> > > > > 01.11.2021
Sonntag, 29. Mai 2022

Fauré-Requiem, Copyright: Andrea Kremper

Fauré-Requiem, © Andrea Kremper

Currentzis experimentiert mit Fauré in Baden-Baden

Aufregende Requiem-Installation

Der Dirigent Teodor Currentzis richtet seine Interpretationssicht auf Innerlichkeit aus. Das kann auch gehörig schief gehen wie jetzt im Festspielhaus Baden-Baden. Auf dem Pult Gabriel Faurés „Requiem“, ein Superlativ in Sachen expressiv innerlich schwebender Totenmesse.

Durchgängig weiche Chorstimmen-Klangflächen, ein wahrhaft sanft wiegendes Sanctus mit steter Harfen-Arpeggien-Begleitung, kein gewaltig bedrohliches Dies Irae, dafür als Bonus ein „In Paradisum“ als Ausdruck glücklicher Befreiung. So sah der sich zu keinem Glauben bekennende Fauré den Tod und komponierte ein überraschend lyrisches Requiem.

Damit experimentierte Currentzis gemeinsam mit dem britischen Künstler Mat Collishaw. Das Requiem sollte nur noch Soundtrack zum Film sein. Ein inszeniertes Kinoerlebnis also ohne Applaus, aber auch ohne Popcorn.

Mat Collishaws Film zeigt immergleiche Sterbeszenen im multikulturellen Kontext. Ganz gleich, in welches Fenster eines dystopisch anmutenden computergenerierten Hochhauses die Kamera den Blick lenkt, immer liegt ein alter Mensch, Mann, Frau, verschiedener Hautfarbe wie Religion, im Bett im Kreis seiner engsten Angehörigen. Aus der Totalen fokusiert das Kameraauge die Augen des Sterbenden, wechselt auf Ansichten einer unberührten Natur, Wasserfälle, mäandernde Flussläufe, Weite, stets im Licht der untergehenden Sonne, dann zurück. Die Augen des alten Menschen sind geschlossen, Trauer mimen die Angehörigen, der gespielte Tod aber ist ein Sterben ohne Erlösung. Dann folgt der Schock. Zum „Libera me“ zeigt Mat Collishaw Geier, die auf dem „Turm des Schweigens“ die Leichen fressen, gierig nach dem blutigen Fleisch. Diese Himmels-Bestattungsart pflegen die Parsen in Indien, der in Collishaws Inszenierung wenig Verständnis oder gar Respekt vor den Toten eingeräumt wird. Diese Schau weckt nur Abscheu. Dann folgt Kitsch, wie schon im Introitus angedeutet. Adler schweben vor blauer Himmelskulissse. Doch jetzt zum „In paradisum“, entfernt sich der Blick vom Himmel, der Erde, zieht sich zurück in die unendlichen Weiten einer von Sternen übersäten Galaxis. Banaler kann sich fehlende Inspiration im Video nicht outen.

Faurés Requiem-Soundtrack wirkt zu diesen klischeebelasteten und drastisch direkten Bildern unerwartet fragil. Currentzis Forderung nach bedingungsloser Innerlichkeit grenzt den Gestaltungsraum von Fanie Antonelou (Sopran) und Mikhail Timoshenko (Bassbariton) beim Aussingen ihrer weichen wie strahlenden Cantilenen auf ein nahezu unsingbares Minimum ein.  Als ließe sich das Ensemble in diese Enge nicht treiben, singt der Jugendchor „Cantus Juvenum Karlsruhe“ erfrischend natürlich im Einklang mit dem Ensemble musicAeterna aus Chor und Orchester. Dieses Ensemble beherrscht die Kunst subtiler Klangmagie und setzt ein Musikerlebnis frei, das tief berührt.

Bestes Beispiel gelang der Streicherbesetzung von MusicaAeterna zu Beginn des Konzertes mit einer Art Meditation „Music für Here“ von Andreas Moustoukis. Blendete man die dekoartige Videovariation wachsender und sich zurückziehender Kristalle aus, spürte man die Intensität der Musik, die Geist und Seele wiegt. Mit Fauré gelang das nicht.

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Kritik von Christiane Franke

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Fauré-Requiem: Teodor Currentzis

Ort: Festspielhaus,

Werke von: Gabriel Fauré

Mitwirkende: Teodor Currentzis (Dirigent), Musica Aeterna Bratislava (Orchester)

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