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Sonntag, 28. November 2021

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Antonio Pappano, Günther Groissböck, Copyright: Reinhard Winkler

Antonio Pappano, Günther Groissböck, © Reinhard Winkler

Waltraud Meier und Günther Groissböck in Linz

Große Stimmen

Lange Zeit lebte und wirkte Anton Bruckner in Linz. Da ist es folgerichtig, dass das dortige Konzerthaus nach ihm benannt und ihm auch ein eigenes Festival gewidmet ist, seit über 40 Jahren wird die Reihe „Internationales Brucknerfest“ nunmehr fortgeführt. Zahlreiche Schüler hat Bruckner im Rahmen seiner Lehrtätigkeit am Wiener Konservatorium unterrichtet, auf ihnen liegt heuer der thematische Fokus. Das spiegelt sich auch im gestrigen Liederabend wider, dessen Programm sich zwei Größen ihres Fachs teilen. Zu Beginn singt Günther Groissböck drei jeweils auf Versen von Goethe basierende Lieder des weithin unbekannten Bruckner-Lieblingsschülers Hans Rott (1858-1884). Erstmals überhaupt kommen diese im Brucknerhaus zur Aufführung.

Kraftvolle Bildersprache

Schon in der Ballade „Der Sänger“ zeigt sich Groissböcks außergewöhnliche Fähigkeit zur stimmlichen Textausdeutung, mit kraftvoll-vitaler musikalischer Gestik lässt er die poetischen Bilder sprechen. Antonio Pappano kennt man vornehmlich als Dirigent, hier zeigt er sich von seiner pianistisch kompetenten Seite und setzt klanglich sauber getrennte Akkordimpulse. In jeder Phrase spannungsgeladen entbietet Groissböck den „Geistesgruß´“. In „Wandrers Nachtlied“ zeigt sich nicht nur die vielfältige Verwendung dieser literarischen Vorlage, sondern auch das immense kompositorische Talent Rotts, dessen Leben und Schaffen ein leider so frühes tragisches Ende fand. Gekonnt setzt Groissböck die ganze Bandbreite seiner dynamischen Möglichkeiten ein. Der 125. Todestag Bruckners steht im diesjährigen Gedenkkalender, seine fast gänzlich unbekannte Seite als Liedkomponist beleuchtet Groissböck mit drei Stücken. Feinfühlig geht er mit den Stimmungen in „Im April“ und „Herbstkummer“ um. Bruckners Musik arbeitet hier weniger am Text, sondern gibt eher Zustandsbeschreibungen ab, die Groissböck ausdrucksstark abbildet. Auch in „Mein Herz und deine Stimme“ lebt und durchleidet er förmlich die tiefgreifenden Emotionen und macht sie sich regelrecht zu eigen. Ein ungleich berühmterer Schüler Bruckners war Hugo Wolf. Unter den von ihm vertonten drei Gedichten von Michelangelo ist „Alles endet, was entstehet“ das bekannteste. Groissböck versenkt sich mit mal schicksalhaft bedrohlich ausholendem Volumen, mal in kontemplativer Resignation in die Zeilen, das Ergebnis ist charismatische Glaubwürdigkeit. 

Spätes Debüt

Ein ungewöhnliches Debüt ist danach zu erleben: Erstmals in ihrer jahrzehntelangen Weltkarriere tritt Waltraud Meier an diesem Abend im Brucknerhaus auf. Legendär sind ihre Bayreuth-Auftritte, als Liedsängerin hat sie ebenso viel wie auf der Opernbühne zu sagen. Beispielhaft fesselt ihr Vortrag in einer Auswahl an Mörike-Vertonungen Hugo Wolfs in „Denk´ es, o Seele!“ mit rhythmisch straffer, fast tänzerisch anmutender Artikulation. Durch „Wo find´ ich Trost?“ tastet sie sich mit feinen dynamischen Schattierungen, viel lyrische Wärme strahlt ihre Stimme in „Verborgenheit“ aus.  Die zweite Hälfte gehört ganz Gustav Mahler, dem prominentesten aller Bruckner-Schüler. Im Mittelpunkt seines Liedschaffens stehen die „Wunderhorn“-Vertonungen. Zunächst stellt Groissböck mit musikalisch gewinnendem Charme die humorvoll-verschlagene Seite von „Lob des hohen Verstands“ heraus. Meisterhaft bringt er die dramatischen Wendungen und die kriegerisch-martialische, marschartig stramme Diktion in „Revelge“ auf den Punkt, die pianistische Sequenz vor der letzten Strophe könnte Pappano etwas markanter darstellen. “Der Schildwache Nachtlied“ singen dann beide gemeinsam. Groissböck übernimmt den resolut-trotzigen Part, Meier die kantablen Episoden mit sensibel gespannten melodischen Bögen, Pappano verbindet ausdrucksvoll und bruchlos die Strophen. Etwas schärfer könnte er die Konturen der Klavierstimme in „Das irdische Leben“ zeichnen, insgesamt führt er aber einen lebendigen Dialog mit den beiden Singstimmen. Die Tragik in „Zu Straßburg auf der Schanz´“ und dem „Tamboursg'sell“ schildert Groissböck mit kompromissloser Intensität und Impulsivität, ein untrügliches Gespür zeigt er für die Anlage und Dosierung von Steigerungen. Seine souveräne Technik und seine Tonsicherheit in allen Registern erlauben es ihm, jederzeit von kernigem Volumen auf sanftes, einfühlsames Timbre umzuschalten. Auch seine Körpersprache geht authentisch im Vortrag auf, bedingungslos nimmt man ihm die Seelenzustände der Charaktere ab. Nochmals gemeinsam singen Meier und Groissböck das „Lied des Verfolgten im Turm“, in der man Mahlers Neufassung der landläufig bekannten schlesischen Volksweise „Die Gedanken sind frei“ begegnet. Beide überzeugen durch natürlichen Textfluss und hohe Wortverständlichkeit. Den Schlusspunkt setzt Waltraud Meier mit einer ergreifenden Interpretation von „Urlicht“. Stehende Ovationen und drei Zugaben setzen den Schlusspunkt unter einen Abend mit großen Stimmen im (leider nicht voll besetzten) Großen Saal.

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Kritik von Thomas Gehrig

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Waltraud Meier/Günther Groissböck: Liederabend

Ort: Brucknerhaus,

Werke von: Hugo Wolf, Hans Rott, Anton Bruckner, Gustav Mahler

Mitwirkende: Waltraud Meier (Solist Gesang), Günther Groissböck (Solist Gesang), Antonio Pappano (Solist Instr.)

Detailinformationen zum Veranstalter Brucknerfest Linz

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