> > > > > 24.08.2021
Dienstag, 9. August 2022

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Szenenfoto Tosca, Copyright: Marco Borelli

Szenenfoto Tosca, © Marco Borelli

Tosca bei den Salzburger Festspielen

Packend erzählt

Aus dem Jahr 2018 datiert die erstmalige Aufführung der aktuellen Salzburger „Tosca“, eine „reinrassige“ Premiere war die von den Osterfestspielen übernommene Produktion am vergangenen Wochenende insofern nicht. In Starbesetzung ging sie gestern Abend im Großen Festspielhaus erneut über die Bühne, verantwortlich für die Regie zeichnet Michael Sturminger, der in Salzburg schon den Vorgänger des aktuellen „Jedermann“ inszeniert hatte.

Am Puls der Handlung

Sein „Tosca“-Konzept wirkt insgesamt ein wenig, als könne es sich nicht recht für eine Richtung entscheiden. Auf der einen Seite steht eine Reihe stilechter Elemente, räumliche Anordnungen und Motive erinnern teils an die bildschönen Klassiker von von Margarethe Wallmann oder Franco Zeffirelli. Auf der anderen Seite fließen moderne Ansätze ein. Baron Scarpia als fieser Mafia-Pate – das ist als kreative Grundidee durchaus reizvoll, müsste dann allerdings konsequenter zu Ende gedacht werden. Klischeehafte Outfits und Scarpias in der Hauptsache um ihn herum plakativ ausgestellte und dauerbewaffnete Entourage allein genügen dafür nicht. Auch der Plot, dass der skrupellose Polizeichef in Wahrheit Toscas mörderische Verzweiflungstat überlebt hat und sie am Ende eigenhändig erschießt, wirkt relativ aufgesetzt. Das vergleichsweise nüchterne Bild des letzten Akts fällt etwas aus dem ästhetischen Rahmen. Das alles sind aber nur kleine Schönheitsfehler, denn im Ergebnis wird letztlich doch eine packend erzählte Geschichte daraus. Zugutehalten kann man Sturmingers Arbeit vor allem den angenehmen Verzicht auf jegliche verklausulierte Symbolik. Sie verliert sich nicht in krampfhaft implantierten aktuellen Bezügen oder abstrakt herbeiphilosophierten Paralleluniversen, sondern bleibt stets am Puls der Handlung. Untrügliches Indiz dafür: Auch wenn man den Inhalt schon in- und auswendig kennt, fiebert man – besonders im perfiden Psychospiel des zweiten Akts im Palazzo Farnese – mit den Protagonisten mit.

Diva und Divina

Das ist auch ein maßgebliches Verdienst des Orchesters und der Akteure, allen voran Superstar Anna Netrebko. Die wichtigste Nachricht vorab: Sie tritt – nachdem sie mit ihrem Ausfall für die Generalprobe ein paar Tage zuvor noch Festspielleitung und Karteninhaber gleichermaßen beunruhigt hatte – auf. Alles andere findet sich dann fasts schon von selbst: Netrebko spielt nicht Floria Tosca, sie ist Floria Tosca. Mit jeder physischen und stimmlichen Faser verkörpert sie die Titelfigur atemberaubend glaubwürdig. Darin, sich mit ihrer Rolle vollkommen zu identifizieren, ist und bleibt sie eine Meisterin. Dazu kommen strahlend sichere Höhen und wunderbar warme tiefe Register. Beeindruckend, wie ergreifend sie das berühmte „Vissi d´arte“, dabei noch auf Scarpias langgezogenem Schreibtisch liegend, singt. So etwas konnte einst die Callas, aktuell macht Netrebko das keine nach – sie ist quasi Diva und Divina in einer Person. Nicht mithalten kann da ihr Ehemann Yusif Eyvazov. Nach etwas Anlaufzeit und stellenweise zu viel Vibrato im ersten Akt steigert er sich zwar ab dem zweiten und beweist durchaus den Atem für lang gehaltene Spitzentöne. Insgesamt strahlt aber sein etwas stählernes Timbre mit latent kehligem Unterton kein rechtes Cavaradossi-Charisma aus. Zu überzeugen weiß dagegen Ludovic Tézier als düster-rabiater Polizeichef. Zupackendes, dunkles Volumen und die nötige Portion darstellerische Arroganz machen ihn zum Prototyp des despotischen Fieslings, der nicht nur über Leichen geht, sondern sich am Ende sogar selbst über den Tod hinwegsetzt. Michael Mofidian verkörpert einen nicht nur beweglich phrasierenden, sondern auch treffend nervös von seiner Flucht gezeichneten Angelotti. In Gala-Form präsentieren sich auch die Wiener Philharmoniker. Ungemein farbreich illustrieren sie unter Marco Armiliato das Geschehen und unterstreichen die Spannung auf der Bühne mit mal warmen, sinnlichen Farben, mal knalligen – nie zu lauten – Temperamentsausbrüchen. Da stimmt an diesem Abend fast alles bis in die kammermusikalisch angehauchten, chromatisch absteigenden Sphären zu Beginn des dritten Akts und das hoch sensibel vorgetragene Klarinettensolo im allseits bekannten „E lucevan le stelle“. Dass der ansonsten gut disponierte, hinter der Bühne agierende Chor kurzzeitig nicht ganz synchron mit dem Orchester ist, fällt nicht weiter ins Gewicht bei einer Aufführung, die daneben kaum Schwachstellen hat.  

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Kritik von Thomas Gehrig



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Tosca: Oper in drei Akten von Giacomo Puccini

Ort: Großes Festspielhaus,

Werke von: Giacomo Puccini

Mitwirkende: Marco Armiliato (Dirigent), Wiener Philharmoniker (Orchester), Anna Netrebko (Solist Gesang), Ludovic Tézier (Solist Gesang)

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