> > > > > 20.11.2021
Sonntag, 5. Dezember 2021

FRÉDÉGONDE; Hyona Kim, Anna Sohn, Copyright: Oper Dortmund

FRÉDÉGONDE; Hyona Kim, Anna Sohn, © Oper Dortmund

Zur Inszenierung der Oper Frédégonde in Dortmund

Politisch und/oder privat

Es ist vermutlich nur wenigen bekannt, dass der französische Komponist Camille Saint-Saëns außer seinem bekannten Werk „Samson et Dalila“ noch 12 weitere Musiktheaterwerke komponierte. Die Oper Dortmund widmet sich - anlässlich des einhundertjährigen Saint-Saëns-Jubiläums in einer aufwendigen Inszenierung dem Drame lyrique „Frédégonde“. Dabei ist die Oper eigentlich eine Gemeinschaftskomposition von Ernest Guiraud, der die ersten drei, später von seinem Schüler Paul Dukas instrumentierten Akte schuf und seinem Freund Saint-Saëns, der - nach Guirauds Tod - das Werk mit den Akten 4 und 5 vollendete. 

Nicht Frédégonde, sondern Brunhilda ist die eigentliche Protagonistin der Handlung und als Guiraud 1892 verstarb und sein Werk unvollendet zurückließ, trug es noch den Titel „Brunhilda“. Umbenannt in „Frédégonde“ wurde das Werk 1895 in Paris uraufgeführt und feierte erstaunlicherweise erst mehr als 125 Jahre später nun seine deutsche Erstaufführung. 

Wahrscheinlich hat man hierzulande noch nie von diesen beiden Frauen gehört, aber in Frankreich sind ihnen noch heute im Comic „Französische Geschichte für Dummies“ mehrere Seiten gewidmet. Für die einen sind sie wütende, entfesselte Furien, für die anderen intelligent und berechnend, heißt es da. Im Frankreich des 19. Jahrhunderts eine wunderbare historische, mittelalterliche Folie, um den französischen Nationalstolz nach dem Deutsch-Französischen Krieg und der Krönung des preußischen Königs Wilhelms I. im Versailler Schloss zu befriedigen. 

Ohne Rücksicht auf die Entstehungszeit der Oper greift Regisseurin Marie-Eve Signeyrole die Handlung als mittelalterliche Familienfehde auf und abstrahiert die Auseinandersetzung der beiden Frauen als privates Schachturnier. Was als szenisches Spiel auf der Bühne gedacht war, reifte dann im April 2021 pandemiebedingt zu einem Stummfilm, der Träume, Ängste, Erinnerungen Brunhildas, nebst historisch vermeintlichen Wahrheiten vor Augen führt. Die einzigen, für Historiker nicht glaubwürdigen Quellen dieser Zeit sind die Geschichtsbücher des französischen Bischofs Grégoire de Tours.

Chilperic I., in der Opern Guirauds Hilpéric genannt, heiratet die ältere Schwester Brunhildas. Frédégonde, die Geliebte Hilpérics lässt Galswinth ermorden und heiratet Hilpéric. Danach erklären sich die Halbbrüder Sigebert und Hilpéric den Krieg.

Noch bevor die Musik beginnt, sieht man auf einer Großleinwand, wie eine gealterte Brunhilda die Vergangenheit in Stationen wiederaufleben lässt. Bühnenraum und Parkett sind der brillanten musikalischen Darbietung der Gesangssolisten, den Dortmunder Philharmonikern und dem Opernchor des Theaters Dortmund unter der Leitung von Motonori Kobayashis vorbehalten, während das Live-Publikum von den oberen Rängen aus der Ferne teilnimmt. 

Eine Dinnertafel bildet den Rahmen für die halbkonzertante Aufführung, ergänzt von zwei schachspielenden Schauspielerinnen am rechten Bühnenrand.

„Durch sie gestorben, durch mich gerächt.“ Die Handlung beginnt mit hymnischen Lobgesängen des Hofpoeten und Mönchs Fortunatus auf die Schönheit und Grazie Brunhildas, während sie selbst betont, die Ermordung ihrer Schwester vergelten zu wollen. Von ihrem Schwager Hilpéric besiegt, wirft sie ihm vor, Unzucht und Verbrechen in ihr Haus zu bringen. Die gedemütigte Frédégonde hingegen hält ihrer Feindin Brunhilda vor, der Sieg sei zustande gekommen, weil ihr die Vasallen untreu geworden seien. Als Siegeslohn beansprucht sie das kostbare Diadem Brunhildas.

Welch eine Schande! Brunhilda sinnt auf Rache. Das abwechslungsreiche, von Dukas fein instrumentierte Musikdrama nimmt seinen Lauf. Auf leidenschaftliche Liebesbekenntnisse folgen neue Bündnisse und rebellische Vasallenchöre - im Film ergänzt von der sich immer mehr zur Serienmörderin entwickelnden Frédégonde. 
Im vierten Akt hört man deutlich das drängende Begehren der Musiksprache Saint-Säens’, während sich Hilpéric und eine aufbrausende Frédégonde streiten. Sie will Mérowig, Sohn Hilpérics aus erster Ehe, ins Kloster verbannen, um das königliche Erbe für die eigenen Söhne zu bewahren. Dem abschließenden geistlichen Urteil entzieht sich Mérowig durch Selbstmord. 

„Frédégonde“ bleibt - auch in der Inszenierung als Familienfehde - ganz im nationalen Zeitgeschmack des 19. Jahrhunderts verhaftet. Davon zeugen nicht nur die zahlreichen, vom Opernchor des Theaters Dortmund homogen und differenziert im Ausdruck dargebotenen Chorpassagen. Sungho Kim interpretiert wunderbar lyrisch homogen den Hofpoeten und Mönch Fortunatus, Dennis Velev ist ein bassig schillernder Bischof Prétextat. Hyona Kim verkörpert mit vollmundigem Stimmklang die in Leidenschaften verstrickte Frédégonde, Anna Sohn mit klangschöner Dramatik die berechnende, von Trauer um ihre Schwester verzehrte Brunhilda. Mandla Mndebele ist ein tiefgründig schillernder König von Neustrien Hilpéric, während Sergey Romanovsky klangschön und differenziert im Ausdruck den Liebhaber Brunhildas und Vaterrebell darstellt. 

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Kritik von Ursula Decker-Bönniger

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