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Mittwoch, 1. Dezember 2021

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Yulianna Avdeeva mit dem SWR Sinfonieorchester, Copyright: Wiener Konzerthaus

Yulianna Avdeeva mit dem SWR Sinfonieorchester, © Wiener Konzerthaus

Das Symphonieorchester des SWR in Wien

Kompromisslos authentisch

Mehrmals hatte das Gastspiel des SWR-Symphonieorchesters unter Leitung seines Chefdirigenten Teodor Currentzis im Wiener Konzerthaus pandemiebedingt abgesagt werden müssen, nun konnte es endlich im Großen Saal nachgeholt werden. Ganz im Zeichen von Prokofjew steht das Programm, mit dem der Klangkörper in der vergangenen Woche seine Spielzeit in Stuttgart eröffnet hatte. Mit dabei: Yulianna Avdeeva als Solistin im Klavierkonzert Nr. 3 C-Dur op. 26. Noch vor kurzem hatte Currentzis in Salzburg mit seinem Ensemble „MusicAeterna“ im Originalklanggewand musiziert, mit der stilistischen Umstellung auf symphonisches Großformat hat er keine Probleme, schon das zeigt sich seine Vielseitigkeit.   

Motorischer Impetus

Solo-Klarinettist Sebastian Manz eröffnet den „Andante“-Abschniit des Kopfsatzes mit sublimer Intonation, bald darauf setzt schon der für Prokofjew typische motorische Impetus ein. Zu seinem Werk hat Avdeeva, wie sie selbst sagt, seit ihrer Kindheit eine besondere Beziehung, auch als Interpretin seiner Sonaten ist sie vielfach hevorgetreten. Auch hier merkt man sofort, dass sie seine Tonsprache spricht, die nötige Mischung aus souveräner Technik und Anschlagsnuancen bringt die Gewinnerin des Chopin-Wettbewerbs von 2010 mit. Perkussiven Elan bringt sie ebenso auf den Punkt wie lyrisch empfindsame Passagen. Klangschichten trennt sie sauber, dazwischen bewegt sie sich mit virtuoser Eleganz in hell glänzenden Diskantsphären und sprudelnder Unisono-Geläufigkeit. Ein wenig straffer könnte sie die Akzente in der zweiten Variation des Mittelsatzes setzen, ansonsten erschließt Avdeeva aber auch hier überzeugend die emotionalen dynamischen Dimensionen. Virtuose Spielfreude blitzt im „Finale“ auf, technisch anpsruchsvollen Akkordsprüngen verleiht sie eine – im positiven Sinn – trockene Schärfe und spielt gekonnt mit den rhythmischen Finessen. Currentzis versteht es ohnehin, die immer wieder unerbittlich treibenden Kräfte freizusetzen. Ihm gern vorgeworfenes Show-Gehabe sucht man vergeblich, seine hellwache Präsenz und sein direkter Draht zu den Musikern übertragen sich gleichermaßen auf deren Spiel wie auf die Zuhörer. Virtuos auf- und abwärts laufende Skalen und rasende Akkordfolgen reißen das Publikum vollends zu Begeisterungsstürmen hin, für die sich Avdeeva programmatisch konsequent – mit dem Scherzo aus Prokofjews zweiter Sonate als Zugabe bedankt.

Kraft und Sensibilität

Nach der Pause folgt die Symphonie Nr. 5 B-Dur op. 100. Auch darin baut Currentzis´ Dirigat augenblicklich greifbare Spannung auf. Kantable Violoncello-Wärme wechselt mit mächtiger Tutti-Fülle, umrahmt von scharfen Blechkonturen. Statisch aufgeladen ist die Phrasierung im „Allegro marcato“, der Satzbezeichnung machen die urgewaltigen Schlagwerkexzesse alle Ehre. Currentzis lässt es sich natürlich nicht nehmen, dynamisch und agogisch Vollgas zu geben und sich in wilde Accelerando-Turbulenzen zu stürzen. Das alles wirkt nicht inszeniert, sondern kompromisslos authentisch, den Eindruck, dass hier jemand Allüren pflegt, hat man nicht. Die Aura, die Currentzis unbestritten hat, scheint vielmehr der Fokussierung aller Ausführenden zu nützen. Die einzige Extravaganz, die er sich leistet, ist der Griff zum isotonischen Getränk zwischen den Sätzen, alles andere ist eine eindrucksvolle Synthese aus Kraft und Sensibilität, die nicht auf Manierismen, sondern auf impulsivem, temperamentvollem Musizieren beruht. Traumwandlerisch verklärt wandert das Hauptthema des „Adagio“ durch die Stimmen, auf krachende Klangdetonationen folgt zarte Pianissimo-Melodik. Currentzis´ Dirigat bewegt sich unmittelbar am Pulsschlag der Musik. Klangsteigerungen bis hin zu maximaler, ekstatischer Wucht im „Finale“ beweisen: Wo Currentzis drauf steht, ist auch Currentzis drin. Erneut eine Zugabe – natürlich Prokofjew. Und noch einmal suggestive Klangmagie im „Tanz der Ritter“ aus der Ballettmusik zu „Romeo und Julia“. Einen eigenen Zyklus hat Currentzis im Wiener Konzerthaus in dieser Spielzeit, der Auftakt ist in jedem Fall vielversprechend.

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Kritik von Thomas Gehrig

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SWR-Sinfonieorchester: Currentzis/Avdeeva

Ort: Konzerthaus,

Werke von: Sergej Prokofieff

Mitwirkende: Teodor Currentzis (Dirigent), SWR Symphonieorchester (Orchester)

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