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Sonntag, 24. Oktober 2021

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Teodor Currentzis, Copyright: Alexandra Muravjeva

Teodor Currentzis, © Alexandra Muravjeva

musicAeterna im Wiener Konzerthaus

Entfesselte Kräfte

Vielerorts machen sich Auswirkungen der Corona-Krise derzeit bemerkbar, auf den Rängen einiger Opern- und Konzerthäuser klaffen zum Teil deutliche Lücken. Nicht so, wenn Teodor Currentzis kommt, das Gastspiel mit seinem Ensemble musicAeterna war schon im Vorfeld ausverkauft.

Oft und gern macht Currentzis sich für zeitgenössische Komponisten und avantgardistische Strömungen stark, auf dem Programm im Wiener Konzerthaus steht zunächst die österreichische Erstaufführung des Stücks „Anaphora“ von Alexey Retinsky (*1986). Retinsky ist u.a. Schüler von Beat Furrer, bei dem er seine Studium in Graz abschloss. Tatsächlich war es Currentzis, der ihn entdeckte und sich als erster für die Aufführung seiner Werke einsetzte, so wurde er 2020 auch erster "Composer in Residence" des musicAeterna-Kulturzentrums.  

Hochtönig flirrende Holzbläsersphären zu Beginn werden von dezenten Streichern aufgegriffen, ein leichter perkussiver Schleier legt sich darüber. Auch auf klanglich multiplen Ebenen der auf dem Pult liegenden XXL-Partitur sorgt Currentzis für klare Konturen. Retinskys Musik ist häufig experimentell angehaucht, elektronisch erzeugte Klänge lässt er ebenso einfließen wie hölzerne Klopfgeräusche oder zugespielte Naturlaute. Currentzis hält die Spannung dieser Zustände eindringlich aufrecht. Retinsky lebt selbst seit vielen Jahren in Wien, da ist es naheliegend, dass er persönlich anwesend ist und zum Applaus auf dem Podium erscheint. Sein erst in diesem Jahr entstandenes Werk wird freundlich aufgenommen.

Wechselbad der Emotionen

Bereits mehrfach hat Currentzis, auch als parallel amtierender Chef des SWR-Sinfonieorchesters, im Konzerthaus schon mit Mahler begeistert, er gehört zu seinen musikalischen Hausgöttern. Die Symphonie Nr. 5 gibt es nach der Pause, im Gegensatz zur ersten Hälfte spielen die hohen Streicher hier, wie bei musicAeterna meist üblich, stehend. Nur wenige Sekunden dauert es nach dem lupenrein intonierten Trompetensolo, bis einen die Unmittelbarkeit und Intensität dieses Musizierens packt – und bis zum Schluss nicht mehr loslässt. Samtige Streicher, wuchtige Detonationen, messerscharfe Blechkanten, ein vitaler rhythmischer Pulsschlag sind Ausdruck höchster Intensität. Dynamisch so einladende Anweisungen Mahlers wie „so vehement als möglich“ nimmt einer wie Currentzis natürlich dankend an. Mitreißende Urgewalt eröffnet den zweiten Satz, entfesselte Kräfte werden an genau den richtigen Stellen freigesetzt, auch Currentzis' intimem Pianissimo kann man sich nicht entziehen. Durch ein regelrechtes Wechselbad der Emotionen schickt er die Zuhörer, sein Dirigat schneidet typisch Mahler'sche, musikalisch-sarkastissche Fratzen und Grimassen.

Neue Perspektiven

Nach so viel schwerem Pathos gewinnt zu Beginn des „Scherzo“ tänzerisch schwerelose Leichtigkeit die Oberhand, agogisch herrlich dehnbares Streicherrauschen, prägnantes Pizzicato und trügerisch kurze, wienerisch wogende Walzerseligkeit sorgen für effektive Kontraste. Nach einer ausgiebigen Trinkpause vor dem „Adagietto“ taucht Currentzis ein in dessen ganze melodisch verklärte Schönheit, der Satz wird zur glühenden Liebeserklärung, als die er inhaltlich gerne verstanden wird. Nichts wirkt dabei, wie Currentzis oft angekreidet wird, theatralisch, alles erscheint musikalisch schlüssig durchdacht. Im „Finale“ herrscht geschliffene Fugato-Präzision, Currentzis´ direkten Draht zu seinen Musikern merkt man deren frischer, inspirierter Spielweise an. Mahler selbst äußerte sich ob der überwiegend distanzierten Rezeption resigniert über sein Werk: „Die Fünfte ist ein verfluchtes Werk, niemand capiert sie“ – an diesem Abend kapiert sie garantiert jeder! Stehende Ovationen sind die logische Folge. Der Abend beweist außerdem: Ob (wie zuletzt in Salzburg) Mozart, Mahler oder Moderne, Currentzis ist stilistisch ungemein vielseitig. Von lieb gewonnenen Hörgewohnheiten muss man sich dabei auf der einen Seite verabschieden. Das gilt stellenweise auch für die Tempi bei Mahler. Dafür bekommt man Stimmen, die man sonst oft nicht hört und etwas, worum es musikalischer Interpretation gerade immer wieder zu tun sein sollte: Neue Perspektiven. Dass er sich damit musikalisch nicht nur Freunde macht, nimmt Currentzis künstlerisch konsequent in Kauf.

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Kritik von Thomas Gehrig

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musicAeterna/Teodor Currentzis: Mahler#5

Ort: Konzerthaus,

Werke von: Alma Mahler

Mitwirkende: Teodor Currentzis (Dirigent), Musica Aeterna Bratislava (Orchester)

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