> > > > > 17.10.2021
Samstag, 28. Mai 2022

Krystian Zimerman, Copyright: Bartek Barczyk

Krystian Zimerman, © Bartek Barczyk

Krystian Zimerman im Brucknerhaus Linz

Seltener Gast

Nur rund 50 Konzerte gibt Krystian Zimerman pro Jahr, grundsätzlich reist er mit eigenem Flügel und mehreren Klaviaturen im Gepäck. Vor seiner anstehenden Asien-Tournee machte er am vergangenen Wochenende im Brucknerhaus Linz Station, über 20 Jahre zurück liegt sein letzter dortiger Auftritt. Bis kurz vor dem Auftritt pflegt Zimerman Programme nicht bekannt zu geben, spontane Änderungen, die er gerne einmal vornimmt, möchte er nicht als Schwäche ausgelegt wissen. Auf Bach, Brahms und Chopin ist die Auswahl schließlich gefallen, Überraschungen gibt es dennoch: Wenn Intendanten kurz vorher die Bühne betreten, heißt das meistens nichts Gutes, in diesem Fall gibt Dietmar Kerschbaum aber nur eine Pausenumstellung bekannt.

Erweitertes Programm

Tatsächlich niemand hat dann aber wohl damit gerechnet, dass Zimerman statt der abgedruckten zweiten zunächst die Partita Nr. 1 B-Dur BWV 825 spielt, schon im „Präludium“ zeichnet sich allerdings die Erkenntnis ab: Ein Bach-Spezialist wird aus Zimerman nicht mehr. Nicht nur sein zu starker Pedalgebrauch erweist sich als problematisch, auch seinem Anschlag fehlt die sublime Klarheit, die etwa das geniale Bachspiel seines Landsmanns Piotr Anderszewski – speziell auch in diesem Werk – ausmacht. Das bessert sich kurzzeitig in der „Corrente“, auch darin werden Stimmen aber nicht so prägnant artikuliert, der metrische Fluss kommt sogar kurz ins Stocken. Die „Sarabande“ ruht musikalisch schön in sich, der romantisierende Klang aus der Repertoire-Ecke, aus der Zimerman schwerpunktmäßig kommt, fremdelt aber nicht zuletzt aufgrund einer ausgeprägten Legato-Tendenz weiterhin mit Bach. Bei einem so reflektierten Pianisten wie Zimerman geschieht das sicher nicht ohne Intention, stilistisch wirkt es aber nicht wirklich Bach-konform. Auch Zimermans Ornamentik bleibt relativ blass, insgesamt ist sein Spiel dynamisch nicht sonderlich dezidiert. Im Menuett-Satz gelingt ihm eher eine elastisch federnde Stimmführung, in der „Gigue“ fehlen aber wieder stimmliche Akzente, der Satz hat nicht das transparente Perlen wie bei Anderszewski oder Grigory Sokolov, hier greift Zimerman auch einmal daneben. Die Probleme bleiben die gleichen in der offiziell angekündigten Partita Nr. 2 c-Moll BWV 826. Die kraftvollen Eingangsakkorde der „Sinfonia“ verfehlen ihre Wirkung zwar nicht, im Gegensatz zu den genannten Kollegen entwickelt hier aber eben nicht jede Stimme einen eigenen markanten Charakter und hält auch die Durchhörbarkeit nicht mit der Geschwindigkeit Schritt. Plastizität und Impulsgebung fehlen auch der „Courante“, konsequentes Legato wirkt sich hier ebenfalls nicht günstig aus. In der „Sarabande“ trägt er klanglich zu dick auf, schöne architektonische Klarheit besitzt hingegen das „Rondeau“.

Nicht preisverdächtig

Nach der umdisponierten Pause folgen Brahms´ drei „Intermezzi“ op.117. Hier dosiert er den Pedalgebrauch gut, Konturen verschwimmen nicht. Hier und da vermisst man in der linken Hand Bass-Volumen, umso deutlicher treten Oberstimmen hervor. Mit feinen Pianissimo-Schattierungen erzeugt er im zweiten Stück kantable Intensität, etwas zu wenig agogisch-dynamische Bewegung findet im dritten Intermezzo statt. Der 18. Warschauer Chopin-Wettbewerb ermittelt derzeit seinen Gewinner, Zimerman war 1975 einer davon. In der Sonate Nr.3 h-Moll op. hat man dann auch am meisten das Gefühl, dass er stilistisch zu Hause ist. Die Anfangstakte geht er kraftvoll bestimmt an, klanglich sauber geht er mit den dichten Akkordfolgen um. Im weiteren Verlauf kommt es aber auch hier zu leichten musikalischen Brüchen und klingt Passagenwerk etwas angestrengt. Mehrere Kandidaten haben diese Sonate in Warschau gerade erst in der dritten Runde gespielt, Zimermans Arpeggio-Kaskaden im „Scherzo“ klingen im Vergleich dazu ziemlich verhuscht, dass er damit das Finale der diesjährigen Ausgabe erreicht hätte, darf bezweifelt werden. Im Mittelteil wünscht man sich mehr Expressivität. Dem „Largo“ verleiht er dagegen schöne, gesangvoll-innige Wärme. Der Schlusssatz hat eine gewisse artikulatorische Schwere, von der technischen Souveränität eines Kissin ist Zimerman in den rasant abwärts perlenden Skalen doch ziemlich weit entfernt, Akkorde klingen zum Ende des Satzes gedonnert. Wenn man weiß, wozu Zimerman pianistisch in der Lage ist, kann man nur feststellen: Seinen besten Tag hatte er gestern sicherlich nicht.

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Kritik von Thomas Gehrig



Kontakt zur Redaktion


Klavier Recital: Krystian Zimerman

Ort: Brucknerhaus,

Werke von: Johann Sebastian Bach, Johannes Brahms, Frédéric Chopin

Mitwirkende: Krystian Zimerman (Solist Instr.)

Detailinformationen zum Veranstalter Brucknerfest Linz

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