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Dienstag, 30. November 2021

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Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Sir John Eliot Gardiner, Copyright: Astrid Ackermann

Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Sir John Eliot Gardiner, © Astrid Ackermann

Das BRSO mit Beethovens "Missa solemnis"

Herausfordernder Auftakt

Mit einer echten Herausforderung startet der Klangkörper unter Sir John Eliot Gardiner in die neue Spielzeit. Als eher sperrig und schwer zu spielen gilt Beethovens „Missa solemnis“ D-Dur op. 123, das empfindet nach eigenen Worten selbst nach zahlreichen Aufführungen auch Gardiner noch immer so. Nicht mehr im Gasteig und noch nicht in der ab Oktober nutzbaren Isarphilharmonie, dafür aber endlich wieder in voller Besetzung kann auf der Bühne des Herkulessaals der Münchner Residen gespielt werden.

Vorsprung durch Erfahrung

Da gibt es da fast schon ein Platzproblem, seitlich leicht rückwärtig versetzt sind die Solisten entsprechend platziert. Auch unter erschwerten akustischen Bedingungen gelingt es Gardiner von Anfang an, Orchester, Chor und Solostimmen in ein gutes klangliches Verhältnis zu setzen. Gleich das „Kyrie“ führt alle Dimensionen zusammen: „Mit Andacht“ hat Beethoven den Beginn überschrieben, mit konzentrierter Intensität erklingt die instrumentale Einleitung, der Chor des Bayerischen Rundfunks kann gleich darauf erstmals seine beeindruckenden Facetten zwischen raumgreifendem Volumen und sensiblem Pianissimo unter Beweis stellen. Nach und nach greifen die Solisten das „Kyrie“-Motiv auf, mit warmem, geschmeidigem Mezzo-Timbre überzeugt hier vor allem Gerhild Romberger. Im „Gloria“ reißt der wirbelnde Streichersog mit, Gardiner findet mit gut angelegten Steigerungen die richtige dynamische Ansprache und führt saubere kontrapunktische Linien. Über die komplexen Strukturen der Partitur behält er stets die Übersicht, ein feiner Holzbläsersatz leuchtet vor dem „Qui tollis“. Deutliche Unterschiede hört man insoweit zu seinem in etwa gleichaltrigen Kollegen Riccardo Muti, der die „Missa solemnis“ erst unlängst in Salzburg mit den Wiener Philharmonikern erstmals in seiner Karriere und mit wenig überzeugendem Ergebnis aufgeführt hatte. Eindeutig kommt Gardiner, der das Werk schon vielfach dirigiert hat, hier seine Erfahrung zugute.

Schlanke Klarheit

Mit schlanker Klarheit interagieren die Solisten (beispielhaft im „Domine fili unigenite“), einzig Julian Prégardiens Tenorstimme fehlt gelegentlich etwas die Durchschlagskraft. Das gilt auch im „Credo“, das ansonsten in weiche orchestrale Farben getaucht ist, der Chor glänzt mit einem hauchzarten „Et incarnatus est“. Expressiv bringt Gardiner die harmonischen Reibungspunkte zur Geltung und setzt im „Et resurrxit“ vehemente Energien frei. Mit scharfen Konturen wird das „Amen“ solistisch umspielt. Im „Sanctus“ tut sich ein kompakt strahlender Blechsatz hervor, Gardiner schafft angespannte Ruhe vor dem „Pleni sunt coeli“, lediglich darin laufen die Stimmen kurzzeitig etwas auseinander. Das „Osanna“ strotzt vor kraft- und wirkungsvoller Agogik. Eine empfindsam in sich ruhende Streichersequenz leitet das ausladende Violinsolo ein, das subtile Dialoge mal mit den Chor-Bässen, mal mit den Holzbläsern führt. Nicht ganz die volle Innigkeit verleiht Konzertmeister Radoslaw Szulc hier seinem Part, von leichten Ungenauigkeiten in der Intonation abgesehen. Aus dem „Benedictus“ ragen Tareq Nazmis kerniger Bass und wiederum Rombergers dunkel gefärbter Mezzo heraus, auch Lucy Crowe (Sopran) überzeugt bis in helle Spitzentöne. Mit edler Klangästhetik gelingt das erhaben getragene „Osianna“. Aus den Tiefen präziser Hörner und Nazmis eindringlich vorgetragenem Bass-Solo erhebt sich das „Agnus Dei“, prägnantes Blech glänzt im „Miserere“-Wechsel mit dem Chor. Das „Dona nobis“ hat ausgefeilte Proportionen, imposant wird die programmatisch dargestellte Kriegsszenerie heraufbeschworen. Ein präzises Fugato und ebenso kraftvolle wie dezente perkussive, meisterhaft von Raymond Curfs an der Pauke gesetzte Impulse beschließen einen herausfordernden Auftakt, den das BRSO souverän meistert. Mit den Worten „Von Herzen – Möge es wieder – zu Herzen gehen“ hat Beethoven das Werk seinem zum Kardinal und Erzbischof ernannten Freund und Gönner Erzherzog Rudolph gewidmet. Mit viel Herzblut spielt auch das BRSO – und erreicht viele Herzen im (leider nicht voll besetzten) Herkulessaal.

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Kritik von Thomas Gehrig

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Symphonieorchester der Bayerischen Rundfunks: John E. Gardiner

Ort: Residenz (Herkulessaal),

Werke von: Ludwig van Beethoven

Mitwirkende: Sir John Eliot Gardiner (Dirigent), Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (Orchester), Gerhild Romberger (Solist Gesang), Julian Prégardien (Solist Gesang), Tareq Nazmi (Solist Gesang), Lucy Crowe (Solist Gesang)

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