> > > > > 19.11.2021
Sonntag, 5. Dezember 2021

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Cinderella, Copyright: Serghei Gherciu

Cinderella, © Serghei Gherciu

Cinderella-Premiere des Bayerischen Staatsballetts

Magische Märchenwelt

2012 wurde Christopher Wheeldons Choreographie zu Sergej Prokoffjews Ballett „Cinderella“ in Amsterdam beim Dutch National Ballet uraufgeführt. In Kooperation mit dem San Francisco Ballet ist die Produktion entstanden, ein Jahr später ging sie dort erstmals über die Bühne. Nun fand die mit Spannung erwartete Premiere am Nationaltheater München statt, zum großen Glück des Bayerischen Staatsballetts konnte der Termin noch vor Inkrafttreten neuerlicher coronabedingter Verschärfungen und Absagen gehalten werden.  

Große Erzählkunst

Zwei literarische Ebenen führt Wheeldon zusammen, das französische Märchen von Charles Perrault auf der einen, die Vorlage der Gebrüder Grimm auf der anderen Seite. Auf letztere hat er, wie er erzählt, den Schwerpunkt gelegt, deren düstere, unruhige Perspektive wollte er in den Vordergrund stellen. Auch eine Prise Rossini hat er aus dessen Opernversion beigemischt, worauf er erklärtermaßen besonderen Wert legt, ist die erzählerische Komponente. Avantgardistische Abstraktion ist nicht seine Sache, auch das technische „höher, schneller, weiter“ der jüngeren Generation strebt er nicht an – was nicht heißt, dass seine Ideen nicht tänzerisch anspruchsvoll wären. Und große Erzählkunst ist es wahrlich, die er hier bietet: In allen Details und mit feinem Gespür für die psychologische Ausdeutung der Charaktere entwickelt er die Handlung. Am Beginn steht die Vorgeschichte: Aus den Tränen, die Cinderella am Grab der tragisch früh verstorbenen Mutter weint, wächst mittels eindrucksvoller Projektionstechnik ein wundersam grünender Baum, der im weiteren Verlauf als eine Art „Leitmotiv“ dient. Die Geschichte wird flankiert von geschickt eingebauten Figuren, an erster Stelle die „Vier Schicksale“, die über Cinderella wachen und ihre Geschicke in die richtige Richtung lenken. Dazu gesellen sich je nach Jahreszeit gute Geister der Leichtigkeit (Frühling), des Fließens (Sommer), des Großmuts (Herbst) und des Geheimnisses (Winter). Der märchenhaften Fantasie sind buchstäblich keine Grenzen gesetzt, da schweben Stühle, leuchten Sterne, fallen Schneeflocken und zieren Kronleuchter die Baumkronen. Geschickt sorgt Wheeldon dafür, dass auch der Spaß nicht zu kurz kommt, immer wieder platziert er Gags und Pointen, die gelegentlich (auch tänzerisch) an den witzig-frechen Charme der Inszenierungen John Crankos erinnern. Da wird schon mal mit der "Holzhammer-Methode" versucht, den nicht passenden Schuh passend zu machen oder torkelt die frustriert beschwipste Stiefmutter orientierungslos über die Bühne. All das wird szenisch ideal getragen von märchenhaft schönen und ästhetischen Bildern mit brillantem Sinn für Farben, optische Gesten und Formen. Wheeldon findet dabei die perfekte Mischung zwischen rasanter Dynamik und gefühlvollem Innehalten. Seine vielseitige und abwechslungsreiche Choreographie, die moderne Aspekte auf klassischem Tanz aufbaut und gerne auch mal Show-Elemente einstreut, ermöglicht es den Tänzern, denkbar viele Facetten ihres Könnens zu zeigen.  

Perfekte Synthese

Auch tänzerisch ist diese Premiere erstklassig besetzt. Die aus Wien gekommene Madison Young ist als erste Solistin ein echter Gewinn für das Bayerische Staatsballett, ihr kauft man die Titelrolle bedingungslos ab. Traumwandlerisch sicher bewegt sie sich mit ausdrucksstarkem Port de bras durch das Wechselbad der Gefühle zwischen traurigem Schicksal und genüsslich, aber nicht kitschig ausgekostetem Happy-End. Mit schwereloser Grazie lässt sie in der Interaktion mit den vier „Schicksalen“ auf Händen tragen, technisch ist sie (etwa in den Fouettés en tournant) über jeden Zweifel erhaben. Das gilt auch für Jinhao Zhang als Prinz Guillaume, der mit elastischer Körperspannung, landungssicheren Sprüngen und mal kindlich verspielter, mal aristokratisch-eleganter Attitüde glänzt. Drei Pas de deux tanzt das Traumpaar – einen besonders ausladenden im dritten Akt, beide harmonieren in perfekter tänzerischer Synthese. Elvina Ibraimova (Edwina) und Bianca Teixeira (Clementine) verkörpern auf liebenswerte Art die einfältig-versnobten Stiefschwestern, Prisca Zeisel überzeugt als glücklos-fiese Stiefmutter, Jonah Cook als agiler Benjamin (Freund des Prinzen). Nicht zu vergessen das Corps de ballet mit magisch schönen, fast immer synchronen Ensemble-Szenen. Bewundernswert auch, wie akkurat das gesamte Team hinter der Bühne die immens aufwendigen, teils sekundengenau getakteten Abläufe meistert.

Auch das Bayerische Staatsorchester unter Leitung von Gavin Sutherland trifft den richtigen Prokoffjew-Ton und stellt die dunkle Seite ebenso wie die perkussiv-dynamische und den musikalisch hintersinnigen Humor gut heraus. Die Tempi sind mit dem Bühnengeschehen gut abgstimmt. Kein Zufall bei diesem Gesamtpaket, dass an diesem Abend viele kleine und junge Besucher im Theater und unter denjenigen sind, die am längsten applaudieren. Wheeldons Erzählkunst schafft genau genau das, wozu gutes (Tanz-)Theater idealerweise imstande ist: Wer in diese magische Märchenweilt eintaucht, vergisst komplett, dass es draußen so etwas wie Corona gibt. Auch unabhängig davon wird dieses Ballett hoffentlich lange seinen magischen Glanz im Nationaltheater verbreiten.

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Kritik von Thomas Gehrig

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