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Donnerstag, 2. Dezember 2021

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Szenenfoto Oedipe, Copyright: Monika Rittershaus

Szenenfoto Oedipe, © Monika Rittershaus

Saisoneröffnung an der Komischen Oper Berlin

Schwarze Schicksalsbrühe: Œdipe von Enescu

Das Leben als metallgraues Gefängnis, an dessen Mauern unaufhaltsame schwarze Schicksalsflüssigkeit herunterrinnt? Als geschlossener Raum, aus dessen Beschränkungen es kein Entkommen gibt, egal wie man sich müht? Das Leben als einziges Elend, an dessen Ende der Hauptdarsteller – Leigh Melrose als Œdipe/Ödipus – noch sterbend versucht, die verhängnisvoll herabströmende Schicksalsbrühe wegzuwischen?

Das wäre eine Kurzbeschreibung der Wisch-und-Weg-Neuinszenierung von George Enescus Tragédie lyrique „Œdipe“ zum Saisonauftakt an der Komischen Oper Berlin, wie sie der „aufstrebende russische Regisseur“ Evgeny Titov präsentiert (O-Ton Pressemitteilung). Es ist das erste Mal seit 1995, dass das Werk in Berlin wieder zu sehen ist: damals hatte es Götz Friedrich an der Deutschen Oper in Szene gesetzt. Das Ergebnis wurde bei einer Kritikerumfrage der Zeitschrift „Opernwelt“ zur „Wiederentdeckung des Jahres“ gewählt.

Im Repertoire gehalten hat sich die Wiederentdeckung nicht, man spielte seither in Berlin lieber zum x-ten Mal einen neuen „Ring“, einen neuen Mozart/da Ponte-Zyklus und das sonstige Operneinerlei, statt dieses „einzigartige Stück Musiktheater des 20. Jahrhunderts“ des rumänischen Starkomponisten, das 1936 in Paris Premiere feierte. Nun wird die Klangpracht Enescus von GMD Ainārs Rubiķis neuerlich entfaltet, gesungen wird dabei in französischer Originalsprache, auch wenn niemand auf der Bühne idiomatisch klingt. Geschweige denn irgendetwas mit dem „Text“ tut.

Was in meinem Kopf während der pausenlosen zweistündigen Aufführung viele Fragen aufwarf: Was hat uns diese Geschichte vom tragischen Schicksal des König Ödipus zu sagen? Was ist daran für Menschen im Jahr 2021 interessant? Enescu erzählt – auf Basis eines Librettos von Edmond Fleg, der sich teils bei Sophokles bedient – das Leben des Ödipus von der Geburt bis zum Tod. D. h. es geht nicht nur um den berüchtigten Vatermord und die Ehe mit der eigenen Mutter, sondern ums Gesamtbild. Und darum, wie Ödipus keinerlei eigene Schuld trifft, denn alles passiert … weil er nicht weiß, was er tut. Er weiß nicht, dass der Mann, den er im Streit am Wegesrand tötet, sein Vater ist, er weiß nicht, dass die Frau, die er später heiratet, seine Mutter ist. Er weiß lange nicht einmal, wo er herkommt und wer er ist, nachdem er als Baby ausgesetzt wurde. Als er es schlussendlich begreift, sticht er sich die Augen aus und flüchtet in die Einsamkeit. Während seine Mutter/Ehefrau sich selbst mordet, aus Entsetzen.

Das ist harter Tobak und stellt – in klassisch-antiker Tragödienmanier – letzte Daseinsfragen nach Freiheit, Schuld, Sühne, dem Verhältnis zu den Göttern, zu den Mitmenschen und zum Umgang mit dem, was vorgegeben scheint und worauf wir keinen Einfluss haben. Während ein paar Kilometer weiter die Deutsche Oper Berlin die Antikenoper „Greek“ (1988) von Mark-Anthony Turnage als bonbonbuntes Popspektakel auf dem Parkdeck präsentiert und ebenfalls die Ödipus-Sage erzählt (Inszenierung: Pınar Karabulut), hat die Inszenierung von Evgeny Titov so gut wie keinerlei Schauwert. Außer, dass sich eine schlangenartige Leuchtröhrenkette von oben entfaltet und wieder zusammenrollt – wie eine Sphinx –, passiert nichts in diesem Einheitsgrau. Die Figuren kommen rein, morden, sterben, leiden, und werden im besten Fall tot von der Bühne gezogen.

Dazwischen steht in weiß gekleidet Leigh Melrose als Œdipe – erst unschuldig rein, am Ende blutverschmiert. Seine Figur wollte sich befreien von ihrem Schicksal, die Verantwortung dafür abstreifen wie seine Jacke, die man auszieht (und die Melrose tatsächlich auszieht). Dieser Ödipus wird fürs Übernehmen von Verantwortung nicht belohnt. Der gleißende „Erlösungsschluss“, den Enescu komponiert (bei dem der Titelheld in einem Hain in Licht aufgeht) wird von der Regie verweigert, trotz Leuchtröhren.

Was den Abend noch deprimierender macht. Ohne dass dabei ein Moment der Katharsis entstünde. Zumindest bei mir einstand er nicht, weil mir alle Figuren auf der Bühne emotional fernblieben und ich an keinem Moment Mitgefühl aufbringen konnte. Ob das nur mir so ging, weiß ich nicht. Der matte Applaus am Ende zeugte jedenfalls von einiger Erschöpfung rundherum im ausverkauften Haus.

Das könnte auch daran liegen, dass Regisseur Titov nichts unternimmt, um diese Coming-of-Age-Geschichte klar rüberzubringen. Man muss schon sehr genau wissen, wer da was ist in dieser antiken Sage, um der verästelten Handlung folgen zu können. Da helfen auch die Untertitel nichts. Oder nur wenig.

In jüngster Vergangenheit hatte die Komische Oper wiederholt bewiesen, dass man sperrige Werke des 20. Jahrhunderts effektvoll auf die Bühne hieven und packend erzählen kann, selbst wenn die Stücke eher oratorienhaften Charakter haben: man denke an Schönbergs „Moses und Aaron“ oder Henzes „Bassariden“, die an der Behrenstraße zu Blockbustern mutierten, ebenso Zimmermanns „Die Soldaten“. Kaum Stücke, denen man magnetische Wirkung attestieren würde. Dennoch entstand in allen Fällen Bühnenzauber. Ehrlich gesagt hatte ich bei „Œdipe“ etwas von solchem Zauber erwartet, statt eine Produktion, die austauschbar aussieht und so, als ob man darin genauso gut „Elektra“ oder „Salome“ spielen könnte (Bühnenbild: Rufus Didwiszus; Kostüme: Eva Dessecker).

Es ist bekannt, dass sich Enescu für seinen Titelhelden den großen Charakterdarsteller Fjodor Schaljapin wünschte, der die Rolle aber ablehnte. Das tragische XXL-Format und die Deklamationskunst Schaljapins hätten einer Inszenierung wie der von Titov vermutlich ein emotionales Zentrum gegeben, das ergreift und mitreißt. Der Bariton Leigh Melrose – als Gast aus Großbritannien und Spezialist für Moderne Oper aufgeboten – erfüllt diese Aufgabe nur begrenzt. Wirklichen stimmlichen Glanz und Faszination entfaltete für mich nur Katarina Bradić als mysteriöse Sphinx, die Ödipus vor die Rätsel des Lebens stellt – und ihn dann auf den Weg zu seiner Mutter in den finalen Abgrund schickt. Bradić verleiht dieser Sphinx eine darstellerische und vokale Präsenz, die fesselt. Ansatzweise gilt das auch für Mirka Wagner als Ödipus-Tochter Antigone und Karoline Gumos als Ödipus-Mutter/Ehefrau Jocaste.

Der Rest sind Karikaturen: Christoph Späth als Ödipus-Vater Laïos, dem später die Gedärme aus dem Bauch heraushängen, Jens Larsen als orakelnder Tirésias, Johannes Dunz als halbwahnsinniger Schäfer usw. Vazgen Gazaryan als „Grand prêtre“ verbreitet Bassauthorität, auch wenn nicht klar ist, was seine Funktion im Stück ist. Was auch für Joachim Goltz als Créon gilt.

Der Chor singt vom 2. Rang herab, was interessante Klangwirkungen kreiert (Einstudierung: David Cavalius), aber den Effekt eines kommentierenden griechischen Chores aushebelt. Und Ainārs Rubiķis entfacht mit dem fabelhaft aufgelegten Orchester der Komischen Oper Luxusklänge, denen aber das Atmen und die spürbare Leidenschaft fehlen. Als „musical mastermind“ des Hauses hätte Rubiķis aus dem Stück und aus dieser Produktion mehr herausholen können, jedenfalls wenn er aus „Œdipe“ ein Rundumereignis hätte machen wollen.

So war es eine interessante Wiederbegegnung mit dem Werk nach 25 Jahren. Für das die Komische Oper fünf Aufführungen angesetzt hat, so als würde sie selbst wissen, dass es keinen „run“ nach Tickets geben wird. Dabei ist eine Rarität im Spielplan mehr als begrüßenswert und die Musik von George Enescu lohnt absolut das nähere Kennenlernen. Man darf gespannt sein, ob sich dieser „Œdipe“ im Repertoire behaupten wird, wenn nächste Spielzeit die neue Post-Kosky-Intendanz übernimmt. Auf alle Fälle gibt es im Ensemble genügend großaritge Baritone und Bässe, die ich gern als Ödipus hören und sehen würde bei einer Wiederaufnahme.

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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George Enescu: Œdipe: Tragédie lyrique in vier Akten und sechs Bildern

Ort: Komische Oper,

Werke von: George Enescu

Mitwirkende: Mirka Wagner (Solist Gesang), Karolina Gumos (Solist Gesang), Christoph Späth (Solist Gesang), Jens Larsen (Solist Gesang), Joachim Goltz (Solist Gesang)

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