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Mittwoch, 29. Juni 2022

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Marlis Petersen (Emilia Marty), Bo Skovhus (Jaroslav Prus), Jan Ježek (Hauk-Šendorf), Tänzer, Copyright: Monika Rittershaus

Marlis Petersen (Emilia Marty), Bo Skovhus (Jaroslav Prus), Jan Ježek (Hauk-Šendorf), Tänzer, © Monika Rittershaus

Hochaktuell: Die Sache Makropulos von Leoš Janáček

Eisige Parabel der Moderne

Robert Musil kam mit seinem Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ nie zu einem Ende. Er blieb Fragment. Ulrich, die zentrale Figur verliert sich im ständigen Wandel der Ereignisse. Im Vergleich dazu beginnt Leoš Janáčeks bizarre Oper „Die Sache Makropulos“ mit einem Anfang, der schon das Ende ist. Im Prinzip ein großer innerer Monolog. 

Eine merkwürdige Geschichte wird erzählt: die Geschichte der Emilia Marty, der Tochter des Leibarztes Kaiser Rudolfs II. Dieser Arzt benutzte seine Tochter als Versuchsobjekt für ein Elixier zur Lebensverlängerung. Der Versuch glückte und verdammte die Tochter zu einem Leben, das ständig erneuert wird und doch nichts mehr als leere Öde bedeutet. Das Versuchsobjekt des Vaters wird zum perfekten, aber gefühllosen Lustobjekt einer männlichen Gesellschaft, bei der der weibliche Körper zur Ware degradiert wird. 

Alles fällt von Emilia Marty in den endlos sich wiederholenden Schleifen des Lebens ab. Nichts gibt es für diese Frau, was noch etwas bedeuten könnte, wofür sich zu leben lohnte - kein Ruhm, keine Liebe nichts als den Tod; und alles setzt sie dran, um endlich eine Neuauflage ihres Erdendaseins zu verhindern. Am Ende stirbt sie, ein Opfer unter den moralisierenden und zugleich voyeuristischen Blicken der Männer, eine häufige und gefährliche Haltung, die ihr den Prozess machen. Das Rezept der Unsterblichkeit, das sie den anderen anbietet, wird allseits abgelehnt. 

Janaceks Oper fällt dramaturgisch aus dem Rahmen des Gewohnten. Fast alles vollzieht sich über Dialoge. Aber so viel auch gesprochen wird, das geradezu kriminalistische Stück, dem die gleichnamige Komödie von Karel Čapek zugrunde liegt, behält sein Geheimnis bis zur finalen Auflösungsszene. Das macht diese Oper zu einem schwierigen und zugleich unbarmherzigen Fall - so unbarmherzig, wie das Bild des Menschen ist, das in dieser Oper gezeigt wird, das angesichts der modernen technologischen Entwicklungen und deren Bedeutung für das gesellschaftliche Leben erschreckend aktuell wirkt. 

Wie in Berlin an der Staatsoper Unter den Linden Regisseur Claus Guth diese Oper aus der üblichen realistischen Sichtweise herauslöst und geradezu exzeptionell auf ihre zentralen Themen hin in Szene setzt, das ist außergewöhnlich und von subtiler starker Nachwirkung. Dass dies gelingen konnte, war nicht zuletzt ein Verdienst von Étienne Pluss. Sie schuf für diese Einstudierung ein optisches Triptychon von einer phantastischen und suggestiven optischen Kraft und Eindringlichkeit, der sich die differenzierte inszenatorische Sprache von Regisseur Claus Guth bruchlos verband. Der 1. Akt spielt in einem großen leeren weißen Raum, quasi eine zeitlose Rückzugskapsel. Aus den Lautsprechern erklingen schwere mechanische Atemgeräusche, als ob jemand an einer Herz-Lungen-Maschine angeschlossen ist. Ein kleines, puppenhaftes Mädchen im Reifrock läuft auf einem weißen Lichtstreifen an der Rampe entlang in diese leere, vernebelte Kammer. Lautlos wechselt der Raum zur Kanzlei des Dr. Kolenaty, wo es um den Erbanspruch auf ein beträchtliches Vermögen, um Testamente, Vaterschaftsfragen und indirekt um die Suche nach der alchimistischen Unsterblichkeitsformel, der titelgebenden "Sache Makropulos" geht. Der 2. Akt führt uns in den Künstlereingangsbereich eines Theaters, in dem Emilia Marty als Sängerin der Madam Butterfly auftritt und der Schlussakt schließlich in eine Hotellobby. Und dazwischen immer wieder die weiße, zeitlose Raumkapsel, in der sich die Emilia Marty immer wieder zurückzieht, neue Kraft sammelt, aber auch verzweifelt zusammenbricht und sich aufspaltet in die verschiedenen Zeitphasen ihres langen Lebens. 

Es ist ein Bild, das zu Fragen herausfordert: Was bedeutet das? Wo liegt die Motivation für dieses kafkaesk-absurde Raumspiel? Indem man so fragt, erscheint die Bühnenwirklichkeit als geradezu vollendete Metapher für ein Leben, das in erstarrten Konventionen verhangen ist und kein Ziel mehr kennt. Die Ambivalenz des Bildes hat ihr Gegenstück in dem, was Emilia dann vollzieht: Leben - das ist die Ausweglosigkeit gesellschaftlicher Rollenspiele und folglich Erstarrung und Trostlosigkeit. Sie steht unter Zwang, auch in ihrer Angst vor dem Tode. Wo sie diese Angst aber überwindet, da öffnet sich ein Weg zur Befreiung. 

Individualismus wird in der heutigen Gesellschaft großgeschrieben. Aber wer vom Mainstream abweicht, bekommt Schwierigkeiten. Das kann ängstigen in einer Zeit der Verunsicherung, wie wir sie gerade erleben. Der Ruf nach autoritärer Führung wird immer stärker. Die kürzlich verstorbene Philosophin Agnes Heller hat stets davor gewarnt: „Die Menschen mit dem besten Willen, den besten Idealen, werden ein totalitäres Regime vorbereiten.“ 

Die außerordentliche Qualität dieser Inszenierung resultierte aber nicht nur auf der feinsinnigen optischen Wirkung. Mit Marlis Petersen hat die Aufführung eine Hauptdarstellerin, die das komplexe Rollenprofil dieser Figur überaus überzeugend erfasst. Marlis Petersen löst alle komplexen Anforderungen ein, die diese Figur verlangt, und vor allem vermag sie zu vermitteln, was an Widersprüchen und Paradoxien sich wie ein roter Faden durch die Geschichte zieht: Sie erscheint kalt und abweisend, und doch zugleich darin von sowohl sich selbst wie andere verbrennender Ekstase und Anziehung. Was sie derart komplex darstellerisch wie sängerisch zur Sprache bringt, ist in Janáčeks Musik vorgegeben. Es ist eine unablässig gespannte und nervöse Musik, die auf eine sehr eigene Weise zugleich etwas klirrend Kaltes an sich hat, und die in ihrer ekstatischen Sinnlichkeit doch stets ein Gefühl von Nichterfülltsein hervorruft. 

Die gesanglich wie schauspielerisch überzeugende doppelbödige Folie hierfür bildete das homogene Ensemble mit Bo Skovhus (Baron Prus), Jan Martinik (Rechtsanwalt Dr. Kolenaty), Jan Ježek (Graf Hauk-Šendorf) und Natalia Skrycka (Krista) u.a.. Erwähneswert auch die kleinen ironischen Zitate, die Sommer Ulrickson aus dem Erfolgsfilm Hotel Budapest in seine Choreographie einbaute.

Wie Simon Rattle mit der Staatskapelle Berlin die schwierige Partitur zum Klingen brachte, wie seine analytische Scharfzeichnung die kontrapunktischen Gefüge zur unglaublich reich differenzierten expressiven Spannung transzendieren ließ, das war atemberaubend. Vielleicht war es die Faszination der optimalen Einheit, des Zusammenklangs von Bühnengeschehen und Musik, die in diesem Fall sich so zwingend einstellte, dass das Publikum ungeteilten und begeisterten Beifall zollte. 

Leoš Janáčeks Opern sind bisher, bei allen Anstrengungen auf Seiten derer, die sich für ihn einsetzen, keine begeisternden Bühnenstücke für das große Publikum. Diese überzeugende Inszenierung dürfte das ändern und könnte zu einem kleinen Baustein dafür werden, dass neben den derzeitigen gravierenden Veränderungen durch die Pandemie die Chancen auf eine Besinnung auf - so banal es klingen mag - das, was wirklich wichtig ist. So wie bisher kann und soll es nicht weitergehen, auch nicht im Theater. Peter Brook stellte einmal fest: „Das Theater ist so unberechenbar wie seine Zuschauer und so bekommt auch jeder Zuschauer das, was er verdient.“ 

Die, die in Berlin diese Inszenierung sehen konnten oder noch sehen werden, können einen der ganz großen Operninszenierungen erleben, die an so einem prächtig aufgestellten Haus möglich sind. Das mag für den einen oder anderen banal klingen, ist aber so.

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Kritik von Michael Pitz-Grewenig

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