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Mittwoch, 1. Dezember 2021

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Szenenfoto "Carlo il Calvo", Copyright: Falk von Traubenberg

Szenenfoto "Carlo il Calvo", © Falk von Traubenberg

Carlo il Calvo

Bayreuth Baroque Festival

Das Markgräfliche Opernhaus, erbaut im Jahr 1748, gehört seit 2012 zum Weltkulturerbe. Nach über fünf Jahren Sanierung und Renovierung ist es nicht nur ein exquisites Vorführobjekt für den Bayreuth-Touristen, sondern auch ein hervorragender Ort für erlesene barocke Opern und Musikveranstaltungen. Ein Juwel an architektonischer Raffinesse, der ideale Ort, dem Ausstrahlung und Atmosphäre innewohnt.

Auch im zweiten Jahr des Baroque Festivals im Markgräflichen Opernhaus in Bayreuth war - leider auch zum letzten Mal - Nicola Antonio Porporas Oper Carlo il Calvo ("Karl der Kahle") zu erleben. Ein Augen- und Ohren-Höhepunkt, der dergleichen in der europäischen Opernlandschaft sucht. Nicola Antonio Porpora Oper ist ein typisches „Dramma per Musica“. Die funkensprühende, fulminant opulente Inszenierung von Max Emanuel Cencic ist mehr als nur amüsant. Sie ist genialisch unterhaltsam, witzig und mit einem Hauch an tragikomischen Szenen dem wahren Leben so nahe.

Die Geschichte spielt in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts in einem fernen südamerikanischen Land, die Bühne und die Kostüme sind dorthin verortet. Original führt uns die Handlung in die Epoche des Mittelalters, in das Zeitalter der Herrschaft Karls des Großen. Wie damals geht es in der Oper um die Erbfolge und die damit zusammenhängenden Streitigkeiten um den Kaiserthron. Zudem darum, wer der rechtmäßige Nachfolger des kahlen Karls ist.  

Wie im Jahr 2020 war die gefeierte Premierenbesetzung unter der künstlerischen Leitung von Max Emanuel Cencic, der selbst als Sänger auf der Bühne Zauberglanz verströmte, zu erleben. Auch Franco Fagioli, Julia Lezhneva, Bruno de Sà, Suzanne, Nian Wang, Petr Nekoranec und dem Orchester Armonia Atenea unter der Leitung George Petrou waren mit von der Partie. Glücklich schätzen konnte sich ein jeder, der solch eine Besetzung der weltweit gefragtesten Sänger an einem Abend zusammen auf der Bühne erleben durfte. Atmosphärisches Knistern und freudvolle Gespanntheit lag in der Luft kurz vor dem Heben des Vorhangs.

Cencic, fulminant wie immer, gab den korrupten und machtgierigen Lottario, der nach dem Ableben des Kaisers für sich den Anspruch auf den Thron erhob. Sein Sohn, Adalgiso, brillant gesungen und interpretiert von Franco Fagioli, widersetzt sich dieser Gier und will den rechtmäßigen Erben auf dem Thron sehen. Ein Gerechtigkeitsfanatiker und Gutmensch. Es kommt wie es kommen muss in einer richtigen Opera: hinterlistige Auseinandersetzungen und großen Rangeleien wechseln sich ab, gespickt mit Liebensglücktändeleien. Letztendlich wird dann doch die gottgewollte Ordnung wieder hergestellt. Der kluge und milde Herrscher muss sein am Ende eines barocken „Dramma per Musica“.

Cencic zeigt in der Inszenierung sein feines Gespür für die zwiespältigen Figuren der Oper. Dies kommt im Besonderen in den intimen Szenen mit Lottarios Leibwächter Asprando, ausgezeichnet gesungen und dargestellt von Peter Nekoranec, zum Ausdruck. Überwältigend beeindruckend waren die Auftritte von Franco Fagioli, dem Countertenor der zu Recht Weltruf genießt. Hinreißend, mit beseelter Stimme, mit großer Spielleidenschaft reißt er das Publikum mit sich. Für die Sopranistin, Julia Jezhneva, eine Spezialistin für Alte Musik, gerät die Partie der Gildippe zur Paraderolle. Suzanne Jerosme als Giuditta, die Mutter des wahren Thronerben, betört mit ihrem warmen Gesang, der besonders in den empfindsamen Tönen überzeugt. Einen beherzt überzeugenden Auftritt, mit akkurater Delikatesse auftrumpfend, bot Bruno de Sá als Berardo. Ein absolut höhensicherer Countertenor mit einer hellen, sehr klaren Stimme. Dieser bezaubernde, einmalige Abend wäre undenkbar ohne das Ensemble Armonia Atenea unter der Leitung von George Petrou. Hochkonzentriert, berauschende sogar swingende Melodien waren aus dem Graben zu hören.              

Dass dies der letzte Abend dieser hervorragenden Inszenierung war, konnte das Publikum den Protagonisten und sämtlichen Darstellern ansehen und hören. Eine entspannte Crew, eine fast heitere Stimmung und ausgelassene Laune waren auf der Bühne zu beobachten. Lang anhaltender Applaus, viele Bravi.

Kritik von Manfred Zweck

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