> > > > > 29.07.2021
Montag, 25. Oktober 2021

Die Walküre, Copyright: Enrico Nawrath

Die Walküre, © Enrico Nawrath

Farbrauschfantasien und Emotionsgewitter

Das Gesamtkunstwerk Bayreuth im Jahre 2021

Allen Unkenrufen zum Trotz: die Bayreuther Festspiele erfinden sich jährlich anders. Weg vom musealen Image hin zum sich erneuernden Jetztzeitkunstwerk lautet das Credo auf der Fahne, die imaginär auf dem legendären Prachtbau auf dem Grünen Hügel weht. Und ja, die Bayreuther Festspiele 2021 präsentieren auch diese Spielzeit pulsierend klingende Welttheater ob konzertant (Parsifal), semikonzertant (Walküre) oder szenisch (Holländer, Tannhäuser und Die Meistersinger). Neben einem ausgeklügelten Hygienekonzept (Maskenpflicht auf dem Festspielgelände und im Festspielhaus, Nachweis eines Schnelltests oder vollständige Impfung) wurde die Gästezahlen auf 900 Besucher, die im Schachbrettmuster sitzen, reduziert. Eine schwarze Samthusse bedeckt den jeweils leeren Platz dazwischen.

Ein Schwerpunkt des multimedialen Projekts der Festspiele dem „DISKURS-Bayreuth Ring 20.21“ waren drei Aufführungen der „Walküre“ im Festspielhaus. Am Pult stand der finnische Dirigent Pietari Inkinen. Der österreichische Maler und "Aktionsguru" Hermann Nitsch übernahm die wilde Farbrausch-Regie im Bühnenraum. Komplementiert wurden die halbszenische "Walküre" durch Auftragswerke verschiedener Kunstrichtungen. Somit waren alle Teile des „Ring des Nibelungen“ erlebbar. Das Musiktheater „Das Rheingold – Immer noch Loge” fand im Festspielpark statt. Komposition Gordon Kampe, Libretto Paulus Hochgatterer. Puppenspiel-Regie Nikolaus Habjan. Der Video- und Performancekünstler Jay Scheib katapultierte mit seinem multimedialen Werk ‚Sei Siegfried‘ den Zuschauer, welchen er mit einer Virtual Reality Brille versah, hinein in die Rolle des ‚Siegfried‘. Im Festspielpark präsentiert in einem Auftragswerk der Bayreuther Festspiele, der Installation "The Thread of Fate" die Japanerin Chiharu Shiota ihre künstlerischen Gedanken zur "Götterdämmerung": es ist ein grosses rotes Gespinst aus Nornenschicksalsfäden. 

Farbrauschfantasien und Emotionsgewitter 

Der Aktionskünstler Herrmann Nitsch taucht ‚Die Walküre’ in berauschend sinnliche Farbtonkompositionen. Der Grüne Hügel wird regenbogenbunt. Bildende und malende Künstler haben sich zeitlebens mit den Opern Richard Wagners auseinander gesetzt. Viele waren besessen von dessen Werk oder sie verabscheuten dessen Intensität und die innewohnenden Widersprüchlichkeiten. Kunstwerke zu schaffen, neues Lebenslicht zu finden, Existenzenergie zu schöpfen, die existierende Welt, deren Ordnung in Frage zu stellen, beflügelt einen jeden kreativen Geist. Für den Bildhauer- und Malerphilosophen Anselm Kiefer existiert die reale Welt nur im eigenen Werk, im Kontext der Zusammenhänge, die er schafft. Auch hat Kiefer sich ebenso wie Nitsch mit Wagner auseinandergesetzt als er den Parsifal in New York bebilderte. Georg Baselitz erfand aussagekräftige Bühnenräume für den Parsifal in München 2018. In Bayreuth wirkt in diesem denkwürdigen Coronageprägten Sommer Herrmann Nitsch. Der als ‚Blutkünstler‘ bekannte und ebenso verschriene Magier der Leinwand, hat sie gefunden: er kontrastiert sinnästhetische äussere und innere Welten, verwandelt sie in explosives Farbrausch-Mysterientheater. Und der Aktionskünstler Nitsch bekennt, dass ohne Musik, die Musik Richard Wagners sein eigenes Gesamtkunstwerk nicht existieren würde. Für die Bayreuther Walküre sass Nitsch am Fabspektakel-Regiepult und seine 10 Mitstreiter des fesselnden Farbaktions-Happenings agierten auf der Bühne. 

Wir blicken in einen von hohen weissen Wänden umstellten Bühnenraum. Selbst der Boden dient als Leinwand. Auf ihm eine akkurate Reihe von Farbeimern. Ein jeder Aufzug wird neu in Farbrausch-Manier bespielt. Vorne stehen helle Holzstühle für die Protagonisten, die allesamt schwarze kuttenartige Gewänder tragen. Auf den weissen Flächen direkt hinter ihnen wird geschmiert, gespritzt oder es rinnt von ihnen die jeweilige Farbe zur Musik herab. Im ersten Aufzug herrscht grün und blau vor: Wald, Stürme und brennende Leidenschaft äussern sich rot, das Schwert schwarz, denn es ist mit der Assoziation des Untergangs und der Vergeblichkeit die Macht zu gewinnen, besetzt. Schwarz und Grautöne beherrschen auch den zweiten Aufzug in welchem Wotan, dunkel massiv und flexibel gesungen von Tomasz Koniecny, sein Scheitern und sein Versagen erkennt: Wotan hat eindeutig die Kontrolle verloren, wähnt sich machtlos. Ausgerechnet Fricka, Christa Mayer gibt ihr Rollendebüt mit harsch bestimmten, warmen Tönen, zwingt den Ehefremdgänger dazu, die geschwisterliche Liebe von Siegmund und Sieglinde zu ahnden. Siegmund muss durch Hunding fallen. Dmitry Belosselskiy singt diesen eindrucksstarken Hunding mit übermächtig, tiefschwarzem Bass. Er ist ein rachsüchtiger, böser Geselle und eine Idealbesetzung für diese Partie. Die jauchzend frische Brünnhilde, Iréne Theorin gibt ihr Bestes. Sie überzeugt aber nicht, da neben flirrender Schrillheit und Schärfe in der Höhe ihre Textverständlichkeit stellenweise Wünsche offen lässt. Das Traumpaar Klaus Florian Vogt (Siegmund) und Lise Davidsen (Sieglinde) sind die diesjährigen Stars am Bayreuther Festspielhimmel. Vogt, dessen Tenor an metallischer Tiefe und Flughöhenbrillanz zugenommen hat, verzaubert vom ersten Satz an, tönt  hilfesuchend, ein wenig lebensmüde erschöpft. Dass er zudem als Stolzing in den Meistersingern gefeiert wird, verwundert nicht. Vogt ist einer der besten Wagnertenöre weltweit. Lise Davidsen singt auf direkter Augenhöhe. Ihr golden warmer Sopran paart kraftvoll sanfte Emotionalität und hohe Ausdrucksvariation. Sie ist ein Glücksfall für Bayreuth. Und, wir dürfen auf den ‚Ring‘ 2022 gespannt sein, wenn dieses Liebes-Dreamteam szenisch zum Zug kommt. Klangberauscht und überschäumend lustvoll singen Wotans Walküren. (Kelly God, Brit-Tone Müllertz, Stephanie Houtzeel, Christa Mayer,Daniela Köhler,Nana Dzidziguri,Marie, Henriette Reinhold,Simone Schröder.

Der Finne Pietari Inkinen dirigiert seine erste Walküre auf dem Grünen Hügel sehr behutsam, keineswegs rasant und stürmisch. Diese halbszenische Walküre strahlt in ihrer episch musikalischen Ausdeutung durch Inkinen Oratoriencharakter aus. Ein gewaltiges Wagner-Oratorium oder eine Wagner-Passion könnte man assoziieren. Durch die christlichen Symbole, die Herrmann Nitsch auf der Bühne zelebrieren lässt: eine am Kreuz hängende Frau wird mit Blut überschüttet, ein rot gefärbtes Rinnsal erscheint im Hintergrund, wird dies als Idee in den Raum gestellt. 

Diese regenbogenbunte Bayreuth-'Walküre' ist mutig und passt, da sie so ganz anders ist, wunderbar in das sehr gut konzipierte multimediale Gesamtkonzept - Spektakel des Ring 20.21.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Barbara Röder

Kontakt aufnehmen mit dem Autor

Kontakt zur Redaktion


Richard Wagner Walküre : Halbszenisch

Ort: Festspielhaus,

Werke von: Richard Wagner, Gordon Kampe

Mitwirkende: Pietari Inkinen (Dirigent), Tomasz Konieczny (Solist Gesang), Christa Mayer (Solist Gesang), Iréne Theorin (Solist Gesang), Klaus Florian Vogt (Solist Gesang)

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (10/2021) herunterladen (3200 KByte) Class aktuell (3/2021) herunterladen (7642 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich