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Sonntag, 23. Januar 2022

Mirka Wagner, Jörn-Felix Alt, Josefine Mindus, Julian Habermann, Copyright: Jaro Suffner

Mirka Wagner, Jörn-Felix Alt, Josefine Mindus, Julian Habermann, © Jaro Suffner

Semikonzertant in Berlin

Abschied unter Palmen

In Hawaii ist was los. Vor allem in Liebesdingen. Prinzessin Laya steht zwischen Prinz Lilo-Taro und dem Kapitän Reginald Stone. Der wiederum wird von Bessy Worthington, der Nichte des amerikanischen Gouverneurs, angehimmelt, die aus politischen Gründen Lilo-Taro ehelichen soll, sehr zum Kummer des sie verehrenden Sekretärs John Buffy. Und dann gibt es noch einen Entertainer namens Joker Jim, der die Jazzmusik auf die Insel mitgebracht hat und mit seinen Tanz- und Sangeskünsten die Gesellschaft unterhält. Um das Gefühlschaos in rechte Bahnen zu lenken, reisen alle nach Monte Carlo, wo weitere Verwicklungen anstehen.

Wir befinden uns in der Operette „Die Blume von Hawaii“ von Paul Abraham, die die Komische Oper am Ende einer wundersamen Entdeckungsreise durch die Unterhaltungskultur der Weimarer Republik semikonzertant präsentiert - ein Markenzeichen der Ära Barrie Koskys und ein maßgeblicher Beitrag zur Rehabilitation der im Nationalsozialismus verfolgten jüdischen Komponisten dieses Genres. Sie bleiben in Erinnerung, die Operetten von Emmerich Kálmán, Jaromir Weinberger, Oscar Straus und Nico Dostal. Und nicht zuletzt die Bühnenstücke von Paul Abraham, deren Revitalisierung die Komische Oper Berlin 2013 mit „Ball im Savoy“ einleitete und nun mit „Die Blume von Hawaii“, seiner populärsten, 1931 in Leipzig uraufgeführten Operette abschließt. Die gleichfalls geplante musikalische Komödie „Der Gatte des Fräuleins“, ein Budapester Frühwerk von 1928, fiel bedauerlicherweise der Pandemie zum Opfer.

Der ungarische Komponist war eine besonders tragische Figur. Er erkrankte im amerikanischen Exil so schwer, dass er jahrelang in psychiatrischen Kliniken untergebracht war. Und als Freunde seine Rückkehr nach Deutschland organisieren konnten, blieb er ein für immer geschädigter Mann. Dabei hatte er wie kein zweiter Jazz und Swing in die deutsche Operette eingebracht. „Die Blume von Hawaii“ verquirlt exotisches Abenteuer und amouröse Verwicklungen zu einem völlig überdrehten Plot. Um ihn dem Publikum verständlich zu machen, braucht es eine Conférencieuse von Format. So wie die für Katharina Thalbach eingesprungene Andreja Schneider, die im Frack ihre Texte und Pointen nonchalant und mit beiläufigem Witz serviert, kurzum: einfach hinreißend ist. Alma Sadé gibt eine verführerische Prinzessin, singt glamourös, tanzt fesch und legt eine überdrehte Schwips-Szene hin. „Will dir die Welt zu Füßen legen“ und „Ein Paradies am Meeresstrand“, so schmachtet sie Tansel Akzeybek als Prinz Lilo-Taro an, in Konkurrenz zu dem schneidigen, stimmlich attraktiven Kapitän von Johannes Dunz. Der lässt sich auch nicht von Mirka Wagners temperamentvoller Bessy becircen, die daraufhin endlich Julian Habermanns treuherzigen Buffy erhört. Jörn-Felix Alt als Joker Jim zeigt sich als Musicalalleskönner, der aus jeder der Nummern ein energetisches Highlight macht. Umso stärker dann der Kontrast, wenn er den Slowfox „Bin nur ein Jimmy“ ganz zurückgenommen vorträgt: als Song über Heimatlosigkeit und Ausgrenzung.

Koen Schoots entzündet mit dem Orchester der Komischen Oper, das den Swing mittlerweile im Blut hat, ein musikalisches Feuerwerk. Abrahams Melodien, so gespielt, sind einfach unwiderstehlich.

Mit einem lachenden und weinenden Auge verabschiedet sich das Publikum jubelnd von der liebgewordenen Winteroperette. Und hofft, dass diese Tradition – wie es Barrie Kosky in seinen Schlussworten andeutet – in ähnlicher Form fortgeführt wird.

Kritik von Karin Coper

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