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Sonntag, 24. Oktober 2021

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Nicolai Szeps-Znaider, Copyright: Wilfried Hösl

Nicolai Szeps-Znaider, © Wilfried Hösl

Das Bayerische Staatsorchester und Fabio Luisi

Spätromantischer Auftakt

Das erste Akademiekonzert der Saison spielte das Bayerische Staatsorchester zu Wochenbeginn unter Leitung von Fabio Luisi im Nationaltheater. Spätromantisches Repertoire stand dabei auf dem Programm, als prominenter Solist agiert Nikolaj Szeps-Znaider. Eher selten ärgert sich ein Komponist über den Erfolg seines Werks, im Fall des Violinkonzerts Nr. 1 g-Moll op. 26 von Max Bruch störte diesen die nahezu alleinige öffentliche Wahrnehmung dieses Stücks so sehr, dass er die Aufführung in scherzhaft-polemischer Verbitterung per Dekret verbieten lassen wollte. In feinen Holzbläsersphären hebt das Staatsorchester an, schon bei seinem frühen ersten Einsatz offenbart sich der volle, warme Klang von Szeps-Znaiders Tongebung und seiner 1741er-Guarneri „ex Kreisler“ im charakteristisch aufsteigenden Motiv bis hinauf zur expressiv gehaltenen Fermate.

Solistische Klasse

Szeps-Znaider ist selbst auch versierter Dirigent, da wundert es nicht, dass Koordination und klangliche Balance zwischen Solopart und Orchester wirklich genau passen. Nicht schlüssig wirkt allerdings die Tempo-Bremse kurz vor der Kadenz. Wunderbar warm gesungen gelingt das „Adagio“, in dem Szeps-Znaider die ganze Bandbreite seines variablen Vibrato ausspielen kann. Etwas verhalten hingegen bleibt das Tempo des Finales, dazu hemmen zu ostentative Zäsuren in der Phrasierung den musikalischen Fluss. Rhythmisch prägnante, charismatische Artikulation und technisch glänzend gemeisterte Doppelgriffe weisen dennoch jederzeit Szeps-Znaiders solistische Klasse aus. Für warmen Applaus bedankt er sich nach einer sympathischen kurzen Ansprache, in der er seine Wertschätzung der wieder erlangten Konzertfreiheit zum Ausdruck bringt, mit Bachs stimmlich und musikalisch sensibel vorgetragener h-Moll-Sarabande.

Zu braver Bruckner

Einen vielfältigen persönlichen Bezug zu München hatte Anton Bruckner, hier feierte er große Erfolge mit seiner vierten und siebten Symphonie. Vergleichsweise selten wird seine Symphonie Nr. 2 c-Moll WAB 102 gespielt, in der Fassung von 1877 (Nowak-Ausgabe) ist sie hier zu hören. Aus schwelgerischen Streichersphären und sonoren Bässen kristallisieren sich feine Flötenstimmen heraus, das Staccatissimo in den Streicherfiguren des C-Teils würde man sich etwas pointierter wünschen. Crescendi und Steigerungen werden prinzipiell umsichtig aufgebaut, der Mut zur pompösen, auch mal „giftigen“ Blech-Geste fehlt insgesamt aber. Sauber aufgefächerte Bläserblöcke überzeugen unter Führung von majestätisch strahlenden Hörnern, polyphone Elemente sitzen. Den Spitznamen „Pausensinfonie“ brachte dem Werk seine ursprünglichen Fassung ein, auch in der insoweit „entschärften“ zweiten Version hält die musikalische Bewegung mehrmals signifikant inne, Luisi bringt solche Moment gut zur Geltung. Sinnliche Andante-Wärme strahlt der zweite Satz aus, sorgfältig geht das Staatsorchester auch mit kleinteiligen, zerbrechlichen Formen, etwa der intimen Konversation zwischen Pizzicato und Solo-Horn um. Weithin herrscht Holz- und Blech-Präzision, prall gesättigte Streicherfülle sucht sich immer wieder Pianissimo-Rückzugsorte, wenn auch die weit geschwungenen Kantilenen nicht die einst legendäre stoische Münchner „Celibidache“-Ruhe ausstrahlen. Im „Scherzo“ vermisst man etwas die Ecken und Kanten im Blech, dagegen fesselt flimmerndes Streicherleuchten im „Trio“. Nicht ganz griffig werden die Akzente im „Finale“ gesetzt, dynamische Abstufungen, rhythmische Schärfe und wellenförmige Streicherbewegungen haben nicht die letzte Intensität. Im Schlusssatz ein alles in allem zwar sauber gespielter, aber zu braver Bruckner. Die lokale Konkurrenz unter Valery Gergiev mit ihrem fulminanten Bruckner-Zyklus hat da doch die Nase vorn, das Staatsorchester ist aber nun mal auch kein hauptamtlich symphonischer Klangkörper. Seine hohe Qualität, das ihm die Auszeichnung „Opernorchester des Jahres“ eingebracht hat, hört man dennoch immer wieder heraus, stilistisch nicht unbedingt ein Bruckner-Spezialist ist zudem Luisi.

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Kritik von Thomas Gehrig

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1. Akademiekonzert: Fabio Luisi

Ort: Bayerische Staatsoper,

Werke von: Max Bruch, Anton Bruckner

Mitwirkende: Fabio Luisi (Dirigent), Bayerisches Staatsorchester (Orchester), Nikolaj Znaider (Solist Instr.)

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