> > > > > 23.08.2021
Dienstag, 30. November 2021

José Silva, João Martinho und Patrick Hollich (Solisten), Copyright: Claudia Höhne

José Silva, João Martinho und Patrick Hollich (Solisten), © Claudia Höhne

Gelungene Auswahl

Reine Poesie

In seiner „Musikalischen Poetik“ formulierte Igor Strawinsky: „Die Verbreitung der Musik ist an sich eine ausgezeichnete Sache; aber wenn man sie ohne Sinn und Bedacht einem Publikum vorsetzt, dann überfüttert man es in der grausamsten Weise.“ Nun, von „Überfütterung“ konnte beim 1. Akademiekonzert des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg in der Elbphilharmonie nicht Rede sein. Kent Nagano formulierte zu Beginn des Konzertes recht eindrucksvoll, wie man es genieße, wieder vor Publikum spielen zu dürfen. Er hatte sich für dieses 1. Konzert eine subtile Programmzusammenstellung ausgedacht. Joseph Haydn, Richard Strauss und Henri Tomasi, diese Mischung gibt es nicht so häufig. 

Joseph Haydn Sinfonie fis-Moll Nr. 45 „Abschied“ Hob. I:45 ist hinlänglich bekannt und eigentlich auch schon „abgehört“, durchaus im Sinne, wie es Ernst Jandl in seinem Hörspiel „Das Röcheln der Mona Lisa“ formuliert hat: „Nimm immer wieder das Gleiche und mach daraus eine Leiche …“. Aber hier belehrt uns Kent Nagano eines Besseren. Haydns Sinfonie wurde filigran erschlossen. Auf diese Weise steckt noch viel bisher „Unerhörtes“ in diesem Haydn. Das Adagio des zweiten Satzes wird mit behutsamem Sentiment erschlossen und das Presto-Adagio des 4. Satzes ist keine virtuose Zirkusnummer, sondern ein Arbeiten an den Grenzen des klanglich Machbaren, großes Kompliment an die überaus feinsinnig musizierenden Hornisten. 

Joseph Haydns „Abschieds-Sinfonie“ wird gewissermaßen umgedreht, als Abschied von den leeren Hallen der Elbphilharmonie zu Zeiten der Pandemie zu einer neuen Zukunft mit hoffentlich wieder vollen Sälen. Wenn am Ende der Sinfonie alle Orchestermitglieder die Bühne verlassen haben, sieht man eine leere Bühne, die man so bald pandemiebedingt nicht mehr sehen möchte.

Man muss sich der Sache schon so sicher sein, wie Kent Nagano und „sein“ Orchester, um aus einem poetischen und zugleich innerlichen Verständnis heraus, den Notentext des Duett Concertinos für Klarinette und Fagott mit Streichorchester und Harfe von Richard Strauss mit klangfarblichen Subtilitäten zum Erklingen zu bringen. Dazu benötigt man auch zwei aufeinander gut abgestimmte Solisten wie Patrick Hollich (Klarinette) und José Silva (Fagott): Konzertieren im schönsten Sinne!

Das leider viel zu selten aufgeführte sprizig-witzig-ironische Konzert für Posaune und Orchester von Henri Tomasi aus dem Jahre 1957 stellt an den Solisten immense Anforderungen. João Martinho verfügt auf seinem Instrument nicht nur über eine exzellente Tongebung und Technik, sondern auch einen untrüglichen Sinn für musikalische Zusammenhänge. Es macht den Reiz dieses Konzertes aus, dass das Soloinstrument neben der solistisch virtuosen Behandlung auch konzertierend anderen Orchesterinstrumenten gegenübergestellt wird und somit eine ungemein subtile Herangehensweise von Solisten und Orchester fordert. Was nicht heißt, dass da auch mal „die Post abgeht“, wie im virtuosen dritten Satz (Tambourin).

Am Ende rauschender Beifall. Eine kleine Bemerkung sei noch zum Schluss erlaubt. Wenn die Veranstalter zu Konzertbeginn noch peinlichst auf Abstandskontrolle usw. achten, wäre es ganz nett, wenn diese Achtsamkeit am Ende des Konzertes nicht vernachlässig wird. Denn am Ende stürmte das Publikum wieder wie in alten Zeiten zu den engen Ausgängen. 

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Kritik von Michael Pitz-Grewenig

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1. Akademiekonzert: Kent Nagano

Ort: Elbphilharmonie,

Werke von: Joseph Haydn, Richard Strauss, Henri Tomasi

Mitwirkende: Kent Nagano (Dirigent), Philharmoniker Hamburg (Orchester)

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