> > > > > 31.10.2021
Freitag, 19. August 2022

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Der Rosenkavalier, Copyright: Philine Hofmann

Der Rosenkavalier, © Philine Hofmann

Der Rosenkavalier an der Volksoper Wien

Neues Kapitel

Nicht nur die Wiener Staatsoper, mit der der Komponist selbst eng „verbandelt“ war, hat eine besondere Beziehung zu Richard Strauss, auch die Volksoper hat durchaus ihre Strauss-Tradition vorzuweisen. Was aber bis gestern in der Geschichte des Hauses fehlte, war ein „Rosenkavalier“, erstmals seit seiner Entstehung vor 110 Jahren ist er dort nun auf die Bühne gekommen. Verantwortlich für die Regie zeichnet der in einer Kooperation mit dem Theater Bonn gezeigten Inszenierung Josef Ernst Köpplinger. Mit der wohl „wienerischsten“ aller Opern, die in dieser Stadt praktisch ein „Heimspiel“ hat, assoziierte das lokale Publikum bis dahin fast automatisch die seit der Premiere vor 53 Jahren fest etablierte Fassung von Otto Schenk, schon über 400mal ist sie dort gelaufen.

Respekt vor dem Werk

Alle Vorstellungen vor der „Ära Schenk“ mit eingerechnet, fanden in Wien seit der – nur verhalten aufgenommenen – Erstaufführung 1911 mehr als 1.000 Aufführungen von Strauss´ populärster Oper statt. Mit Köpplingers Arbeit tritt die seit 1968 erste Neuproduktion auf den Plan, allein das verleiht der Premiere besondere Spannung. Er habe zu großen Respekt vor Hofmannsthal und Strauss, um ihr Werk auf den Kopf zu stellen, sagt Köpplinger (der Schenks Arbeit im Übrigen schätzt) – und das kommt seiner Deutung zugute. Ins Jahr der Uraufführung 1911 hat er die laut Libretto um 1740 spielende Handlung verlegt, im Großen und Ganzen bleibt der bebilderte Rahmen aber weit gefasst und eher zeitlos. Getrübt verspiegelte Wände, ein hoch großflächiges Rosen-Motiv und Vanitas-Symbolik im Stil barocker Stillleben prägen das Ambiente des ersten Akts. Bildlich greifbar führt Köpplinger von da aus die soziale Diskrepanz der Schauplätze von den fürstlichen Gemächern bis ins bürgerliche „Beisl“ vor. Vom „Schnee vom vergangenen Jahr“ singt die Feldmarschallin im ersten Akt. Am Ende des dritten fällt dieser gleichzeitig symbolisch für die magische Schönheit des Augenblicks zwischen dem frisch verliebten Paar und die  Antizipation der im jungen Glück bereits angelegten, vorausgeworfenen Schatten. Jede Figur erhält ein klares Profil, die Personenführung überzeugt lückenlos. Köpplinger möchte nach eigenen Worten „die Seelen der Zuschauer“ erreichen – das gelingt ihm definitiv.

Abend voller Debüts

Mit der Neuproduktion zusammen fallen die Rollendebüts aller Darsteller an der Volksoper. Emma Sventelius gibt als Octavian überhaupt ihren dortigen Einstand, sie hat als einzige schon in Bonn mitgewirkt und glänzt mit warmem, ausdrucksvollem Timbre in allen Registern. Jacquelyn Wagner ist eine höhensichere Feldmarschallin, die warmherzige Noblesse ebenso ausstrahlt wie charismatische Autorität, mit der sie den düpierten Ochs schließlich in die Schranken weist. Hervorragend meistert Lauren Urquhart mit schlanker, lebendiger Phrasierung die Rolle der Sophie. Am meisten unter allen durchweg gut besetzten Solisten ragt Stefan Cerny als Baron Ochs heraus. Nicht nur stimmlich, auch schauspielerisch holt er die derb-ungehobelten, mit ebenso gesundem Selbstbewusstsein wie Selbstüberschätzung ausgestatteten, aber auch immer wieder humorvollen Facetten der Figur optimal heraus. Raumgreifendes Volumen bis in dunkle, lang gehaltene Tiefen ist für ihn kein Problem, er sticht so manchen prominenten „Ochs“-Darsteller aus. Ergreifend und stimmlich geschliffen gelingt das berühmte Terzett im dritten Akt. Einen nur kurzen Auftritt hat Vincent Schirrmacher in der Rolle des „Sängers“, hinterlässt damit aber einen umso bleibenderen Eindruck. Am Pult des Volksopernorchesters steht Hans Graf, der eigens für diese Produktion ans Haus zurückgekehrt ist. Er hat das Orchester, das mit dem Stück Neuland betritt, hervorragend eingestellt, von Anfang an arbeitet er die Vielfarbigkeit der Partitur heraus. Ob derbe, grobe Geste mit perkussiver Sprengkraft, dissonant polterndes Blech, schwungvolle Dreiviertel-Vitalität oder warme Sinnlichkeit, Graf bringt die musikalische Dramaturgie auf den Punkt. Etwas silbrig-glänzender könnten, wenn man überhaupt etwas kritisieren will, die Rosenblätter chromatisch abfallen, ein wenig mehr dynamische Durchschlagskraft könnte stellenweise der Chor entfalten. Beeindruckend gut gelungen dafür wiederum das räumlich-akustische Spiel zwischen Graben und Bühnenorchester, generell hat Graf Tempi und Synchronisation mit den Singstimmen jederzeit im Griff. An der begeisterten Aufnahme der Premiere merkt man: Mit diesem neu aufgeschlagenen Kapitel in der Wiener „Rosenkavalier“-Pflege fremdelt das Publikum nicht, mit dieser Produktion wird man auf Anhieb warm. 2022 wird die bisher geläufige Schenk-Fassung an der Staatsoper weiterhin zu sehen sein – dagegen ist auch absolut nichts einzuwenden. Nach diesem Abend ist aber festzuhalten: Gut, dass es jetzt auch eine neue gibt!

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Kritik von Thomas Gehrig



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Der Rosenkavalier: Premiere

Ort: Volksoper Wien,

Werke von: Richard Strauss

Mitwirkende: Hans Graf (Dirigent), Jacquelyn Wagner (Solist Gesang)

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