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Freitag, 19. August 2022

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Dirigent Zubin Mehta, Copyright: Oliver Erenyi

Dirigent Zubin Mehta, © Oliver Erenyi

Das Orchestra del Maggio Musicale in Linz

Gewichtige Fragmente

Vor 12 Jahren war Zubin Mehta zuletzt im Brucknerhaus Linz zu Gast, nun kehrte er erstmals seither wieder zurück. Seinen dortigen Einstand gab hingegen das Orchestra del Maggio Musicale Fiorentino, mit dem Mehta seit Jahrzehnten zusammenarbeitet, seit 2006 ist er auch ehrenamtlicher Musikdirektor des gleichnamigen Festivals. Zwei gewichtige Fragmente stehen unter dem Motto „Wegweiser“ auf dem Programm, „Wegweiser“ deshalb, weil beide Werke bereits weit über den Horizont ihrer Zeit hinaus bis in die Moderne reichen.  

Mahler mit Anlaufzeit

Den Anfang macht Mahlers „Adagio“ Fis-Dur aus der Symphonie Nr. 10, hier braucht das Orchester zunächst etwas Anlaufzeit, um auf „Betriebstemperatur“ zu kommen. Etwas undifferenziert klingen die Streicher im Anfangsthema, aus dem sich eine klare Hornstimme erhebt. Dynamische Gesten könnten weiter ausholen, Pizzicati könnten prägnanter sein, der Artikulation geht gelegentlich die schneidende Akzentuierungsschärfe ab. Zu oft vermisst man emotionale Radikalität, die dramatische Zuspitzung. So entfalten etwa die harmonischen Reibungspunkte über dem Trompetensolo nicht ihr ganzes "Konfliktpotential", zu selten bricht sich die hinter vordergründig trügerisch lyrischen Themen lauernde innere Zerrissenheit von Mahlers Tonsprache Bahn. Phrasen haben zum Teil etwas blasse Gestalt, insgesamt wirkt die Interpretation seines symphonischen Vermächtnisses etwas unverbindlich.

Wiener Klang aus erster Hand

Umso verbindlicher wird es nach der Pause: Einen besonderen Bezug hat Mehta zu Bruckner. Dabei ist er, wie er selbst sagt, bekennend dem Wiener Klang verbunden. Seit 1961 arbeitet er zusammen mit den Wiener Philharmonikern, da ist es kein Zufall, dass deren ehemaliger Konzertmeister Rainer Küchl in enger Verbundenheit aus früheren Tagen auch bei den Kollegen aus Florenz am ersten Pult sitzt. Die Symphonie Nr. 9 d-Moll WAB 109 hat Mehta schon einmal in Linz dirigiert, damals allerdings mit dem Los Angeles Philharmonic. Verschiedenen irdischen Widmungsträgern, darunter seinem künstlerischen Idol Richard Wagner, hatte Bruckner schon seine vorangegangenen Symphonien zugeeignet, die „Neunte“ angeblich „dem lieben Gott“. Hier ist im Kopfsatz das bei Mahler noch vermisste warme, homogene Streichertimbre sofort da, von Anfang an erkennt man eine klare musikalische, Bruckner-kundige Handschrift. Die Proportionen stimmen bis in die eindringlichen Horn-Rufe, Mehta dirigiert (auswendig) mit feinem Gespür für die formale und musikalische Anlage. Pausen lässt er vielsagend sprechen, seine Agogik ist ausgefeilt, Tempi sind schlüssig bis ins Accelerando. Markante Pizzicato-Spannung herrscht unmittelbar zu Beginn des „Scherzo“, geballte Energie wird in den dissonant pochenden Akkorden frei. Stringent steuert Mehta Höhepunkte an, thematische Entwicklungen wirken bis ins Trio wie aus einem majestätischen Guss. Auch im „Adagio“ passt klanglich alles bis hin zur stilsicher empfundenen, unverkennbaren Wagner-Nähe. Saubere Holzbläserarbeit überzeugt ebenso wie strahlendes Blech, das Choralthema erhebt sich in weihevoll erhabene Sphären. Wo eben noch die typisch Bruckner´sche Klangwucht den Hörer mitreißt, lässt Mehta im nächsten Moment abrupt die Zeit stillstehen. Maximale Intensität und Konzentration bleiben bis zum Schluss, der mit luxuriös lang angehaltenem Atem der Hörner und Wagner-Tuben ausklingt. Die stehenden Ovationen sind angemessen, das Orchestra del Maggio Musicale Fiorentino feiert unter Altmeister Mehta ein gelungenes Debüt im Brucknerhaus und kommt hoffentlich wieder – gerne mit Bruckner.

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Kritik von Thomas Gehrig



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Orchestra del Maggio Musicale Fiorentino: Zubin Mehta

Ort: Brucknerhaus,

Werke von: Gustav Mahler, Anton Bruckner

Mitwirkende: Zubin Mehta (Dirigent), Orchestra del Maggio Musicale Fiorentino (Orchester)

Detailinformationen zum Veranstalter Brucknerfest Linz

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