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Sonntag, 24. Oktober 2021

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Hamburg Ballett, Sommernachtstraum, Copyright: Kiran West

Hamburg Ballett, Sommernachtstraum, © Kiran West

John Neumeier mit Sommernachtstraum vor großem Festival

Kurstadt im Tanzvirus

Pucks Rosen-Elixier im „Sommernachtstraum“ wirkt wohl auch noch nach dem ausgelassenen Liebesfest beim Gastspiel von John Neumeiers Hamburg Ballett im Festspielhaus Baden-Baden fort: Das Haus in der badischen Kurstadt macht aus der alljährlichen Herbst-Residenz mit bislang ein bis zwei Produktionen jährlich künftig ein mehrwöchiges Tanzfestival um Neumeier und seine Hamburger Truppe. Der Tanzvirus erfasst die idyllische Bäderstadt mit voller Breitseite.

Das war bereits diesmal beim nun 24. Gastspiel von Neumeiers Hamburg Ballett (er gastiert hier seit dem ruckenden Eröffnungsjahr 1998 des Hauses ununterbrochen) spürbar: Neben dem „Tod in Venedig“ (zweimal) von 2003 und dem „Sommernachtstraum“ von 1977 (dreimal) und nach der von Neumeiers Stellvertreter Lloyd Riggins geleiteten Ballett Werkstatt im Festspielhaus selbst waren noch Maurice Béjarts „L'heure exquise“ („Glückliche Tage“ nach Beckett) als charmanter tänzerischer Rückblick für die beiden Alt-Stars Alessandra Ferri und Carsten Jung im Kleinen Theater beim Kurhaus, der „Absprung“ für Preisträger des Prix Lausanne im Frieder-Burda-Museum sowie das von Kevin Haigen arrangierte Bach-Bukett „John's BJB-Bach“ auf der Akademie-Bühne der ehemaligen französische Cité im Angebot.

Das Reservoir für ein veritables Tanzfestival in Neumeiers Autorenschaft ist zweifelsfrei gegeben. Und Baden-Baden bietet Lokalitäten und Tanz-Enthusiasmus genug, damit sich der tänzerische Bazillus im intimen Rahmen wie im großen Festspielhaus, bei Profis und Laien, Groß und Klein, Jung und Alt ausbreiten kann. 

Erotische Intensität

Neumeiers 1977 auf Shakespeares zärtlich schnurrendes Lustspiel choreographierter „Sommernachtstraum“ begeistert auch dieses Mal an der Oos wieder die Ballettomanen von nah und fern. Obgleich die Kreation den Zeitgeschmack aus den 1970er Jahren nicht leugnen kann. Das neue Festival wird also aufpassen müssen, nicht nur museal zu werden. Indes hat auch die Retrospektive bei einem ausgedehnten Festival ihren Platz.

Die große, tadellos funktionierende Truppe des Hamburg-Ballett umreisst die verschiedenen Ebenen von Neumeiers fantasiereichem „Sommernachtstraum“ auf jeden Fall mit makelloser Technik, darstellerischer Frische, einer Equilibristik von ästhetischer Eleganz und konturklarer charakterisierendem Bewegungs-Zuschnitt der verschiedenen Sphären. Da ist zu den eingespielten Clustern des György Ligeti wieder die bohrende erotische Intensität des gedoubelt vereinten Herrscher- und Hochzeits-Paares Theseus-Hippolyta und Titania-Oberon von Anna Laudere und Edvin Revazov, die auch im wirklichen Leben ein Paar sind: Laudere kühl abwartend, bis sie enthemmt aus sich heraus geht und förmlich in den tappsigen Zettel (Marc Jubete) hinein kriecht; Revazov hat sich inzwischen zum elegant auftrumpfenden Danseur noble gewandelt.

Amouröse Verwirrspiele

Wie in einer brodelnden Walpurgisnacht laufen zu Mendelssohns Schauspielmusik- und anderweitigen Ouvertüren-Nummern (die Baden-Badener Philharmonie spielt unter Markus Lehtinen verlässlich, aber nicht leichtflüssig genug) die amourösen Verwirrspiele der wohlhabenden Athener Jugend ab. Umtriebig steigert der Puck von Alexandr Trusch, der auch zugleich den geschäftigen Haushofmeister Philostrat am Hofe des Theseus abgibt, das Durcheinander; Trusch erweist sich als famoser Tänzer von umtriebiger Agilität. Am Ende muss er sein menschliches Chaos mit rüden Gesten lösen.

Treffliche Typologien gelingen Neumeier auch mit der Besetzung der beiden verunsicherten Paare: Hélène Bouchet ist eine zart-innige, eminent flexible Helena mit quirligen Enchainements, einen Schuss hilfloser Komik setzt Madoka Sugai für die Hermia ein; ihren Lysander chargiert Jacopo Bellussi mit pantomimischer Würze, während der Demetrius von Karen Azatyan mit herrlichen Flügen glänzt.

Deftiger Klamauk

Bleiben noch die deftigen Rüpel-Szenen, in denen Neumeier auf altertümelnde Orchestrion-Klänge aus einer Drehorgel-Attrappe zurück greift und wahrlich zum Ergötzen des Publikums nicht an Komik spart. Die Lacher hat er jedenfalls auf seiner Seite. Vor allem bei der urkomisch grotesken Figur des Bälgenflickers Flaut als Thisbe des Borja Bermudez. 

Diese Mischung aus herrscherlichen, Jung-Paare- und Handwerker-Szenerien vermag Neumeier vom Prolog an immer wieder miteinander gemeinsam ins Bild zu holen. Daneben lassen sich im Ablauf in nuce noch die Elemente des großen Handlungsballetts mit Divertissement, Grand Pas de Deux und Defilee („Hochzeitsmarsch“ auf ewig) ausmachen. 

Jürgen Rose schafft seinem Ballett-Intendanten dazu eine genügend sparsame und bewegliche Ausstattung, wenn diese auch nicht zu Roses stärksten Arbeiten zählt. Dazu ist der mehrfach hoch gezogene, grau-blaue Falten-Vorhang zu unspezifisch und zu undefinierbar. Die in Art des Shakespeare-Theaters mitspielenden, illuminierten grünen Bäumchen wirken wie die in der Adventszeit mit Lichterketten behängten biederen Tännchen in den Vorgärten von Reihenhaus-Siedlungen. Und der Nebeldampf, der dazwischen herum wabert, ist auch vergangener Zeitgeschmack und bei heutigen Video-Möglichkeiten nicht mehr angemessen. Ganz abgesehen davon, dass er mit den obligatorischen Corona-Masken für das Publikum in Bühnennähe noch unangenehm inhallatorisch nachwirkt. 

Fragwürdige Musik-Auswahl 

Der Zeitbezug gilt für Neumeiers Musik-Auswahl. Die bruitistischen Cluster- und Tremolo-Klänge des György Ligeti sind in der Neuen Musik längst passé und nervten im eingespielten länglich langweilenden Umfang. Auch anstelle der eingeschobenen, choral-schweren, alttestamentarisch orientierten Mendelssohn-Sätze hätte sich anderes finden lassen (die „Melusinen“-Ouvertüre etwa), wie es uns George Balanchine 1962 und Heinz Spoerli 1976 mit ihren „Somernachtstraum“-Balletten (letzterer kreuzte Mendelssohn mit dem sprudelnd oszillierenden Minimalismus von Philip Glass) vorexerziert haben. 

So bleibt zu hoffen, dass Neumeier für seine künftigen Baden-Badener Tanzfestivals stärkere Kreationen aus seinem reichen Fundus aufgreift als diesen doch sehr dem Zeitgeschmack von vor 50 Jahren verhafteten, auch zu langen „Sommernachtstraum“. Wenn es ein Zeichen für eine spannende, fesselnde Produktion ist, dass man über ihr Zeit und Raum vergisst, muss der Rezensent leider bekennen, dass er während dieses Neumeierschen „Sommernachtstraum“ mehrfach verstohlen auf seine Armband-Uhr geblickt hat.

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Kritik von Prof. Kurt Witterstätter

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