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Donnerstag, 11. August 2022

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L'amour de loin, Copyright: Paul Leclaire

L'amour de loin, © Paul Leclaire

"L'Amour de loin" in der Oper Köln

Fernliebe

Ohne Genderdebatte wären wir wahrscheinlich nicht in den Genuss gekommen, die besonderen, fließenden und perlenden Klangbilder der Komponistin Kaija Saariaho kennenzulernen. Mit stimmiger Regie und künstlerischem Bühnenbild, mit elektronischen Einspielungen, einem wunderbar aufspielenden Gürzenich-Orchester und Chor der Oper Köln, mit einem empathisch interpretierenden Solistenensemble - unter der Leitung Constantin Trinks und unterstützender Mitdirigenten - feierte die Oper Köln jüngst die Premiere der ersten Oper Saariahos „L’amour de loin“. Die Oper wurde 2000 während der Salzburger Festspiele uraufgeführt und handelt von ideellen Bildern und Werten, Sehnsucht und Heimatliebe.

Grundlage ist die Legende des Jaufré Rudel aus dem 12. Jahrhundert. Der Troubadour verliebte sich unsterblich in die Gräfin von Tripolis, nachdem Pilger ihm von ihrer Schönheit berichtet hatten. Er schloss sich dem Zweiten Kreuzzug an, um der Schönen persönlich zu begegnen, erkrankte jedoch auf der Überfahrt schwer und verstarb bei der Ankunft in den Armen der Geliebten. Anschließend lebte die Gräfin, beeindruckt von seiner Liebe, zurückgezogen in einem Kloster. 

Paukenwirbel, Streichertremoli, vielfältige Einzelfarben, die auf- und abschwellen, sich zu dissonanten Trauben verdichten und in lauter Bläserdissonanz entladen. Gleich zu Beginn der Oper erlebt man musikalisch durchhörbar die spannungsgeladene Lebenskrise Jaufrés und taucht mit Harfen, Flöten und allerlei Schlagwerk zugleich kunstvoll ein in die mittelalterliche Klangwelt der Troubadours. In einer Art innerer Emigration beginnt Jaufré, die Schönheit und Tugend einer idealisierten Geliebten zu erschaffen. „Prinzessin mit dem Herzen einer Bäuerin, Bäuerin mit dem Herzen einer Prinzessin“ heißt es dazu im Libretto von Amin Maalouf. Ohne zunächst ihren Namen zu nennen, berichtet eine Pilgerin, sie in Tripolis gesehen zu haben. 

Im zweiten Akt folgt der Auftritt der jungen, im Orient lebenden und ihre Heimat Toulouse vermissenden Clémence. 

Der dritte Akt ist ein tiefgründiger Einblick in die zwischen Abwehr und Faszination schwankenden Emotionen und die Psyche des Protagonisten bzw. der Protagonistin. Jaufré - Holger Falk führt eindrücklich den lyrischen Gesang und dramatischen Furor vor Augen -  ist erbost darüber, dass der Pilger bzw. die Pilgerin der fernen Geliebten seinen Namen und Stand verraten hat, während Clémence  - Emily Hindrichs adelt die Rolle mit vollmundigem Stimmklang, leichtem Vibrato und ganz die Sprache in den Vordergrund rückenden, dramatischen Eleganz - während also Clémence in der zweiten Szene des dritten Aktes voller Entzücken und Andacht und eines hier instrumental eingesetzten Chores und eingespieltem Vogelgezwitscher in kunstvollen, okzitanischen Troubadourgesängen die Heimat wieder auferstehen lässt.

Regisseur Johannes Erath hat den Pilger - anrührend interpretiert von Adriana Bastidas-Gamboa - in Elle (Silke Natho) und Lui (Daniel Calladine) gedoubelt, und führt so die Unterschiedlichkeit und Widersprüchlichkeit des Begehrens und zugleich verbindende Rolle der Kunst vor Augen. Passend dazu das Bühnenbild von Bernhard Hammer. Wunderbar, wie der große Chor und das Orchester sich wie ein Wellenberg über die gesamte Breite des Staatenhaussaales ergießt und Jaufrés inneres, mit Videoeinspielungen bebildertes Gefängnis auf der linken Seite und die eine Welle darstellende, drehende Plastikinsel von Clémence miteinander verbindet.

„In diesem Augenblick habe ich alles, was ich begehre“ bekennt Jaufré im fünften Akt in den Armen seiner fernen Geliebten und stirbt. Auch die polyphone Farbenvielfalt des Orchesters erstirbt jetzt in Unisono und Stille. Clémence erhebt sich. Aber nicht um zu beten, wie es das Libretto vorsieht, sondern um dem wirklichen Troubadour zu begegnen und sich langsam im Tanze mit ihm zu drehen. Es wäre ein wunderbarer, das romantische Liebesideal verkörpernder Schluss gewesen. Aber - die Oper setzt erneut ein. 

„Schweig, Frau, deine Leidenschaft verwirrt dich!“ wird Clémence vom gesamten Chor zurecht gewiesen, sucht die Schuld bei sich, lässt die Leidenschaft verstummen und beginnt zu beten - ganz im Sinne eines, mittelalterlichen, fernen Liebesideals. Die letzten Worte gehören dem bzw. der Pilgerin: „(…) glaubte ich, die weißen Fäden eines Hochzeitskleides zu weben, Aber ohne es zu wissen, webte ich ein Leichentuch.“

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Kritik von Ursula Decker-Bönniger

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L'Amour de loin: Oper von Kaija Saariaho

Ort: Oper,

Werke von: Kaija Saariaho

Mitwirkende: Constantin Trinks (Dirigent), Gürzenich-Orchester Köln (Orchester)

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