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Samstag, 10. Dezember 2022

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Il turco in Italia, Copyright: Hans Jörg Michel

Il turco in Italia, © Hans Jörg Michel

Wiederaufnahme von Rossinis Il turco in italia

Es muss nicht immer der erhobene Zeigefinger sein

„Il turco in italia“ ist eine verrückte Posse. Sie entspricht dem Kochrezept des Boulevardtheaters. Die Liebesbeziehungen sind aus guten Gründen existentiell gefährdet, doch am Schluss enden die Konflikte nicht in der Tragödie, sondern bleiben ohne Konsequenzen. Die Paare finden wieder zusammen, als ob nie etwas gewesen wäre, vielleicht eher gestärkt in ihrer Liebe. Das hat mit der Wirklichkeit in der Regel nichts zu tun, ist aber Konzeption der seichten Komödie. Ein kurzer Blick in den Abgrund wird gestattet, aber das Chaos wird fadenscheinig wieder zugedeckt und die Welt scheinbar wieder in Ordnung gebracht. Um diese Melange aus Rassismus, Frauenfeindlichkeit, Männlichkeitswahn und Besitzdenken in der heutigen Zeit genießbar zu machen, braucht es eine intelligente Regiekonzeption und die hat Jan Philipp Gloger, der uns in seiner Züricher Inszenierung so ziemlich alle Vorurteile subtil um die Ohren schlägt. Der Engländer hat dafür die hübsche Vokabel „sophisticated“. 

Werfen wir einen Blick auf die Handlung. Die attraktive Hausfrau Fiorilla langweilt sich mit ihrem feisten Ehemann Geronio, der agile junge Hauswart Narciso, der in sie verliebt ist, ist keine Alternative. Da kommt der reiche und attraktive Selim, der aus der Türkei angereist ist und erotische Abenteuer sucht, gerade recht. Passenderweise zieht er in die Nachbarwohnung ein. 

Der frustrierte Narciso radikalisiert sich, weil er gegen den reichen Türken nicht punkten kann, tauscht Hausmeisterkittel gegen Bomberjacke und Springerstiefel und klebt fremdenfeindliche Plakate („Wollt ihr das?“). Ach und da ist auch noch die Türkin Zaida (Chelsea Zurflüh), die gleichzeitig vor ihrem Liebhaber Selim geflohen ist, ihn aber auch sucht, in Italien angekommen. 

Keine leichte Aufgabe für Regisseur Jan Philipp Gloger, diesem Kuddelmuddel von stereotypierten Buffo-Figuren einen tieferen Sinn zu entlocken. Er formt aus dem Poeten Prosdocimo (Pietro Spagnoli), der den Auftrag hat, eine Opera buffa zu schreiben und auf der Suche nach dem perfekten Plot für sein Werk ist, einen Filmemacher, der alles filmt und die Handlung in seinem Sinne anzutreiben versucht. Rossini hat hier mit seinem Librettisten lange vor Luigi Pirandello oder Bertolt Brecht, einen epischen Erzähler eingefügt, der seinen Stoff während der Handlung entwickelt. Ihn interessieren nicht die persönlichen Schicksale. Er ist Filmemacher und hat mit seiner omnipräsenten Kamera nur seinen Film und Erfolg im Kopf.

Ben Baurs Bühne verortet das Ganze in ein Mietshaus im sozial prekären Vorstadtmilieu. Eine Drehbühne mit drei identischen Wohnungen, samt Vorder- und ein Hintereingang, Briefkästen, Fahrradständer und Waschküche. Diese Konstruktion ermöglicht einen rasanten Wechsel. Während in der einen Wohnung gesungen wird, geht die Handlung in der andern weiter. Und manchmal drehte sich die Bühne rasant schnell wie ein Karussell. Karin Jud lieferte die passenden Kostüme.

Aber jetzt heißt es in den Gehirnwindungen einen Gang höher schalten. Was Jan Philipp Gloger und sein Team ablieferte, war schlichtweg grandios. Gesanglich war die Inszenierung untadelig, das Opernhaus Zürich verfügt über ein hervorragendes Ensemble. Da konnte Dirigent Riccardo Minasi aus dem Vollen schöpfen und mit dem Orchester für den notwendigen zündenden rhythmischen Drive sorgen, um den dem entfesselnden Spieltrieb die notwendigen musikalischen Impulse zu geben. Riccardo Minasi verfügt einerseits über die notwendige Präzision, um Rossinis Musik-Mechanik funkelnde Brillanz zu verleihen, weiß aber auch an den entscheidenden Stellen um die subtilen polyphonen Strukturen und hat ein Gefühl für die Tiefenströmungen dieser Musik.

Fazit, ein grandioser Opernabend, dessen intelligente Konzeption eine blitzgescheite Melange aus virtuosem Entertainment und Nachdenklichkeit ist. Man kapierte aber recht schnell, das ist kein Klamauk, das ist eine Geschichte von Rassismus, Frauenunterdrückung, Manipulation, falschen Wunschvorstellungen. 

Die hochmotivierte Sängergruppe und der ausgezeichnete Chor agierten virtuos gesanglich und darstellerisch wie ein präzises Räderwerk und boten eine spritzige, ideenreiche, intelligente Inszenierung. 

Die Solisten haben gesanglich viel zu bieten und verfügten durchweg über starke Bühnenpräsenz und differenzierte Darstellungskunst. Eine Freude für die Ohren war Olga Peretyatko als Donna Fiorilla. Sie erwies sich als große Stilistin, die perlende Koloraturgirlanden nicht einfach virtuos abschnurren lässt, sondern jede Note dazu nützt, dahinterliegende Emotionen anzudeuten. In ihr klares Timbre mischen sich keinerlei Schärfen und es fehlt auch nicht an stimmlichem Feuer. 

Renato Girolami als Ehemann Don Geronimo besitzt in allen Lagen Schmelz und Strahlkraft. Ihm ist gelungen, bei aller Virtuosität und Stimmakrobatik auch die Melancholie und Resignation einiger Arien zu gestalten. Gleiches gilt auch für Nahuel Di Pierro, der als sonorer Selim eine achtungsgebietende Gesangsleistung ablieferte. Mingjie Lei kann als Inbegriff des Rossini-Tenors gelten. Er bot als frustrierter Don Narcisio ein Feuerwerk der vokalen Extreme und lieferte eine vokale Leistung ab, die direkt mitten ins Herz traf.

Ein besserer Prosdocimo als Pietro Spagnoli ist kaum vorstellbar. Er hat die große anrührende Geste mächtiger Baritonstimme und sattem Sound ebenso zur Hand, wie einen unterwürfigen Gestus, der zumeist aus Großspurigkeit und Falschheit resultiert. Doppelbödig war vieles an diesem Abend. 

Chelsa Zurflüh als gekränkte Zaida, eine zwischen Lebenshunger und Rastlosigkeit zerrissene Frau lässt ihren jugendlichen Sopran bestechend in den unterschiedlichen Facetten ihrer Vokalpartie kaleidoskopisch schillern und funkeln. Der Chor (Ernst Raffelsberger) war gesanglich und choreographisch exzellent präpariert. 

Nicht unerwähnt bleiben sollte auch das Video von Sami Bill, das eine subtile inhaltliche Metaebene der Handlung hinzufügte und die Lichtgestaltung von Martin Gebhardt. 

Eine spritzige, ideenreiche, intelligente Inszenierung und eine Einladung zum Amüsement auf höchstem Niveau, ganz im Sinne Rossinis, wobei aber das Gehirn nicht ausgeschaltet werden musste. Schon Philosoph Georg Friedrich Hegel, eigentlich eher bekannt für trockene Geistesübungen im dialektischen Raum, schwärmte von der Gestaltung des Gesangs bei Rossini. Es muss also nicht immer der erhobene Zeigefinger sein - Chapeau! Am Ende gibt es noch eine unerwartete Schlusspointe, mit der der Regisseur uns einen Spiegel vorhält, aber diese soll natürlich nicht verraten werden.

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Kritik von Michael Pitz-Grewenig

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