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Sonntag, 5. Dezember 2021

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Zuschauerraum, Copyright: Peter M. Mayr

Zuschauerraum, © Peter M. Mayr

Theodora am Theater an der Wien

Glaubwürdiger Glaubenskampf

Zu Lebzeiten war Händels Oratorium „Theodora“ kein Erfolg, das war allerdings auch auf äußere Umstände zurückzuführen: 1750, im Jahr der Uraufführung, wurde London von einem Erdbeben erschüttert, zahlreiche Menschen waren vorübergehend aus der Stadt geflüchtet, die Theater infolgedessen nicht gut besucht. Verantwortlich dafür, dass das Stück auch in der Folgezeit nur noch wenige Male gespielt wurde, war zudem das Libretto. Reverend Thomas Morell (1703-1784) hatte den Text - wie u.a. für die ungleich erfolgreicheren Oratorien „Judas Maccabäus“ und „Jephta“ - verfasst. Im Fall von „Theodora“ wurde aber nicht einer der beim Publikum beliebten alttestamentarischen Stoffe vertont, zudem hat das Stück einen tragischen, nicht harmonisch aufgelösten Ausgang. Händel selbst betrachtete es indessen als eines seiner besten Werke, sein besonderer Umgang mit dem Stoff wird sowohl anhand äußerer als auch innerer Merkmale deutlich: Die Musik besitzt einen eher zurückhaltend verinnerlichten Tonfall, die Instrumentierung ist vergleichsweise sparsam, auf Blechbläser wird größtenteils verzichtet, die Tempi bewegen sich überwiegend in moderaten bis langsamen Sphären.

Durchlebte Gemütszustände

In prominenter Besetzung wurde das bis heute relativ selten aufgeführte Stück im Theater an der Wien in einer konzertanten Fassung gespielt. Ein Bühnenbild ist entsprechend nur angedeutet, die Darsteller agieren vor einer kargen, rückwärtig leicht ansteigenden Steinwüste. Unter ihnen ragt in der Geschichte um zwei standhafte Liebende inmitten des Glaubenskampfs zwischen Christen und römisch-heidnischem Brauchtum Joyce DiDonato als Irene heraus. Stimmlich glänzt sie mit geschmeidigen Koloraturen, subtilem Messa di voce und dynamischem Facettenreichtum in feinstes Pianissimo. Immer wieder spannt sie wunderbar tragfähige weite melodische Bögen, mit ihr durchlebt man als Zuhörer förmlich die Gemütszustände der Rolle. Darstellerisch verkörpert sie diese auch in der konzertanten Aufführung rundum glaubwürdig, bei ihrer souveränen Ausstrahlung genügen dafür oft kleine Gesten und dezente Mimik in der Kommunikation mit den anderen Figuren. Die Titelrolle verkörpert bei ihrem Debüt am Theater an der Wien Lisette Oropesa, auch ihr nimmt man die musikalisch dargestellten Affekte bis in die resignierte Schicksalsergebenheit glaubwürdig ab. Schauspielerisch lässt sie sich allerdings leider nicht wirklich auf die Interaktionsangebote, die ihr etwa ihr Geliebter Didymus (Paul-Antoine Bénos-Djian) macht, ein. Dessen Counter-Timbre ist höhensicher, seine Stimme verfügt über unangestrengte Beweglichkeit in allen Registern. Voll und ganz überzeugt auch Michael Spyres als Septimius, sein Ton ist stabil bis in die Spitzentöne, er phrasiert schlank und natürlich. John Chest gibt einen unnachgiebigen Herrscher Valens mit voluminösem Charisma und leidenschaftlich emotionalem Furor, beispielsweise in „Cease, ye slaves, your fruitless pray´r!“. Fast alle Darsteller singen in ihrer Muttersprache, das sorgt für hohe Textverständlichkeit sowohl in den Accompagnato-Rezitativen als auch in den Arien.

Originalklang-Kompetenz

Hörbar kompetent spezialisiert sind Chor und Orchester „Il pomo d´oro“. Unter Leitung von Maxim Emelyanychev als seit 2016 amtierendem Chefdirigent zeichnen sich die erfahrenen Originalklang-Ensembles durch ausgewogene Balance und kontrapunktische Genauigkeit aus. Mit feinem stilistischem Gespür trägt das Orchester mal einfühlsam die Singstimmen, setzt mal treibende agogische Impulse. Schon mehrfach hat Joyce DiDonato mit „Il pomo d´oro“ zusammengearbeitet, im Anschluss an die aktuelle „Theodora-Tournee“ soll es auch eine szenische Produktion in der Stadt der Uraufführung am Royal Opera House geben. Das wäre dann vollends das Sahnehäubchen auf einer hochkarätigen Vorstellung, die am Theater an der Wien zu Recht begeistert aufgenommen wird.

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Kritik von Thomas Gehrig

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Theodora: Oratorium in drei Teilen

Ort: Theater an der Wien,

Mitwirkende: Joyce DiDonato (Solist Gesang)

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