. In „Un bel di vedremo“ aus Puccinis „Madama Butterfly“ formt Caroline Melzer weiche, expressive Kantilenen, das Orchester ist dynamisch und agogisch sensibel ausbalanciert. In Borodins „Polowetzer Tänzen“ begeistern eingangs fein geführte Holzbläserlinien, im weiteren Verlauf herrscht von kernigen Tutti-Impulsen durchsetztes folkloristisch inspiriertes Flair. Walter Schober glänzt zu Beginn des in sphärisch zarte Orchesterfarben getauchten „Entr´acte“ aus Bizets „Carmen“ mit einem selten so gut gehörten Flötensolo. In Josef Hellmesbergers (1855-1907) „Teufelstanz“ heizen die Tonkünstler dynamisch explosiv ein, wirkungsvoll arbeitet Eschwé die agogischen Finessen und Wendungen heraus. Klangsensibel vom Orchester ausgemalt trägt Caroline Melzer mit sehnsuchtsvoll schwelgender, emotional authentischer Innigkeit Dvořáks „Lied an den Mond“ aus „Rusalka“ vor. Mit feurig-spanischem Kolorit des „Fandango“ aus Rimski-Korsakows „Capriccio espagnol“ geht es in die Pause.

Rhythmisch fokussiert

Rhythmisch fokussierten Elan und charismatisch-perkussive Impulse besitzt danach der als Auftragswerk entstandene, erst eine Woche zuvor uraufgeführte „Festmarsch – 100 Jahre Niederösterreich“ von Leopold Schmetterer (*1953), seines Zeichens selbst ehemaliges Orchestermitglied. Quasi das komprimierte „Best of“ aus Franz Lehárs „Land des Lächelns“ erklingt im ganzen orchestralen Farbreichtum der Ouvertüre. Schlank phrasiert und mit strahlenden Spitzentönen verweilt Caroline Melzer bei Lehár mit dem Walzerlied der Anna Elisa aus „Paganini“. Mit witzig-markanten Naturlaut-Effekten ist Johann Strauss´ rhythmisch elastische Polka française „Im Krapfenwaldl“ op. 336 garniert. An einem Ratespiel können sich die Zuhörer in der „Künstler-Quadrille“ op. 201 beteiligen – Themen von nicht weniger als 10 Komponisten-Kollegen hat Strauss darin zitiert und verarbeitet. Auch der Rest des Programms gehört der Strauss-Dynastie: Nach dem rasanten „Seufzer-Galopp“ op. 9 (Johann Strauss Vater) weist sich Caroline Melzer alias Rosalinde in der bekannten Csárdás-Arie aus der „Fledermaus“ so glaubwürdig als temperamentvolle Ungarin aus, dass man sich, nachdem man die zum Jahreswechsel parallel an Staats- und Volksoper laufenden Vorstellungen gesehen hat, spontan sie in dieser Rolle gewünscht hätte. Mit „Bei uns z´Haus“ op. 361 klingt das offizielle Programm aus, die Tonkünstler beweisen, dass man auch in Niederösterreich musikalisch akzentfrei Wienerisch spricht. Nicht nur Eschwés Dirigat überzeugt auf ganzer Linie, souverän und mit gewinnendem Charme führt er auch moderierend durchs Programm. Mit echten Strauss´schen Knalleffekten und dem „Radetzky-Marsch“ als Zugaben lassen die Tonkünstler noch einmal die Korken knallen und zeigen an diesem kurzweiligen und gefühlt viel zu kurzen Nachmittag: Ihr Neujahrskonzert kann mit dem berühmten Pendant der Philharmoniker problemlos mithalten!

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Kritik von Thomas Gehrig

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