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Dienstag, 30. November 2021

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Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Philippe Jordan, Copyright: Astrid Ackermann

Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Philippe Jordan, © Astrid Ackermann

Das BRSO mit Liszt und Wagner

Was die Welt im Innersten zusammenhält

Mit seinem zweiten Konzert der neuen Saison war das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks in dieser Woche in der Münchner Residenz zu hören, sein erstaunlich spätes Debüt am Pult gab dabei Philippe Jordan.

Musikalische Wahlverwandtschaften

Das Programm bleibt sozusagen „in der Familie“, vor Franz Liszt hat das BRSO dessen Schwiegersohn Richard Wagner gesetzt. Mit seiner „Faust-Ouvertüre“ d-Moll WWV 59 präsentiert das BRSO ein relativ selten gespieltes Werk. Liszts Urteil darüber fiel wiederum zunächst nicht unbedingt günstig aus, weshalb Wagner es 15 Jahre später nochmals überarbeitete. Aus ans „Rheingold“-Vorspiel erinnernden Tuba- und Basstiefen erheben sich scharf geschnittene Holzbläser-Blöcke und weiches Streicherrauschen, die in der Titelfigur programmatisch angelegte, brodelnde Unruhe unterstreicht Jordan mit klug gesetzten dramatischen Spitzen. François-Frédéric Guy ist anschließend der Solist in Liszts „Totentanz“-Paraphrase für Klavier und Orchester S 126. Mit Nachdruck setzt er die einleitenden perkussiven Akkordimpulse, sicher gegriffenes Passagenwerk durchläuft die „Presto“-Kadenz. Das BRSO formt wuchtige Klangbewegungen und setzt rhythmisch markante Akzente. Guy lässt scharfe Glissandi leuchten, den ausladenden solistischen Monolog trägt er mit prägnant geführter Oberstimme vor. Gut gelingen ihm die raschen Repetitionen, seine Klangbehandlung ist sauber, sein Pedalgebrauch verschluckt keine Endungen, Skalen gehen ihm leicht von der Hand. Mit den wild tanzenden Akkordfolgen und im bombastischen Unisono-Gewitter hat er dann streckenweise allerdings doch zu kämpfen, die diabolisch-virtuose Leichtigkeit fehlt ihm mitunter, das irrlichternde Flackern im Solopart könnte statisch aufgeladener sein.

Infernalisches Treiben

Die Gattung der symphonischen Dichtung hat Liszt quasi erfunden, mit seiner „Faust-Symphonie“ schließt sich der thematische Kreis zum Anfang. In drei Kapitel ist das monumentale Werk geteilt, in der „Faust“-Episode zu Anfang begeistert das typische, homogene Streicherbild des BRSO auf einem Fundament charismatisch abgedunkelter Bass-Fülle. Jordan erfasst souverän die programmatische Dramaturgie, er erkennt, um mit Goethes Versen zu sprechen, was Liszts klangliche Welt „im Innersten zusammenhält“. Zwingende Crescendi baut er zu grimmigem Fortissimo auf, lässt düstere Bässe rumoren und formt griffiges Pizzicato in den Streichern. Den Beginn des „Gretchen“-Satzes markieren fein abgezirkelte Holzbläser, intensiv kommunizieren Oboe und Viola, die sich beide solistische Bestnoten verdienen. Jordan stellt die von Liszt immer wieder in wirkungsvollen Gegensatz zu orchestraler Fülle gestellte kammermusikalische Intimität her, durch die in den ersten Violinen souverän Konzertmeister Anton Barakhovsky führt. Genüsslich kostet das BRSO die romantisch-schwelgerische Sinnlichkeit aus, jederzeit herrschen klare stimmliche Verhältnisse. Das mephistophelische Flimmern im „Allegro vivace“-Abschnitt des dritten Teils kommt gut zur Geltung. Jordan entwickelt hier sich drohend aufbauende, diabolische Gesten, lässt dort ungezügelt umherwirbelnden Energien freien Lauf und entfesselt ein unwiderstehlich gehetztes, infernalisch-freches Treiben mit scharfzüngigem „Ironico“-Unterton. Mit imposanter Klangfülle tritt im Schlussabschnitt der Chor hinzu. Ilker Arcayürek als Solist kann sich im Tenor-Solo klanglich nicht immer ganz behaupten, sein Vortrag wirkt stellenweise etwas zu angestrengt. Dynamisch gut ausbalanciert interagieren beide Klangkörper und kreieren eine intensive „Mistico“-Atmosphäre. Klares Fazit: Jordan überzeugt bei seinem Debüt und rückt Liszt als noch immer unterschätzten Symphoniker ins rechte Licht. Bleibt zu hoffen, dass er öfter wiederkommt.

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Kritik von Thomas Gehrig

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Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks: Philippe Jordan

Ort: Residenz (Herkulessaal),

Werke von: Richard Wagner, Franz Liszt

Mitwirkende: Phillippe Jordan (Dirigent), Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (Orchester), Francois-Frédéric Guy (Solist Instr.)

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