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Sonntag, 19. September 2021

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Daniil Trifonov in der Glocke Bremen, Copyright: Patric Leo

Daniil Trifonov in der Glocke Bremen, © Patric Leo

Die verschlungenen Klangwelten des Daniil Trifonov

Kontemplativ und virtuos zugleich

Nichts wirkt authentischer und bewegender, wenn es nicht durch die Schleuse des wachen Bewusstseins geschickt wird. Das ist es, was die Klavierabende mit Danill Trifonov so überaus faszinierend macht. Beim Musikfest Bremen trat er an einem Abend mit einem gewaltigen Programm auf, das in rund vier Stunden in zwei Abteilungen Großartiges bot. Ein mutiges Unterfangen der Programmplaner des Bremer Musikfestes.

Johann Sebastian Bachs Kunst der Fuge BWV 1080 ist ein schwer einzuordnendes Werk. Nicht nur, weil angeblich der Tod die Fertigstellung verhinderte, sondern eine Aufführung hohe Anforderungen an Interpreten wie Zuhörer stellt, gilt doch die „Kunst der Fuge“ als Meisterwerk kontrapunktischer Technik schlechthin. Deren Interpretation durch Daniil Trifonov wird genauso spannend wie eine Uraufführung, nicht nur weil Trifonov dem fragmentarischen Ende eine eigene Fassung angefügt hat, sondern weil er sich jeder dieser Fugen mit einem jeweils eigenen Ansatz nähert, dabei jedoch immer den großen Aufbau vor Augen hat. Jede Fuge beginnt mit einem genau akzentuierten Themeneinsatz, aber auch jede erhält einen eigenen Ausdruck. Anschlagskultur, Phrasierung und Konzeption der Tempi, facettenreicher hat man dieses Werk wohl noch nie gehört. Es ist sicher kein Zufall, dass die durchdringende, an der Moderne und Romantik geschulte Interpretation Trifonovs der Kunst Bachs einen weiteren Horizont vermittelt. Beendet wurde die erste Abteilung mit der romantisierenden Bearbeitung des Chorals „Jesus bleibet meine Freude“ von Myra Hess, der die Kantate „Herz und Mund und Tat und Leben“ BWV 147 beschließt. 

Auch bei der Auswahl aus dem „Notenbüchern für Anna Magdalena Bach“ kommen seine stupenden pianistischen Fähigkeiten zum Tragen. Jedes dieser Anfängerstücke wird ernst genommen, wird zu einem kleinen Kunstwerk. Jedes dieser Werke, die eher in den Klavierstunden ambitionierter Pädagogen als in den Konzertsälen zu hören sind, atmet ja den Geist der großen Werke Bachs. Trifonov unterscheidet deutlich zwischen rhythmisch pointierten, ausgeprägt melodischen und primär klanglichen Stücken. Aus der Musette in D-Dur, BWV Anh. 126, die wohl jeder Klavierschüler schon einmal spielte, wurde ein Musterbeispiel für differenzierte Anschlagskultur, aus dem Menuett in F-Dur BWV Anh. 113 ein polyphones Lehrstück, eine kleine Entdeckungsreise in die klangliche Welt Bachs. Unangefochten bleiben die manuelle, feinnervige Souveränität und die innige stilistische Vertrautheit Trifonovs mit dieser Musik, deren Variabilität immer wieder erstaunt. Das kann natürlich nur vor dem Hintergrund subtiler Differenzierungen von Rhythmik, Dynamik und Anschlagarten entstehen. 

Dann geht es in medias res: Trifonov präsentiert die Klaviersonate Nr. 3 in f-Moll op. 5 von Johannes Brahms mit einer ebenso analytischen wie auch synthetischen Herangehensweise. 20 Jahre war Brahms, als er seine dritte, fünfsätzige Klaviersonate komponierte. Und wie Bachs „Kunst der Fuge“ ist diese Sonate ein Werk des Endes, denn es ist seine letzte Sonate für Klavier solo. Und weil der Meister schon früh ein Exemplar von Bachs „Kunst der Fuge“ erworben hatte, wird bei Trifonov hörbar, dass manche seiner kontrapunktischen Erkenntnisse in diese Sonate eingeflossen sein dürften. Technisch geht Trifonov dabei an die Grenzen des Machbaren. Er ist kein Pianist, der objektive, gültige Musterinterpretationen präsentiert, sondern ein Künstler des Doppeldeutigen, raffinierten, kommentierenden, der dem Kenner verborgene Seitenpfade durch scheinbar Vertrautes bahnt: vom eruptiven, unter äußerster Spannung gespielten Kopfsatz über das Andante, das Trifonov wie ein berührendes Nocturno á la Chopin gestaltet, bis zu den unergründlichen Trauermarsch-Rhythmen im vierten Satz und dem majestätischen, kontrapunktisch angelegten Finale mit dem bezaubernden Choralthema gegen Ende, das Brahms später im letzten Liede der „Vier ernsten Gesänge“ zitiert“.

Dieser „lange Abend“ ist sicherlich einer der Höhepunkte des Musikfestes 2021 und verdeutlicht, das man nicht unbedingt nach Salzburg oder zu anderen renommierten Festivals fahren muss. Das Bremer Musikfest spielt schon seit Jahren in der gleichen Liga.

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Kritik von Michael Pitz-Grewenig

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Klavierabend: Daniil Trifonov (Klavier)

Ort: Die Glocke (Grosser Saal),

Werke von: Johann Sebastian Bach, Johannes Brahms

Mitwirkende: Daniil Trifonov (Solist Instr.)

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