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Samstag, 4. Februar 2023

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Roberto Alagna (Lohengrin), Vida Miknevičiūtė (Elsa von Brabant), Ekaterina Gubanova (Ortrud), Martin Gantner (Friedrich von Telramund) und Staatsoper, Copyright: Monika Rittershaus

Roberto Alagna (Lohengrin), Vida Miknevičiūtė (Elsa von Brabant), Ekaterina Gubanova (Ortrud), Martin Gantner (Friedrich von Telramund) und Staatsoper, © Monika Rittershaus

Lohengrin an der Berliner Staatsoper

Mein lieber Schwan

Endlich präsentierte die Staatsoper Berlin pandemiebedingt nach einem Jahr Richard Wagners ‚Lohengrin‘ einem Live-Publikum. Die Premiere dieser Neuinszenierung fand bereits letztes Jahr am 13. Dezember 2020 statt. Allerdings Corona-bedingt ohne Publikum im Saal. In diesem Jahr wurde die Oper musikalisch und szenisch mit Zuschauern nachgeholt. In dem sehr gut besuchten Haus der Lindenoper sind von der Premierenbesetzung, das verwundert keinesfalls, nur noch wenige Sänger übrig geblieben: Adam Kutny als Heerrufer, Martin Gantner in der Rolle des Telramund und Ekaterina Gubanova als Ortrud. Alle weiteren Partien wurden neu besetzt mit Gabor Bretz als König Heinrich, Elza van der Heever als Elsa. Andreas Schager übernahm die Partie des Titelhelden Lohengrin. Auch an der Inszenierung änderte und korrigierte der Regisseur Calixto Bieito noch einiges.     

Am vergangenen Wochenende war der komplette Chor auf der Bühne und im Gegensatz zur Premiere spielte das Orchester vollzählig. Am Pult stand der junge Dirigent Thomas Guggeis. Dieser wird demnächst als Nachfolger von Sebastian Weigle an der Frankfurter Oper die Position des Chefdirigenten innehaben.

Andreas Schager präsentierte den Lohengrin als einen ausgesprochenen Heldentenor. Sehr kräftig. Dies klingt sehr massiv für das relativ kleine Haus und dessen subtile Akustik. An seiner Seite war die Elsa von Elza van der Heever auf gutem gesanglichen Niveau zu hören. Ekatarina Gubanova überzeugte als Ortrud mit ihrem fulminanten Auftritt, nicht nur gesanglich, sondern auch sehr präsent in der Darstellung zusammen mit Marin Gantner als Telramund, der mit ihr auf Augenhöhe die Rolle überzeugend gesanglich und darstellerisch gestaltete. Weniger gefiel der Aufritt von Adam Kutny als Heerführer. Vielleicht liegt es daran, dass er als Clown auf der Bühne auftrat. Ein schönes Timbre mit viel Wohlklang ließ Gabor Bretz als König Heinrich vernehmen. Bretz gestaltete seine Partie sehr prägnant und zurückhaltend.

Der musikalisch gelungene Abend war eine Freude. Einige Bläser des Orchesters wurden von Thomas Guggeis im zweiten Aufzug in die Seitenlogen platziert. Zusammen mit dem Chor, (Einstudierung: Martin Wright) war der Effekt sehr überzeugend und verlieh der Szene edlen Glanz.                                   

Man fragt sich, ob dieser Lohengrin von Regisseur Calixto Bieito bald von der Bühne in Vergessenheit geraten wird oder als Monolith seiner Art beständig weitergespielt wird. Zu wenig einprägsame Szenen, zu viel Überflüssiges und fürs Publikum unverständliche Bilder überfluten die Szenerie. Geht es Bieito um  Effekthascherei oder liegt gar ein tieferer Sinn in seiner Inszenierung?

Zu Beginn der Oper befinden wir uns in einer Szene mit einer Büroausstattung, oder ist es ein Autosalon? Man weiß es nicht. Auf der kargen Bühne wird mit roten Spielzeugautos gespielt, die Bürostühle werden wahllos ohne Sinn hin und her geschoben. Dann entkleiden die Männer des Chores ihre Oberkörper. Sie beschmieren diese mit roter Farbe. Wie nun aber Telramund ausgeschaltet wird ist schwer erkennbar. Elsa hält sich währenddessen in einem weißen Käfig auf, den sie anfänglich verlässt, aber immer wieder hineingeht. Um sich vor ihrem Retter und Befreier zu verstecken oder schützen? Im zweiten Akt tritt dann Elsa als Braut Lohengrins unter einem weißen Schleier auf, welchen Ortrud für sich beansprucht.

Die Videoeinspielungen verwirren das Publikum. Zu Beginn jeden Aktes taucht, badet ein Junge in einem Wasserbecken. Wohl ist dies Elsas Bruder. Zu Beginn des dritten Aktes sieht man eine schwarze Frau mit nacktem Oberkörper einen ausgewachsenen Schwan gebärend. Diese Szene findet während des Hochzeitsmarsches statt. Sehr oft werden Schwäne in den Videoprojektionen gezeigt: ästhetisch vollkommen zerrupft und blutig. Als eine Aufforderung zum Nachdenken fürs Publikum geriet aber die rasante Abfolge der Bilderflut in den eingespielten Videos. Kann das dem Zuschauer zugemutet werden? Zu erwähnen bleibt noch, das Telramund im dritten Akt als Gespenst über die Bühne schleicht, mit einen kleinen Topf in welchem sich eine Grünpflanze rekelt.

Ein denkwürdiger Abend? Eher einer, der die Gemüter erhitzt und reflektieren lässt. Die musikalische Präsentation sagte dem Publikum zu, vieles geriet aber zu laut. Zur Inszenierung gab es an diesem Abend nur wenige Bekundungen der Zuschauer. Vielleicht lag es daran, dass es nicht die Premiere war. Oder, dass die Mehrzahl der Gäste mit der Inszenierungs-Ästhetik Calixto Bieitos vertraut sind.

Kritik von Manfred Zweck

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Lohengrin : Richard Wagner/Bieito

Ort: Deutsche Staatsoper,

Werke von: Richard Wagner

Mitwirkende: Calixto Bieito (Regie), Martin Gantner (Solist Gesang), Ekaterina Gubanowa (Solist Gesang), Gabor Bretz (Solist Gesang), Elza van den Heever (Solist Gesang)

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