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Montag, 30. Januar 2023

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Intolleranza 1960, Copyright: Maarten Vanden Abeele

Intolleranza 1960, © Maarten Vanden Abeele

Luigi Nonos Oper Intolleranza 1960 bei den Salzburger Festspielen

Mob und Mensch

Der Choreograph Jan Lauwers hatte schon immer ein Faible für das Ornament der Masse. Für Luigi Nonos „Intolleranza 1960“ hat er in Salzburg ein breughelhaftes Wimmelbild erfunden, mit viel ästhetisch schönem Gewusel auf der ganzen Breite der Felsenreitschule.

Ein grauenvoller Schrei. Er dauert nur wenige Sekunden, brennt aber ein scharfkantiges Loch in die Luft. „Grido di torturati in tutto teatro“ hatte Luigi Nono gegen Ende der vierten Szene seines Stücks  „Intolleranza 1960“ notiert: einen „Schrei der Gefolterten“, der „im gesamten Theater“ widerhallen soll. In der Salzburger Felsenreitschule, intoniert von 167 teils geschulten, teils ungeschulten Kehlen, wirkt dieser Schrei wie ein Weckruf. Wie eine starke Zäsur, mitten im ästhetischen Kunstvergnügen der Festspielgäste. 

Denn sublimierte Gewaltakte, dramatische Videos, Ströme von Kunstblut, nackte Statisten, Lumpen und Appelle – all das gehört ja mittlerweile überall dazu, es lässt sich gut wegstecken. Auch die Musik geht immer weiter. Auf der Szene wird weiter gefoltert. Nach kurzer Stille taucht, fadendünn, eine zitternde Klangmischung aus dem Graben auf, ein Liegeton, der sich auseinanderfaltet zu einer dieser nono-typischen, weit gespreizten lyrischen Melodien, der Chor wendet sich, im Pianissimo, direkt ans Publikum: Seid ihr taub? 

Ingo Metzmacher gestaltet die rhythmisch komplexen, immer wieder die Grenzen des Singbaren streifenden Tableaus dieser gleichnishaften Politpassionsgeschichte mit einer fast kühlen Besonnenheit, er sorgt für Klarheit in der Vielschichtigkeit. Seit er 1993 die ersten Salzburger „Prometeo“-Aufführungen dirigierte, ist er der probate Nono-Spezialist der Festspiele, er hat, mit wenigen Ausnahmen, alle großen Orchesterstücke Luigi Nonos hier erarbeitet sowie, mit „Intolleranza 1960“, nun auch dessen dritte sogenannte Oper. Biographisch betrachtet handelt es sich um das früheste seiner Musiktheaterstücke, in denen er, auf allen Ebenen, mit den traditionellen Konventionen der Gattung bricht. Das collagenhafte Libretto stellte er sich letztlich selbst zusammen, Texte von, unter anderem, Majakowski, Éluard, Sartre und Brecht benutzend. Elektroakustik, Lautsprecher und Chor übernehmen die Verräumlichung des Klangs, die Orchesterinstrumente erobern die Bühne, der narrative Faden zerbröselt, die Figuren bleiben streng gleichnishaft, die Handlung zerfällt in Episoden. 

Bewundernswürdig meistert der Wiener Staatsopernchor die Herausforderungen der Partitur, allezeit klangschön, intensiv und transparent zugleich. Dasselbe lässt sich von sämtlichen Orchestergruppen der Wiener Philharmoniker sagen, die, was die Pauken und das restliche üppige Schlagzeug anbelangt, aber auch Harfen und Celesta, außerhalb des Grabens agieren, das Bühnengeschehen quasi einrahmend. Anfangs agiert der Chor von einem Podest aus. Alsbald löst sich diese Oratoriums-Ordnung auf, die Choristen mischen sich unter die offenbar nonstop auf der Flucht befindlichen Tänzer und Statisten, so dass in der Düsternis des Bühnenlichts und in dem Gruppengewusel, das der Regisseur und Choreograph Jan Lauwers kunstvoll kleinteilig auf der Bühne in Bewegung setzt, bald nicht mehr unterscheidbar ist, wer da singt, spricht, tanzt und wer wer ist. Individualität spielt, mit einer Ausnahme, keine Rolle. Selbst die drei Hauptprotagonisten – der Held der Geschichte und seine beiden streitbaren Frauen –  verschmelzen, wenn sie nicht gerade zu Soli heraustreten, mit dem Volk. Letzteres bildet eine breughelhaft schwärzlich-erdfarbene, gulag-graue Masse, die sich amorph staut oder fließt. Und die Live-Videoprojektionen, die damit dann, schön körnig vergrössert, die Rückwand der Felsenreitschule garnieren, verwandeln die Masse Mensch vollends in ein Ornament.

Erzählt wird die Geschichte eines Migranten (mit hellem, trompetenhaften Tenor: Sean Pannikar). Er verlässt, der Not gehorchend, sein Zuhause, die Frau (madonnenhaft sonor: Anna Maria Chiuri) und die Familie, gerät zufällig in eine antifaschistische Demonstration, in der das Volk „Freiheit“ fordert und „Nie wieder Krieg!“, wird verhaftet, gefoltert, flieht, politisiert sich, findet eine gleichgesinnte, kämpferische Gefährtin (leuchtend schön: Sarah Maria Sun) und kehrt schließlich heim, wo alle miteinander umkommen in einer menschengemachten Klimakatastrophe: einer Überschwemmungsflut. 

Das Stück könnte also ebensogut „Intolleranza 2021“ heißen. Es ist heute so aktuell wie damals, als Nono es schrieb und der Algerienkrieg tobte. Am Tag der Salzburger Premiere marschierten die Taliban in Kabul ein. Im Jahr der Uraufführung, 1961 in Venedig, machte das Stück einen Riesenskandal. In Salzburg gab es herzlichen Applaus, danach ging man gepflegt zu Tisch. Nicht, dass man nicht auch vor sechzig Jahren nach einem erschütternden Kunsterlebnis, etwas getrunken und gegessen hätte. Aber konnte man es auch so schnell vergessen? So einfach abhaken? Was ist passiert seither, das diesem Werk den Stachel zog? Oder, anders gefragt, mit dem Chor: Sind wir heute taub geworden?

Es ist dies die angeblich müßige alte Grundsatz-Frage nach dem Sinn einer politischen Oper. Auch Jan Lauwers hat sie sich wieder gestellt. Er fügte eine neue Figur ein in das Stück: den blinden Dichter, der, ganz in weiß und von Kopf bis Fuss zitternd, auf einem Podest am Rande steht – exterritorial außerhalb des Geschehens. Als er sich endlich einmischt, spricht er genau über dieses Phänomen: Dass man wahre Geschichten ästhetisch abhakt. Dass wir uns amüsieren, während gelitten, gefoltert und gestorben wird. Dieser Dichter (gesprochen von Victro Afung Lauwers) wird von der Masse Mensch niedergemäht mit Lachsalven, aus 167 Kehlen tönt Gekicher, Gelächter und hemmungslos wieherndes Gebrüll. Die Masse wird zum Mob.

Dieser Augenblick im zweiten Teil des Werks wirkt wie eine weitere Zäsur, ebenso scharf wie der Folterschrei im ersten. Und auch mit dem Schlussbild gelingt Lauwers etwas Einfaches, Starkes, Ritualhaftes, das all die vielen Projektionen, Verdoppelungen und Bedeutungswuseleien, mit denen er Nonos „Azione teatrale“ bis dato übermalt hatte, wegwischt. Er lässt endlich Licht zu auf der Bühne. Er stoppt die Flucht. Der Chor der Überlebenden bildet einen Kreis rund um die Katastrophentoten und spricht, einander die Hände reichend, künftige Generationen an, mit den Worten Brechts: „Gedenkt unserer, mit Nachsicht“ Dieses Bild bleibt, wie ein Amen in der Kirche.

Kritik von Dr. Eleonore Büning

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Intolleranza 1960: Oper von Luigi Nono

Ort: Felsenreitschule,

Werke von: Luigi Nono

Mitwirkende: Ingo Metzmacher (Dirigent), Wiener Philharmoniker (Orchester), Anna-Maria Chiuri (Solist Gesang)

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