> > > > > 25.09.2021
Dienstag, 30. November 2021

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Korngold »Die tote Stadt«, Copyright: Paul Leclaire

Korngold »Die tote Stadt«, © Paul Leclaire

Tatjana Gürbaca inszeniert Korngolds Tote Stadt

Mit weiblichen Augen

Nach der umjubelten Derniere zu urteilen, müsste Erich Wolfgang Korngolds Oper „Die tote Stadt“ wieder eine Erfolgsoper werden. Dabei hätte die provozierende, bedeutsame Neuinterpretation von Tatjana Gürbaca, Stefan Heyne und Silke Willrett für die Oper Köln schon 2020, zum hundertsten Geburtstag der gleichzeitigen Uraufführung in Köln und Hamburg, gezeigt werden sollen. Pandemiebedingt fiel das Live-Erlebnis aus und konnte nun, zu Beginn der Spielzeit 2020/21, nachgeholt werden. Schade, dass am 25. September schon Schluss war. 

Gürbaca übersetzt den Korngoldschen Psychokrimi in die Jetztzeit und stellt Fragen. Die tote Stadt Brügge mit ihren Klöstern, Kirchen und verwitterten gotischen Fassaden und der dunklen, vereinsamten Wohnung Pauls hat sich in ein helles, zylinderförmiges, auch an die Theke einer Bar erinnerndes Kaiserpanorama, ein „Massenmedium des anfänglichen 20. Jahrhunderts“ verwandelt. Die Kunstform Oper gleicht einem virtuellen Raum, in dem der Protagonist, ein vereinsamter, heruntergekommener Künstler, öffentlich seine psychische Verwirrung und Veränderung bekennt. Frank könnte sein jüngeres Alter Ego sein, Marietta die wieder auferstandene Marie.

Gleich zu Beginn blickt man in die schaurige, schnöde „Kirche des Gewesenen“, den „heiligen“ Rückzugsort Pauls, der im Libretto mit Reliquien ausgestattet und eigentlich dem privaten Kult der toten geliebten Marie geweiht ist. Marietta, die neue Bekanntschaft Pauls, ist eine lebensbejahende Tänzerin und sieht der Toten zum Verwechseln ähnlich. Sie erschauert zunächst beim Anblick der Kultgegenstände, erkennt sodann, dass Paul - bei allem rauschhaften Sehnen und Begehren - einer Projektion folgt, und provoziert die Auseinandersetzung. Aus der großen, symbolistischen Oper ist bei Gürbaca ein spannungsreiches dramatisches Kammerspiel geworden. Pauls fiktionale Lebenswirklichkeit aus Außen und Innen, Privat und Öffentlich, Religion, Lust und Begehren hat sich in einen bewegten, bedrückenden und bedrohlichen Cocktail verwandelt. Im Unterschied zum Libretto, in dem sich alles als Traum entpuppt, ermordet er Marietta und nimmt sich selbst das Leben. 

Star des Abends war Gabriel Feltz, der die spätromantische, filmmusikalische Klangwelt Korngolds souverän inszenierte. Das große Orchester war dieses Mal auf der rechten Seite der Staatenhausbühne untergebracht. Dazu hinter dem Dirigenten, auf einem erhöhten Podest u.a. zwei Harfen, Klavier, und Celesta, während Windmaschine und Kirchenglocken von hinten tönten und die zahlreichen Chöre im dritten Bild überall im Raum zu klingen schienen. Mal erschütterten schmetternde, donnernde Akkorde, mal steigerte sich drängendes Sehnen ins Unermessliche, mal überwog leichte, filigran gezeichnete Poesie - Feltz brachte das bewegte, kontrastive und vielschichtig musikalische Geschehen wunderbar dynamisch spannungsreich und kontrastiv zum Klingen. Und ließ dem Solistenensemble Raum zur Interpretation.

Klangvoll und dramatisch überzeugte Ausrine Stundyte auch schauspielerisch als Marietta und Marie. Die mörderische Heldentenorpartie übernahm in der Derniere Burkhard Fritz. Wolfgang Stefan Schwaiger beeindruckte mit wunderbar beweglichem Stimmklang als Alter Ego Frank und Pierrot. Das anrührende, mit großen melodischen Spannungsbögen ausgestattete „Mein Sehnen, mein Wähnen“ im zweiten Bild hätte Szenenapplaus verdient.

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Kritik von Ursula Decker-Bönniger

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Die tote Stadt: Oper von Erich Wolfgang Korngold

Ort: Oper,

Mitwirkende: Gabriel Feltz (Dirigent), Asrine Stundyte (Solist Gesang), Burkhard Fritz (Solist Gesang)

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