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Sonntag, 28. November 2021

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Bamberger Symphoniker, Jakub Hrůša, Copyright: Reinhard Winkler

Bamberger Symphoniker, Jakub Hrůša, © Reinhard Winkler

Die Bamberger Symphoniker in Linz

Plädoyer für Bruckners Schüler

Mit den teils sehr prominenten, teils heute kaum mehr bekannten Schülern seines Namenspatrons setzt sich das diesjährige Brucknerfest Linz thematisch auseinander. Eine konzeptionell äußerst gelungene Idee, die nicht nur neue programmatische, untereinander weit verzweigten Horizonte eröffnet, sondern auch zu mehreren Erstaufführungen im Brucknerhaus führt, allein derer wegen sich ein Besuch schon lohnt. Dazu gehört auch Hugo Wolfs „Scherzo g-Moll und Finale B-Dur“ für großes Orchester. Beide Sätze sind ursprünglicher Teil einer an sich bereits fertigen Symphonie, die durch ein folgenschweres Missgeschick allerdings nur noch fragmentarisch erhalten ist: Wolf vergaß die ausgearbeitete Partitur auf der Durchreise im Bahnhofsgebäude von Graz, verzweifelte eigene Rekonstruktionsversuche blieben erfolglos. Die Bamberger Symphoniker unter ihrem Chefdirigenten Jakub Hrůša präsentieren das Werk im Großen Saal, tänzerisch schwerelose Holzbläser stehen anfangs für ein sauber aufgefächertes Klangbild. Helle, transparente Streicher breiten sich über einer ersten gewichtigen Hornpassage aus, präzise Stimmübergabe kommt den Passagen mit dicht gedrängter motivischer Arbeit zugute. Weich fließende Streicherlinien werden umrahmt von pointierten Blechspitzen. Im Finale herrscht zunächst verspielte Leichtigkeit, der Kontrast zwischen heiterem Seitenthema und späteren dunklen Eintrübungen kommt gut zur Geltung. Unweigerlich bedauert man, dass das vollständige Manuskript bis heute verschollen geblieben ist.

Lebendige Bewegungen

Wie Hrůša hat anschließend Michael Nagy seinen ersten Auftritt im Brucknerhaus. Ungleich häufiger gespielt werden Mahlers „Lieder eines fahrenden Gesellen“, mit warmem baritonalem Timbre und natürlicher, unaufgeregter Phrasierung greift Nagy den Solopart in „Wenn mein Schatz Hochzeit macht“ auf, etwas mehr Aggressivität könnten hier Mahlers bissig-ironische orchestrale Einwürfe haben. Einfühlsam versenken sich Klangkörper und Singstimme ins zurückgezogene, sphärische Pianissimo von Textstellen wie „Weine, wein´ um meinen Schatz“ oder „Des Abends, wenn ich schlafen geh´“. Es folgt ein zielstrebiger Gang übers Feld im zweiten Lied, Nagy spricht souverän die von Mahler gewählte musikalische Bildersprache, die Symphoniker unterstreichen agogisch lebendige Bewegungen. Der aufgeregten Anfangsdramatik von „Ich hab´ ein glühend Messer“ setzt das Orchester in der dritten Strophe dezente lyrische Wärme entgegen. Nagy überzeugt durch tonsicheres Volumen, lediglich in der Höhe dringt er vereinzelt nicht ganz durch. Zu Beginn von „Die zwei blauen Augen“ heben sich Bläserkonturen scharf voneinander ab, in tief empfundene Melancholie taucht Nagy nochmals in der dritten Strophe („Unter dem Lindenbaum“) ein.

Vergessenes Talent

Hand aufs Herz: Wann haben Sie zuletzt ein Werk von Hans Rott (1858-1884) gehört? Dem erklärten Lieblingsschüler Bruckners ist ein besonderer Schwerpunkt des Festivals gewidmet, seine Symphonie Nr. 1 E-Dur erklingt nach der Pause. Rotts tragischer allzu früher Tod und die traurigen Umstände seines kurzen Lebens haben sein Oeuvre stark in Vergessenheit geraten lassen. Welch immenses Potential Rott besaß, kann man hier hören. Sauber intonierende Horn- und Trompetenstimmen gehen zu Beginn des Kopfsatzes über in ein luftiges Streicherweben, Hrůša steuert entschlossen auf die erste Klimax zu. Filigran wird das zweite Thema von den Holzbläsern vorgestellt, beim Aufbau der Crescendi wäre im weiteren Verlauf noch Luft nach oben. Geschliffen gelingt der Dialog zwischen Horn und Klarinettenstimme. In warmer Streicherintensität schwelgt der zweite Satz, daneben lässt Hrůša allerdings zu wenig Emotionen zu. Die nötige rhythmische Dreiviertel-Frische besitzt das „Scherzo“, wie schon zuvor glänzt hier besonders Solo-Hornist Andreas Kreuzhuber. Seine Partie wird sanft vom Streichersatz umspielt, perkussiven Schlägen fehlt mitunter die letzte Prägnanz. Schneidende Blechschärfe überzeugt dagegen ebenso wie solistisch hervortretende Stimmen in der ausgedehnten Bläsersequenz des vierten Satzes, in der die Streicher lange schweigen. Plastische Klarheit erhalten die kontrapunktischen Formen der Fuge, mit denen sich Rott kompositorisch über jeden Zweifel erhaben und musikalisch ohne jeden Anflug von Gelehrsamkeit auseinandersetzt. Gebündelte Tutti-Kräfte werden zum Ende hin nochmals frei, zu wenig geht Hrůša hier insgesamt an dynamische Grenzen. Insgesamt dennoch ein nachhaltiges Plädoyer für den Komponisten: Der Gewinner des Abends heißt, auch beim Publikum, Hans Rott, von dem nicht nur Bruckner als sein Lehrer restlos überzeugt war, sondern – und so schließt sich der programmatische Schülerkreis – auch Gustav Mahler, dessen Einschätzung als Schlusswort nichts hinzuzufügen ist: „Was die Musik an ihm verloren hat, ist gar nicht zu ermessen“.

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Kritik von Thomas Gehrig

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Bamberger Symphoniker: Wolf/Mahler/Rott

Ort: Brucknerhaus,

Werke von: Hans Rott, Hugo Wolf, Gustav Mahler

Mitwirkende: Bamberger Sinfoniker (Orchester), Michael Nagy (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Brucknerfest Linz

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