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Sonntag, 29. Mai 2022

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Olga Peretyatko, Copyright: Monika Rittershaus

Olga Peretyatko, © Monika Rittershaus

Berliner Philharmoniker mit Mazeppa in Baden-Baden

Hymnische Überwältigung

Das Publikum des Baden-Badener Festspielhauses hat ein feines Gespür. Das grosse private Opernhaus war bei der konzertanten Wiederholungsaufführung von Tschaikowskys „Mazeppa“ bei der einwöchigen Residenz der Berliner Philharmoniker eher mässig und eben nicht sehr gut besetzt. Bei den voran gegangenen Konzerten unter Chefdirigent Kyrill Petrenko mit unter anderen Mendelssohns „Schottischer“ und Schuberts großer C-Dur-Sinfonie dagegen schon.

Tschaikowsky selbst hat sich mit seiner musikdramatischen Fassung des blutrünstigen „Mazeppa“-Stoffs Puschkins „Poltawa“ (für den zwischen Kiew und Donezk gelegenen Herrschersitz) schwer getan. Liebe und militärische Machtpolitik stehen sich bei der Erstrebung der ukrainischen Unabhängigkeit vom Zarenreich im Wege. Der die Loslösung anstrebende Kosakenführer Mazeppa liebt die junge Tochter Maria seines zum Zaren haltenden Freundes Kotschubei, die er einst übers Taufbecken hielt. Kotschubei lehnt die Verbindung wegen des Altersunterschieds ab. Zunächst gewinnt der sich mit den Schweden verbündende Hetman Mazeppa und lässt Kotschubei hinrichten, verliert dann aber gegen den letztlich obsiegenden Zaren alles und auch seine Maria in die Umnachtung.

Privates und Politisches haben nicht nur Donizetti, Berlioz und Verdi vermengt. Auch Tschaikowsky liefert uns packende Klangbilder mit lieblichen Huldigungs-Szenen, grausamer Hinrichtungs-Schau, wildem Kampfgetümmel und strahlenden Siegesfanfaren à la „1812“. Selbst die Personen-Charakterisierung mit dem ausladenden Mazeppa, seinem robusten, tief-bassigen Gegenspieler Kotschubei, der sensitiven Maria, ihrer resoluten Mutter Ljubow und ihrem impulsiv drängenden tenoralen Liebhaber Andrej ist gut heraus hörbar. Über weiten Strecken dominiert aber melancholisch rezitativischer Einzelgesang. Ensembles fehlen fast vollständig. Die malerischen bis heftigen Chorszenen und die exzessiven Orchester-Ausbrüche erscheinen wie solitäre Klang-Inseln für sich, ohne dass das Ganze so recht zusammen gebunden wäre. Also eher sinfonische Fantasie denn Oper.

Musikalisch gelingen kann eine Aufführung des „Mazeppa“ nur, wenn man Sologesang und Genreszenen in einen lyrischen und kantablen Zusammenklang bringt, wie das einst Valerij Gergiew in seinem Petersburger Mariinsky-Theater anfang der 1990er Jahre noch vor seiner spektakulären Bekanntheit im Westen geglückt ist. Petrenko nun wählte bei seiner konzertanten Version in Baden-Baden, die er danach noch zweimal in Berlin dirigiert, die Kontrast-Methode. Da wurden die Orchesterszenen bis zum letzten ausgereizt: Mit wuchtig losbrechenden Bässen, pfeifenden Streichern, zugegeben haargenau intonierendem Holz und dröhnendem Blech. Dabei hätte es dieser luxuriösen Besetzung und opulent-prachtvollen Klangentfaltung bei der hervorragenden Baden-Badener Akustik gar nicht bedurft.

Freudig erschallende Hinrichtung

Petrenko bohrte und meisselte sich mit Leidenschaft in Tschaikowskys Klangmalerei. Der große Apparat durfte Pathos und Larmoyanz nach Herzenslust ausspielen. Da wurde spielerisch so voll drauf gehalten, dass es nur so ratterte und rumpelte. Und in der Phonstärke des Guten zuviel wurde. Zwar ertönten die devoten Huldigungsgesänge der Frauen des Berliner Rundfunkchors lieblich, doch liessen die Männer ihre Kampfbereitschaft und ihren Gefallen an der Hinrichtung markig erschallen. Gijs Leenaars hatte sie mustergültig vorbereitet. Gewiss, die Freudentanz-Szenen hatten Zack und Schmiss. Die Hinrichtung Kotschubeis wurde mit durch Mark und Bein gehenden Chorgesängen zum grausamen Spektakel hochstilisiert. Und die Schlachtenmusik zu Beginn des dritten Aktes dröhnte auch von der rechten Empore herunter mit dem sichtlich erfreut die Effekte ausreizenden Petrenko aus vollen Rohren. Das war hymnische Überwältigung: Zum Gefallen der einen, zum Mißfallen der eine kultiviertere Gangart erwartenden anderen.

Donnerstimmen versammelt

Unter den Gesangssolisten waren des russischen Fachs mächtige Donnerstimmen zugegen. Allen voran Vladimir Sulimsky in der Titelrolle mit ausladendem, stets tragfähigem, im Umfang schier unbegrenztem Tonumfang; er verband in seinem Gesang Kraft und Wärme, formte seine Partie noch in höchster Erregung weich aus. Neben ihm verkörperte der Kobutschei von Dmitry Ulyanow den schweren, schwarzen Bass, der zu Beginn noch nach russischer Art etwas rauh-vibrierend orgelte, dann aber klangmächtige Zerknirschungs-Gesänge von erschütternder Größe hinaus schrie und eine zu Herzen gehende Abschieds-Szene einbrachte.

Marias jugendlicher Liebhaber und Mazeppa-Rivale Andrej war mit dem nach russischer Schule kompakten Tenor Dmitry Golovnin nicht ideal besetzt, weil er in der Höhe zu sehr stemmte und seinen Kummer und seine Wut zu unkultiviert hinaus sang. Fabelhaft wurde diese begehrte Maria mit der in allen Lagen ausgeglichenen, die Register souverän wechselnden Olga Peretyatko verkörpert. Sie umriss sängerisch absolut glaubwürdig und tragfähig ihre Leidenschaft für Mazeppa, setzte sich weich und innig flehend für ihren Vater ein und sang am Ende das Wiegenlied für Andrej im Mezzo-Piano in überirdischer Reinheit.

Eine untadelige Studie gab mit ihrer leidenschaftlichen Entrüstung Oksana Volkova als Marias Mutter und Kotschubeis Gattin Ljubow ab; sie brachte ihren über einen weiten Umfang verfügenden Mezzosopran, der bis zur satten Tiefe reichte, voller Elan ein. Stimmgewaltig waren auch die Nebenrollen mit Dimitry Ivashchenko als Orlik und Anton Rositskiy als Iskra besetzt, während Alexander Kravets den betrunkenen Kosaken doch arg chargierte.

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Kritik von Prof. Kurt Witterstätter

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Mazeppa: Oper von Tschaikowsky

Ort: Festspielhaus,

Werke von: Peter Tschaikowsky

Mitwirkende: Berliner Rundfunkchor (Chor), Kirill Petrenko (Dirigent), Berliner Philharmoniker (Orchester), Olga Peretyatko-Mariotti (Solist Gesang)

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