> > > > > 11.10.2021
Sonntag, 24. Oktober 2021

1 / 3 >

Hartmut Haenchen, Bruckner-Orchester Linz, Copyright: Reinhard Winkler

Hartmut Haenchen, Bruckner-Orchester Linz, © Reinhard Winkler

Das Brucknerorchester Linz im Stift St. Florian

Heimspiel für Bruckner

In gleich vierfach feierlichem Rahmen fand das Konzert in der nahe Linz gelegenen Stiftsbasilika St. Florian statt: Auf den Tag genau vor 125 Jahren starb Anton Bruckner, sein 950-jähriges Bestehen feiert heuer das imposante Barockkloster, in dessen Mauern Bruckner viele Jahre gelernt und gelehrt hat. Zudem war es das Abschlusskonzert des diesjährigen Internationalen Brucknerfests Linz, das schließlich an diesem Abend auch eine musikalische Premiere erlebt. Hoher Besuch war dementsprechend gekommen, 46 Jahre nach seinem damaligen Auftritt ist mit Hartmut Haenchen einer der ausgewiesen Bruckner-Spezialisten der Gegenwart wieder beim Brucknerfest zu Gast.

Wertvoller Forschungsbeitrag

Ganz im Zeichen des Gedenkens steht die in einer familiären Co-Produktion entstandene „Trauermusik (Dem Andenken Anton Bruckners)“ am Anfang des Programms. Lange Zeit als alleinigem Verfasser wurde dieses Stück Otto Kitzler senior (1834-1915) zugeschrieben, der heute am ehesten noch als Kompositionslehrer Bruckners in Erinnerung geblieben ist. So schließt sich auch von der anderen Seite her der das diesjährige Festival konzeptionell umspannende Themenkreis „Bruckner und seine Schüler“, dem die vergangenen fünf Wochen eine ganze Reihe hochinteressanter Premieren zu verdanken haben. Ein wertvoller Beitrag zur Bruckner-Forschung wird standesgemäß gleich mitgeliefert, in Wahrheit hat neuesten Erkenntnissen zufolge nämlich Otto Kitzler junior (1863-1937) das Werk ursprünglich als Klavierkomposition verfasst. Erst später orchestriert wurde es dann von seinem Vater, die kritische Ausgabe wird im Frühjahr 2022 erscheinen. Aus düsteren Basstiefen entfalten sich breitwandige Streicherflächen, Haenchen lässt anfangs Phrasen nicht ganz die nötige Zeit zum Ausatmen. Die in so großen sakralen Bauwerken nicht immer einfachen akustischen Verhältnisse kann andererseits auch ein noch so angepasstes Dirigat nicht aus der Welt schaffen. Die langgezogenen melodischen Bögen spannt Haenchen stringent und formt kraftvolle Crescendi, dazwischen schweben sanfte Streicherwolken durch das gewaltige Kirchenschiff.

Krönender Abschluss

Von Bruckner selbst folgt die Symphonie Nr. 5 B-Dur WAB 105. Aus tiefgründigen Bassregionen erheben sich feierlich strahlende Choral-Fanfaren, kantable Violoncello-Wärme breitet sich um feine Streicherlinien herum aus. Haenchen verfolgt einen umsichtigen dynamischen Aufbau und lässt nicht voreilig alle dynamischen Dämme brechen. Dass stellenweise massive Tutti-Blöcke etwas im Raum verfließen, ist wiederum den baulichen Bedingungen geschuldet. Souverän gelingt das Oboen-Solo zu Beginn des „Adagio“, geradliniger Streicherfluss mit schön aufgehellten Oberstimmen schwingt sich in buchstäblich erhebende Sphären auf. Rhythmische Spannung hat das Scherzo“, dessen agogische Be- und Entschleunigungsmomente werden gut dargestellt. Schlanke Beweglichkeit besitzt der Ländler, ein präzise intonierter, markanter Horn-Ruf führt zurück zum insistierenden Drängen der Anfangstakte. Saubere Stimmverläufe kennzeichnen die kontrapunktischen Abschnitte im "Finale", wuchtigen Passagen fehlt hier ein wenig die Fortissimo-Durchschlagskraft. Ansonsten überzeugt das Brucknerorchester mit transparentem Wechselspiel der Streicher, einer luziden Klarinettenstimme und einem charismatischen Bläserchoral, der als dortiges Pausenzeichen quasi zum Inventar des Brucknerhauses gehört. Mit energischer Chromatik steuert Haenchen auf die erhabene Schlussapotheose zu – ein wirklich ehrenvolles Gedenken an der Wirkungs- und Begräbnisstätte Bruckners, der seine "Fünfte" zu Lebzeiten nie von einem Orchester gespielt gehört hat. Und der krönende Abschluss eines heuer thematisch ganz besonders gelungenen Brucknerfests.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Thomas Gehrig

Kontakt aufnehmen mit dem Autor

Kontakt zur Redaktion


Bruckner Orchester Linz: Abschlusskonzert

Ort: Stiftsbasilika St. Florian,

Werke von: Anton Bruckner

Mitwirkende: Hartmut Haenchen (Dirigent), Bruckner Orchester Linz (Orchester)

Detailinformationen zum Veranstalter Brucknerfest Linz

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (10/2021) herunterladen (3200 KByte) Class aktuell (3/2021) herunterladen (7642 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich