> > > > > 17.03.2006
Sonntag, 29. Mai 2022

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Stichprobe an der Semperoper

Figaroskizzen

Im Januar hatte die Neuinszenierung von Mozarts ‘Le Nozze di Figaro’, pünktlich zum Jubiläumsgeburtstag an Dresdens Semperoper, Premiere gehabt. Der irakische Regisseur David Mouchtar-Samorai hatte sich bei seinem Dresdner Debüt bemüht, traditionelles Erzähltheater vorzuführen und blieb dabei brav – allzu brav – an der Oberfläche der Geschichte. Im sparsam-abstraktem Bühnenbild von Heinz Hauser und mit Joachim Herzogs zeitlos-heutigen Kostümen gelang es nicht, das bitterböse Potential dieser ‘Hochzeit’ zu verdeutlichen.

Auch nun, in den ersten Aufführungen nach der Premierenserie, fehlt das erotische Knistern, die Spannung, die Gesellschaftskritik, das Spiel mit den Personen und ihren Verhältnissen. Dinge, die einst die Zensur beschäftigten, sind hier zum harmlosen Arrangement verkommen. Die vor einem mit Schraffuren versehenen Horizont gespannten, vertikalen und horizontalen Seile, die ein Koordinatensystem für Zeichner andeuten - man kennt das aus Peter Greenaways Film ‚The Draughtman’s Contract’ –, sie böten sich durchaus an, um hier ein Spiel mit Perspektiven und Personen zu entwickeln. Doch immer wieder stehen die Personen einfach da, entweder zu Grüppchen arrangiert oder aber einfach nur in den Zuschauerraum hineinsingend. Am Schluss, im nächtlichen Gartenbild, tun dann alle so, als ob sie sich gegenseitig nicht sehen würden, so wie das schon im ersten Akt bei des Grafen und Cherubinos Versteckspiel der Fall war. Nirgends eine Fallhöhe, nirgends etwas Bemerkenswertes. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. - So hatte man sich das ursprünglich bestimmt nicht vorgestellt.

Die zweite Besetzung

Doch das Interesse der aktuellen Aufführungsserie galt vor allem der neuen Besetzung, die sich nun - bis auf Kristiane Kaiser als Gräfin - aus dem Ensemble des Hauses, mit meist jungen Interpreten, zusammensetzte. Und verglichen mit den oft schwerfälligen Repertoire-Aufführungen der Vorgänger-Produktion Hans Hollmanns, muss man eindeutig von einer Qualitätsbesserung sprechen.

Natürlich, unter Hans E. Zimmers meist auf Nummer sicher gehendem, traditionellem Mozart-Dirigat, blinkt und funkelt nur an einigen Stellen das Besondere hervor. Doch während der Großteil der Sächsischen Staatskapelle auf Italientournee ist, zeigen die Zuhausegebliebenen, dass sie sehr wohl in der Lage sind, ein gewisses Niveau zu halten. Schnell ist der Patzer zu Beginn der Ouvertüre vergessen und die Sängerbegleitung in den einzelnen Nummern funktioniert wunderbar. Leider bleiben die Stücke, auch wegen der etwas schwerfällig daherkommenden Rezitative, etwas isoliert stehen, sie kommen nicht recht in Beziehung zu einander, nur mühsam entsteht in den ersten beiden Akten der Spannungsbogen. Aber es gibt herrliche Momente, wie die luftig-filigrane Begleitung in den beiden Cherubino-Arien oder das bemerkenswert homogene Zusammenspiel in den letzten drei Aktfinals. Die Solobläser der Staatskapelle haben schöne Momente, da bedauert man ein wenig, dass sie im Gesamtbild nicht etwas aufmüpfiger sein dürfen.

Die Sängerkrone des Abends gebührt, wie schon in der Premiere vor zwei Monaten, Antigone Papoulkas, der mit lebendigem Spiel und blühendem, aufleuchtendem Mezzosopran die Töne und Zwischentöne (Schluss der zweiten Arie!) des pubertierenden, leidenschaftlichen Cherubino hinreißend gelingen. Bei ihr stimmt die italienische Artikulation bis ins Detail hinein. Genüsslich reizt sie die Phrasen aus, spielt mit Tempo und Dynamik und erreicht genau jene jünglingshaften Schattierungen, die diese Partie so unverwechselbar machen können.

Kristiane Kaiser kann hier im Detail anknüpfen, etwa bei den schwebenden Phrasen des ‚Porgi, amor’, in den Piani des Briefduetts oder im Aufbau und in der Virtuosität des ‚Dove sono’. Hier, wenn die Stimme sich öffnet und sicher in dynamische und vokale Extrembereiche vordringt, zeigt sich ihr wunderbares Sopranmaterial ganz unverhüllt. Etwas zurückhaltend wirkt sie in den Ensembles, wo sie noch nicht ‚ihre Momente’ gefunden zu haben scheint. Es macht immer wieder Spaß Kristiane Kaiser zuzuhören und zu sehen, wie sie von Mal zu Mal ihr großes Potential bestätigt und weiterentwickelt.

‚Ihre Moment’ kennt Ute Selbig, die eine erfahrene Susanna ist. Der anfängliche kleine Registerbruch im oberen Bereich ist schnell verschwunden an diesem Abend und die Selbig steigert sich von Akt zu Akt. Spätestens, wenn sie im dritten Akt ihr ‚Chi al par di me contenta’, über das so viele Interpretinnen der Rolle hinweghuschen, auskostet und mit einer kleinen Verzierung versieht, gibt es die Momente des Besonderen. Die sogenannte Rosenarie wird so zum Höhepunkt, in dem sie sich auch Zeit nimmt für die Gestaltung des Schlussteils und mit feinen Abstufungen zu überzeugen weiß. Trotz allem, das muss auch gesagt sein dürfen, wirkt die Stimme mittlerweile insgesamt schon etwas zu reif für die Susanna, manch agile Wendung in den Rezitativen (wo auch das Italienisch etwas im Wege zu stehen scheint) kommt ungelenk und die Szenen der ersten beiden Akte kann man sich durchaus lebendiger denken. Eigentlich ist die Selbig längst der Elsa näher.

An Markus Butter, seit dieser Spielzeit neu im Ensemble der Semperoper, gefällt vor allem die kultivierte Stimmführung, die Fähigkeit zur Projektion des Baritons in den Raum. Die Stimme ist angenehm klar fokussiert und von dieser Basis aus lassen sich weit gefasste Bögen ebenso entwickeln, wie präzise Parlando-Passagen. Gerade das heikle ‚Hai giá vinta la causa’, zeigt die Flexibilität der Stimme, denn die abschließenden Koloraturen gelingen mit nicht oft gehörter Klarheit. Unverständlich nur, wieso er sich im ‚Contessa, perdona’ des Finales nicht mehr Zeit lässt und diesen Moment verschenkt.

Die Titelpartie singt mit viel Talent Jacques-Greg Belobo, dessen schönes Stimmmaterial immer wieder auffällt. Es ist sein Rollendebüt und das merkt man trotz aller stimmlichen Qualitäten auch, wenn er seine ‚Hits’ wie ‚Se vuol ballare, signor Contino’ oder ‚Aprite un po’ quegli occhi’ singt. Das wirkt noch reichlich einstudiert, nicht aus der dramatischen Situation heraus entwickelt (doch wie auch, bei dieser Nicht-Inszenierung?). Hier wird zunehmende Rollenerfahrung sicherlich einiges freisetzen, denn das Potential dazu ist unbestreitbar vorhanden. Belobos Bassbariton hat nur ein wenig das Problem, dass die Stimme in den unteren Registern nicht mit voller Größe in den Zuschauerraum projiziert, was dann einen etwas dumpfen, gedeckelten Stimmeindruck hinterlässt.

Merkwürdig unauffällig bleiben Gerald Hupachs Basilio und Michael Eders Bartolo, dem die letzte Bassfülle in seiner Arie nicht zur Verfügung stehen will. Der Rest des Ensembles ist eine solide Mischung, aus – nennen wir es einmal: - altverdienten Sängern des Hauses: Andrea Ihle (Marcellina), Peter Küchler (Don Curzio) und Christiane Hossfeld (Barbarina).

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Uwe Schneider



Kontakt zur Redaktion


Mozart: Le Nozze di Figaro:

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Wolfgang Amadeus Mozart

Mitwirkende: Hans E. Zimmer (Dirigent), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), Peter Küchler (Solist Gesang), Andrea Ihle (Solist Gesang), Gerald Hupach (Solist Gesang), Jacques-Greg Belobo (Solist Gesang), Markus Butter (Solist Gesang), Ute Selbig (Solist Gesang), Antigone Papoulkas (Solist Gesang), Christiane Hossfeld (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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