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Sonntag, 29. Mai 2022

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Münchner Philharmoniker in der Isarphilharmonie, Copyright: Judith Buss

Münchner Philharmoniker in der Isarphilharmonie, © Judith Buss

Die Münchner Philharmoniker und Mao Fujita

Klanglich reflektiert

Ihr zweites Programm am vergangenen Wochenende spielten die Münchner Philharmoniker am Sonntagvormittag in der Isarphilharmonie. Zur Hälfte ist es deckungsgleich mit den beiden Vortagen, statt des G-Dur Konzerts op. 44 mit Alexandre Kantorow als Solist spielt diesmal zunächst Mao Fujita Tschaikowskys Klavierkonzert Nr. 1 b-Moll op. 23. Kaum vorstellbar, dass Tschaikowsky für sein heute weltbekanntes Werk anfangs vehemente Kritik des ursprünglich angedachten Widmungsträgers Nikolaj Rubinstein einstecken musste. Anders als sonst war der Komponist hier aber zu keinen Überarbeitungskonzessionen bereit, die Begeisterung Hans von Bülows, dem er es schließlich zueignete und der es 1875 in Boston uraufführte, gab Tschaikowskys Intuition am Ende Recht: Es wurde zu einem der größten Erfolge der pianistischen Konzertliteratur, maßgeblich dazu trug paradoxerweise dann doch noch auch Rubinstein bei.

Keim Limit für die Zukunft

Fujitas Ansatz ist pianistisch ein etwas anderer als der Kantorows. Weniger kraftbetont geht er den Kopfsatz in den berühmten Anfangsakkorden an, dafür setzt er stärker auf reflektierte Feinheit in der Klanggestaltung. Technisch geschliffene Brillanz versteht sich bei ihm von selbst, ein wenig fehlt dem lyrischen Seitenthema (noch) die Innigkeit. Auch im weiteren Verlauf stellt er nicht so sehr impulsive Explosivität in den Vordergrund, er rückt das virtuose "Flaggschiff" in ein mehr klangfokussiertes als effektbetontes Licht. Souverän aus mehrfach bewährter Zusammenarbeit gestaltet Valery Gergiev am Pult das thematische Frage- und Antwortspiel mit dem Solopart. In der Kadenz beeindruckt Fujitas variabler Anschlag bis in filigran herausgearbeitete Stimmen der linken Hand. Das Flötensolo zu Beginn des Mittelsatzes intoniert Herman van Kogelenberg glänzend. Im „Andantino semplice“-Teil spielt Fujita seine gefühlvolle Pianissimo-Stärke voll aus, im „Prestissimo“-Abschnitt beeindruckt wiederum seine technische Überlegenheit. Spielfreudige Virtuosität beherrscht den Schlusssatz, auch hier führt Fujita eher die feine klangliche Klinge, besteht aber dennoch mit Bravour im Oktav- und Akkordgewitter. Insgesamt packt er nicht so sehr die dynamisch zupackende Pranke aus wie etwa Denis Matsuev als einer der derzeit führenden Spezialisten für dieses Werk oder einst ein Richter oder Gilels. Beide Haltungen überzeugen aber – Fujita punktet mehr mit klanglich veredelter Eleganz als mit stürmischem Draufgängertum. Phänomenal spielt er als Zugabe das "Rondeau" aus Mozarts D-Dur-Sonate KV 311, mit perlenderer Leichtigkeit und unter höherem agogischem Starkstrom kann man sich diesen Satz kaum vorstellen. Dieses Mozartspiel macht augenblicklich süchtig, für den erst 23-jährigen (!) Japaner, der längst kein Geheimtipp mehr ist, scheint es mit Blick auf die Zukunft kein stilistisches, musikalisches oder technisches Limit zu geben.

Präzise durchleuchtet

Nach der Pause folgt am dritten Konzerttag in Folge Bruckners Symphonie Nr. 6 A-Dur WAB 106. Hier hätte man sich zur Abwechslung ein anderes Stück gewünscht – das allumfassende Bruckner-Repertoire der Philharmoniker hätte das ohne Weiteres hergegeben. An der überzeugenden Interpretation ändert das freilich nichts, charismatische Bass-Fülle eröffnet den Kopfsatz, Gergievs Dirigat durchleuchtet die Partitur präzise bis in die Mittelstimmen. Die weiten Wege, die Bruckner immer wieder geht, laufen bei Gergiev nie Gefahr, musikalisch ins Leere zu laufen. Bläsersätze erhalten bruchlosen Feinschliff, die Apotheose zum Ende des „Majestoso“ wirkt dynamisch weniger gedeckelt als am Freitag zuvor. Im "Adagio" schweben Streicherkantilenen noch raumgreifender als im "alten" Gasteig, zwingende Crescendi laufen auf dramaturgische Höhepunkte zu. Mit rhythmischer Spannung beginnt das „Scherzo“, auch hier reizt Gergiev das dynamische Blatt weiter aus als am Freitag. Mit leuchtenden Streicherfarben wird das „Finale“ ausgemalt, scharfgeschnittenes Blech setzt nochmals artikulatorische Nadelstiche.

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Kritik von Thomas Gehrig



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Münchner Philharmoniker: Gergiev/Fujita

Ort: Isar-Philharmonie,

Werke von: Peter Tschaikowsky, Anton Bruckner, Wolfgang Amadeus Mozart

Mitwirkende: Valery Gergiev (Dirigent), Münchner Philharmoniker (Orchester)

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