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Sonntag, 24. Oktober 2021

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Klaus Mäkelä bei der Probe, Copyright: Astrid Ackermann

Klaus Mäkelä bei der Probe, © Astrid Ackermann

Das BRSO unter Klaus Mäkelä

Meisterhafter Mahler

Gleich zwei Premieren waren in dieser Konzertwoche des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks zu erleben, im Gepäck hat sie Frank Peter Zimmermann, der dem Klangkörper schon seit Jahrzehnten solistisch-freundschaftlich verbunden ist. Erst im vergangenen Jahr debütiert hatte beim BRSO hingegen Klaus Mäkelä, das allerdings mit solch einem Erfolg, dass der junge Finne seither bereits zum dritten Mal binnen kurzer Zeit am Pult steht.

Expressiv geformt

Zimmermann trifft den derben Volkston im ersten Abschnitt („Lassú“) von Bartóks Rhapsodie Nr. 2 für Violine und Orchester Sz 90 perfekt und ohne affektierte Übertreibungen, ausgefeilt gelingt der subtile Dialog mit dezenten Schlagwerkimpulsen. Das tänzerische Temperament und die wechselvolle Agogik bringen er und das BRSO im zweiten Teil („Friss“) auf den Punkt, technisch überlegen spielt Zimmermann mit Passagenwerk, das BRSO sorgt für den Schuss orchestrale Explosivität durch impulsive Be- und Entschleunigung. Souverän meistert Zimmermann die anspruchsvolle „Toccata“ in Bohuslav Martinůs „Suite concertante“ für Violine und Orchester H 276a, das BRSO beleuchtet dazu knallige Farbspektren. Die „Aria“ kosten Zimmermann und seine „Lady Inchiquin“ (Stradivari 1711) mit expressiv geformten Phrasen aus. Es herrscht ausgewogene Balance zwischen Solopart und Orchester. Im "Scherzo“ begeistert verspielte, wohltuend unprätentiöse Virtuosität. Im „Rondo“ bricht sich inspirierte Spielfreude vor wunderbar breitwandiger Orchesterkulisse Bahn, Zimmermann zeichnet filigrane Flageolett-Linien. Ebenso behutsam schwebend wie markant artikuliert spielt Zimmermann Bachs C-Dur-Adagio als Zugabe.

Meisterhafter Mahler

Besetzungsmäßig stark ausgedünnt ist Mahlers Symphonie Nr. 4 G-Dur, die letzte in der „Wunderhorn“-Reihe, im Vergleich zu den drei vorangegangenen. Charakterlich und thematisch ist sie deshalb nicht weniger doppelbödig und vielschichtig, Mäkelä und das BRSO gehen hervorragend mit all diesen Facetten um. Zu Beginn breitet sich kantable, aber nicht ins Süßliche kippende Streicherwärme aus. Prägnant, aber nicht zu aufdringlich klingt das „Schellenmotiv“. „Nicht schleppend“ ist eine der Lieblingsanweisungen Mahlers. Die wird in diesem Fall zwar nicht verwendet, die Gefahr ist aber auch hier allgegenwärtig. Nicht so bei Mäkela, er bleibt stets metrisch fokussiert. Intuitiv trifft er den mal latent, mal offenkundig ironisierenden Tonfall, die mal „unaufgeräumten“, mal sehnsuchtsvoll-schmerzlichen Zustände. Konturen sind feingeschliffen, instrumental hervorzuheben ist das exzellente Horn-Solo zum Ende des ersten Satzes. Pointiert zur Geltung kommt die grotesk verzerrte Note des zweiten Satzes, sogar die unterschwellige Portion Wienerischen „Schmäh“ bringt Mäkelä mit, trifft auch hier wieder die mal jäh verstörend lärmende, dann wieder melancholische Haltung. „Ruhevoll“ ist der dritte Satz überschrieben, bei Mäkelä ruht er wirklich in sich – ohne musikalisch zu langweilen. Gefühlvoll spannt er melodische Bögen und lässt schon auf das „Adagietto“ der Fünften hinausweisende Kantilenen aufblühen, vergisst  dabei aber nicht den musikalischen Blick für sich plötzlich auftuende emotionale Abgründe. Die programmatischen „himmlischen Freuden“ kann man im Schlusssatz mit Anna Lucia Richters warmer Mezzo-Stimme genießen. Sie überzeichnet, wie häufig zu erleben, deklamatorisch nicht, sondern überzeugt durch angenehm unaufgeregte, natürlich wirkende Phrasierung. Das Ganze bei hoher Wortverständlichkeit. Mäkelä stellt die ideale klangliche Relation zwischen Singstimme und Orchester her und hält die Spannung noch lange über den letzten Ton hinaus. Ihm und dem BRSO gelingt das bei Mahler so schwierige Kunststück, eine musikalische Selbstverständlichkeit herzustellen. Spontane Assoziation: Hoffentlich kann man Mäkelä und das BRSO noch öfter – gerne auch mit dem ganz großformatigen Mahler – hören!

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Kritik von Thomas Gehrig

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BRSO: Klaus Mäkelä

Ort: Residenz (Herkulessaal),

Werke von: Béla Bartók, Bohuslav Martinu, Gustav Mahler

Mitwirkende: Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (Orchester), Frank Peter Zimmermann (Solist Instr.)

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