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Sonntag, 5. Dezember 2021

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Szenenfoto Carmen, Copyright: Wilfried Hösl

Szenenfoto Carmen, © Wilfried Hösl

Carmen an der Bayerischen Staatsoper

Prägnante Charaktere

Im Juli 1992 hatte an der Bayerischen Staatsoper Lina Wertmüllers „Carmen“-Inszenierung Premiere, auf dieser basiert die seither nach wie vor laufende Produktion, die am vergangenen Wochenende im Nationaltheater gezeigt wurde. Das Regiekonzept bewegt sich eng am Libretto – und geht mit ästhetisch-anschaulichen Bildern bestens auf. Wirkungsvolles Spiel mit Beleuchtung und Farben, passend gewählte Ausstattung und Kostüme sorgen – egal, ob „draußen am Wall von Sevilla“, in Lillas Pastias Taverne, dem düsteren Schmugglerlager oder im Blumenregen des Trubels vor der Arena – für maximal authentisches Kolorit. Das Ganze, und darin liegt eine weitere Stärke, ohne kitschig-banal zu wirken. Die stringente Erzählweise charakterisiert die Figuren prägnant, Carmen ist und bleibt die selbstbewusst-launige „Femme fatale“, Don Josés innere Konflikte und seine fatale Entscheidung, alles auf eine – und zwar die falsche – Karte zu setzen, die ihn nicht nur seine Soldatenehre, sondern letztlich auch die Liebe und den Respekt Carmens kosten, werden im Handlungsverlauf gut herausgearbeitet. Psychologisch nachvollziehbar lässt er sich – am Ende zurückgewiesen und verhöhnt – zur ins Obsessive gesteigerten Affekttat hinreißen. Leerlauf in der Personenführung entsteht nicht, Spannungsmomente wie die düstere Prophezeiung beim Kartenlegen werden gut zugespitzt.

Berührende Intensität

Zu den Stars des Abends avancieren hier zur Abwechslung nicht die Hauptrollen. An erster Stelle zu nennen ist Rosa Feola als Micaëla mit warmer Sopranfärbung, die sich voll und ganz in das Seelenleben ihrer nur vordergründig unscheinbar zurückhaltenden, im Inneren aber doch stark und geradlinig bleibenden Figur hineinversetzen kann. Mit berührender, wunderbar ausphrasierter Intensität wendet sie sich etwa im dritten Akt in „Je dis que rien ne m´épouvante“ ein letztes Mal an Don José. Herausragend agiert auch Alexander Vinogradov als ein Escamillo, der mit virilem baritonalem Volumen und exzellentem Schauspiel in jeder Hinsicht als zunehmend in den Fokus von Carmen geratendes Objekt der Begierde taugt. Intonationssichere Höhen und langer Atem zeichnen Dmytro Popov als Don José aus. Mit schlankem Mezzo-Timbre und Beweglichkeit in allen Registern punktet Varduhi Abrahamyan. Darstellerisch bleibt sie allerdings etwas zurück, die Empörung über Don Josés Pflichtbewusstsein zur Unzeit hält sich in emotionalen Grenzen, auch die lasziv-erotische Attitüde und das aufbrausende Temperament gehen ihr ein wenig ab, hier und da fehlt die letzte glaubwürdig glühende Leidenschaft. Thomas Faulkner überzeugt als Zuniga.

Impulsive Spannung

Einen wichtigen Teil zum gelungenen Gesamtpaket trägt auch das Staatsorchester bei. Schon in der Ouvertüre ist mächtig dramaturgischer Dampf auf dem Kessel. Emmanuel Villaume am Pult weiß genau, wo er dynamische Spitzen und rhythmisch-perkussive Akzente setzten muss. Nicht nur spannungsgeladenes, impulsives Tutti, auch fein geschliffene instrumentale Passagen wie das Flötensolo zu Beginn des dritten Akts weisen den Klangkörper als nicht zufälligen Seriensieger bei der Wahl zum Opernorchester des Jahres aus. Nicht immer ganz mit dessen dynamischer Durchschlagskraft kann der Chor mithalten, gelegentlich fehlt es hier auch an Synchronität mit dem Orchester. Ohne Frage bleibt diese Produktion aber auch nach bald 30 Jahren ein Garant für gut gemachtes, spannendes Musiktheater.

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Kritik von Thomas Gehrig

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Carmen: Opéra comique in drei Akten von G. Bizet

Ort: Bayerische Staatsoper,

Werke von: Georges Bizet

Mitwirkende: Bayerisches Staatsorchester (Orchester), Alexander Vinogradov (Solist Gesang), Dmitry Popov (Solist Gesang)

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