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Mittwoch, 1. Dezember 2021

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Pastoral for the Planet, Copyright: Patric Leo

Pastoral for the Planet, © Patric Leo

La Fura dels Baus sorgt sich mit trivialem Agitprop um die Welt

Im Leben, im Leben geht mancher Schuss daneben!

Man nehme antike Mythologien, Texte von Hesiod, Vergil, Bettina von Arnim, Charles Darwin, Nikola Tesla, Lyndon B. Johnson bis hin zu Veröffentlichungen der Weltbank und der Weltgesundheitsorganisation (WHO), vermische das mit Musik von Ludwig van Beethoven, Carl Maria von Weber, Anton Reicha, Fanny Hensel Mendelssohn, Julius Rietz und traditioneller Volksmusik und presse das in die griffige Formel „Pastoral for the Planet“ und schon hat man einen Brei, der schwer verdaulich ist. Prometheus wird zu Promethea, logisch, denn die Frau bringt die Kinder zur Welt, da haben die alten Griechen wohl einen kapitalen Bock geschossen; Pandora wird zu Pandoro, ebenfalls logisch, das Böse ist immer männlich! Verpasse dem Ganzen noch ein sehr fragwürdiges Verständnis dessen, was die Romantiker (sofern es diese überhaupt als Einheit gab) unter dem Begriff der Natur verstanden und mache aus der 6. Sinfonie von Beethoven eine Programmmusik - was sie gerade eben nicht ist -  erkläre jetzt noch F-Dur zur grünen Tonart und fertig ist ein Konglomerat, aus dem sich jeder bedienen kann. Robert Gernhardts pointierte Feststellung: „Mein Gott, wie beziehungsreich, ich glaub, ich übergeb‘ mich gleich.“, trifft hier hervorragend zu.

Carlus Padrissa von La Fura dels Baus inszeniert, Mihael Milunovic sorgt für das Bühnenbild und José Vaalina ist für Video zuständig. Man reflektiert das Thema „Rettung der Welt“ unter anderem im Zusammenhang mit Wald in Form eines Baumes, der als Installation die Mitte der Bühne beherrscht. Symbolisch mal verstanden als Totempfahl, dann als belebte Figur, aber auch als Klettergerüst und als Urbaum. Ein vertikales Abbild des Wachstums und der Entwicklung der Welt, horizontale Einschübe während des Geschehens, die das Handeln des Menschen repräsentieren, stören den natürlichen Fluss. Die Akteure agieren auf der Bühne, im Zuschauerraum und erklimmen den Baum. Dazu eine Sopranistin. Im Hintergrund agiert das Orchester (Insula orchestra unter Laurence Equilbey), wobei der Hörgenuss oft durch das Hantieren der Akteure auf der Bühne gestört wird. Mit einer Kalliopé App kann das Publikum entscheiden, wie das Ganze enden soll. Datenschutz spielt keine Rolle, man war ja unter sich. Im Programmheft ist zu lesen: „Eine symbolische Investition vielleicht, aber wenn es um Ökologie geht, beinhaltet das Handeln bereits die kleinen Gesten, die jeder täglich machen kann, um den Planeten zu erhalten. Also, stimmen Sie ab!“ An diesem Abend kann der Planet leider nicht gerettet werden, da die App zumeist nicht funktioniert und wenn, dann auf Spanisch. Wobei einem Selbiges eben auch so vorkam.

Aber im Prinzip funktioniert an diesem Abend, den man auf trivialen Agitprop reduzieren kann, wenig. Weder stimmen die theoretischen Prämissen noch deren praktische Umsetzung.

Musikalisch ist der Abend nicht befriedigend, weil man das Orchester oft nicht wirklich gut hören kann, vor allem in leisen Passagen entwickeln die Akteure auf der Bühne laute Aktivitäten, bei denen sie Metallteile oder Ketten verbinden müssen. Etwas mehr Respekt vor den Musikern wäre gerade an so einem Abend zu erwarten gewesen. Die Videos sind von schlechter Qualität und die Handlungen auf der Bühne entsprachen nicht dem Niveau, das man von La Fura dels Baus gewohnt ist. Ein kleiner Glanzpunkt sind die Arien von Sophie Karthäuser und das Lied „Im Garten befindet sich eine schöne Weide“, vorgetragen vom Kosatske Polyphonic Choir aus Tschernihiw (Ukraine), das per Video eingespielt wird. Während der Aufführung ging mir permanent Katja Ebstein mit ihrem Jägerlied (passend zur Waldproblematik!) durch den Kopf: „Im Leben, im Leben geht mancher Schuss daneben!“

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Kritik von Michael Pitz-Grewenig

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