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Sonntag, 25. September 2022

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Münchner Philharmoniker, Copyright: Judith Buss

Münchner Philharmoniker, © Judith Buss

Die Münchner Philharmoniker und Alexandre Kantorow

Virtuoser Funkenflug

Den Auftakt zu einem Wochenende im Zeichen von Bruckner und Tschaikowsky bildete das Konzert der Münchner Philharmoniker in der Isarphilharmonie. Zugleich ist es eine Art Mini-Zyklus, beide Klavierkonzerte von Tschaikowsky werden aufgeführt, allerdings mit zwei unterschiedlichen Pianisten. Die Goldmedaille beim renommierten Moskauer Tschaikowsky-Wettbewerb zu gewinnen, ist für sich genommen schon eine herausragende Leistung. Alexandre Kantorow ist 2019 dazu noch das Kunststück gelungen, sich den in der mittlerweile über 60-jährigen Geschichte erst zum vierten Mal vergebenen Grand Prix zu erspielen.

Eingelöstes Versprechen

Das Klavierkonzert Nr. 1 b-Moll op. 23 kennt spätestens seit Erfindung der TV-Werbung jeder. Eher selten zu hören ist dagegen das G-Dur-Konzert op. 44, gespielt wird es hier in der ungekürzten Originalfassung. Kantorow und die Philharmoniker eröffnen mit griffiger Entschlossenheit, der Anschlag im Klavierpart ist dynamisch ausgefeilt bis in den subtilen Dialog mit der Flötenstimme. Kantorows Spiel besticht durch selbstbewusste Kraft und leichtgängige Eleganz in technisch noch so schwierigen Passagen wie den Hochfrequenz-Akkordkaskaden. Lediglich am Ende der Kadenz nimmt er etwas zu viel Pedal. Weitgehend ausgeglichen ist die Balance zum Orchester, nur an einigen wenigen Stellen deckt es die Solostimme zu. Beeindruckend gelingt der Mittelsatz. Was zunächst wie ein verkapptes Doppelkonzert für Violine und Violoncello (wunderbar vorgetragen von Konzertmeisterin Naoka Aoki, die erst kürzlich in Strauss´ „Heldenleben“ geglänzt hatte, und Floris Mijnders) anmutet, entwickelt sich zu einer kammermusikalisch intimen Konversation, in die Kantorow sich völlig uneitel einbringt. Virtuoses Glitzern und Funkenflug verbreitet der Schlusssatz voll spritziger, vitaler Frische, mit zuckenden Diskantblitzen und kraftstrotzenden Unisono-Skalen im Solopart. Kantorow löst das Versprechen seines Wettbewerbs-Sieges bedingungslos ein, auch damals hatte er übrigens in der Finalrunde mit diesem Stück gepunktet. An eine andere fulminante Aufführung des G-Dur-Konzerts in jenem Jahr mit den Münchner Philharmonikern und Denis Matsuev im Rahmen des damaligen großen Tschaikowsky-Zyklus´ unter Gergiev im „alten“ Gasteig erinnert man sich ebenfalls sehr gern zurück. Wieso es im Verhältnis zum ungleich populäreren Schwesterwerk noch immer ein derartiges Schattendasein führt, ist angesichts zweier so mitreißender Interpretationen umso unerklärlicher.

Fortgeführte Tradition

Ihre ausgewiesene Bruckner-Tradition haben die Münchner Philharmoniker seit dem Amtsantritt von Valery Gergiev konsequent fortgesetzt, spätestens seit ihrem grandiosen – auch auf DVD erschienenen – großen Zyklus haben sie gezeigt, dass sie in der „Bruckner-Liga“ ganz vorne mitspielen. Klare Strukturen, strahlende Bläsersätze und eine gut dosierte dynamische Bandbreite zwischen großflächigem Fortissimo und beredten Pausen prägen den Kopfsatz der Symphonie Nr. 6 A-Dur WAB 106. Am Konzertmeisterpult sitzt jetzt Lorenz Nasturica-Herschcowici. Gergiev und die Philharmoniker legen die langen musikalischen Wege ohne gefühlte Längen zurück. Ein kompaktes Streicherbild spannt die weitschweifigen Bögen des „Adagio“, die verzweigten Stimmen treten klar hervor. Gergiev zeigt sein klangliches Gespür für Raum und Zeit, die Wahl seiner Tempi überzeugt. Mit fein gehauchten Pianissimo-Atemzügen klingt der Satz aus. Im „Scherzo“ dreht Gergiev dynamisch zwar auf, das Pendel schlägt aber nicht bis ganz nach oben aus, möglicherweise gezielt deshalb, weil dem Saal eine gewisse akustische Neigung zur Lautstärkeunverträglichkeit nachgesagt wird. Etwas scharfzüngiger könnte das Pizzicato hier sein. Das „Finale“ entwickelt sich aus sanften Streicherimpulsen und einem empfindsam gesungenen zweiten Thema. Souverän gehen die Philharmoniker mit den thematisch zunehmenden Verdichtungen, mitunter schonungslos aufeinanderprallenden Klangblöcken und der Bruckner-typischen Terrassendynamik um. Ein vielversprechender Start ins spätromantische Wochenende.

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Kritik von Thomas Gehrig



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Münchner Philharmoniker: Gergiev/Kantorow

Ort: Isar-Philharmonie,

Werke von: Anton Bruckner, Peter Tschaikowsky

Mitwirkende: Valery Gergiev (Dirigent), Münchner Philharmoniker (Orchester)

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