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Mittwoch, 20. Oktober 2021

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Szenenfoto Rusalka, Copyright: Wilfried Hösl

Szenenfoto Rusalka, © Wilfried Hösl

Rusalka bei den Münchner Opernfestspielen

Musikalisch top, szenisch Flop

Ende 2010 hatte Martin Kušejs Inszenierung von Dvořáks „Rusalka“ an der Bayerischen Staatsoper Premiere, bei den diesjährigen Opernfestspielen wird die Produktion wieder gezeigt. Damals mehrfach im Fokus medialer Berichterstattung stehende Missbrauchs- und Inzestfälle (Parallelen zum Fall Josef F. im österreichischen Amstetten sind unverkennbar) hatte Kušej seinerzeit zum zentralen Motiv seines Ansatzes gemacht – und das geht dramaturgisch schief. Nicht, dass derlei schockierende Taten nicht aufbereitungswert bzw. -fähig wären, die Thematik dem Libretto von Jaroslav Kvapil überzustülpen, funktioniert hier aber einfach nicht.

Mehr Fragen als Antworten

Das Konzept modelliert schon von Anfang an einen zentralen Aspekt der eigentlichen Geschichte mit der Brechstange unglücklich um: Rusalka entscheidet sich nämlich ganz autonom und in völliger Abwägungsfreiheit auf Basis der ihr genau aufgezeigten Risiken und Konsequenzen für ihre Handlungsweise. Auch sonst wird sie, anders als hier aufgezeigt, in Wahrheit von ihrem Vater, dem Wassermann, nicht etwa gewaltsam festgehalten oder zu irgendetwas gezwungen. Er selbst ist es vielmehr, der Rusalka nahelegt, sich mit ihrem innig gehegten Wunsch nach Erfüllung ihrer Liebe zu einem Menschen an Ježibaba zu wenden. So viel zur dramaturgisch fehlgeleiteten Grundidee. Daneben wirft die – für Kušej durchaus typische – Wahl absichtlich drastisch gewählter, provokanter Bilder mehr Fragen auf als sie Antworten auf einen möglichen Deutungsansatz gibt. Wofür z.B. soll der kollektive Tanz der Nymphen mit Reh-Kadavern stehen? Dass Rusalka sich zwischenzeitlich in ein kleines (tatsächlich mit Wasser gefülltes) Aquarienbecken zwängt und darin beachtlich lange verharrt, gehört noch zu dem, was sich einigermaßen verständlich vielleicht dahingehend interpretieren lässt, dass sie sich in ihrer herkömmlichen Welt eingeengt fühlt. Oder sehnt sie sich an dieser Stelle doch einfach nur zurück nach ihrem ursprünglichen Element? Man weiß es nicht so genau. Auch nicht ganz klar wird: Welche Rolle spielt hier Ježibaba? Soll sie nun aktive, bewusst wollende Mittäterin auf Seiten des Wassermanns sein? Oder ist ihr, wie ihre insgesamt eher desinteressiert wirkende Haltung im nebulösen (wohl selbst berauschten) Dunstkreis esoterisch angehauchten Zaubers suggeriert, schlicht alles um sie herum egal? Noch am besten nachvollziehbar: Von Ježibaba wird Rusalka anlässlich ihrer Verwandlung mit High Heels ausstaffiert, in denen sie unbeholfen über die Bühne stakst. Das reflektiert ihre Position als „Fremdkörper“ in der menschlichen Welt und ihre vergeblichen Versuche, sich der ungewohnten Umgebung anzupassen, gut. Die „böse“ fremde Fürstin ganz in schwarz kommt dann aber schon wieder symbolisch zu plump rüber. Das gilt spiegelbildlich auch für allzu viel blutbefleckte weiße Kleidung, ebenso wie für den plötzlichen Riss, den das im überdeutlichen Kontrast zum erzählerischen Grundmotiv stehende idyllische Hintergrundbild buchstäblich erleidet. Auch sonst wirkt das Regiekonzept insgesamt zu zerfahren und versäumt es, eine kohärente Geschichte zu erzählen. Am Ende landet die Handlung in der statisch-sterilen Atmosphäre einer Psychiatrie mit ungeordnet herumstehenden Feldbetten. Der Tod ereilt den Prinzen dort denn auch ganz handfest, mit dem Messer wird dem verhängnisvollen Kuss nachgeholfen.

Gute Mischung

Ganz anders sieht es musikalisch aus. Das mit gutem Grund wiederholt ausgezeichnete Staatsorchester malt vom Vorspiel an das Geschehen in märchenhaft prachtvollen, deskriptiv leuchtenden Farben aus. Dynamisch forciert Robert Jindras Dirigat an genau den richtigen Stellen. Kristīne Opolais glänzt in der Titelrolle nicht nur gesanglich mit ebenso durchschlagskräftigen Höhen wie sehnsuchtsvoll lyrischer Wärme, mit der sie ihren Tagträumen (nicht nur im „Lied an den Mond“) nachhängt. Auch die physische und psychische Verkörperung ihrer Figur, der Kušejs bizarre Einfälle schauspielerisch wirklich Etliches abverlangen, gelingt ihr überaus glaubwürdig. Mit kernigem, tiefschwarzem Bass und einer darstellerischen Leistung, die sich auf die eigenwillige erzählerische Perspektive seiner Partie bewundernswert weit – wenn auch nicht bis zum Anschlag – einlässt, erntet Günther Groissböck als Wassermann begeisterten Applaus. Voll und ganz überzeugend springt auch Alisa Kolosova kurzfristig als fremde Fürstin ein. Yajie Zhang steht für die gute Mischung aus arrivierten Stars und jungen Talenten aus dem hauseigenen Opernstudio, einmal mehr beweist sie hier als Küchenjunge ihr immenses Potential. Dmytro Popovs Darstellung des Prinzen fehlt gelegentlich etwas die tenorale Strahlkraft, insgesamt meistert aber auch er seine Partie solide. Nicht zu vergessen der Chor, der nicht nur mit dynamisch kräftigen Farbtupfern, sondern auch bunten Trachtenkostümen die optisch oft zu öde Szenerie belebt.

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Kritik von Thomas Gehrig

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Rusalka : Lyrisches Märchen in drei Akten von Antonín Dvorák

Ort: Bayerische Staatsoper,

Werke von: Antonín Dvorák

Mitwirkende: Bayerisches Staatsorchester (Orchester), Martin Kusej (Regie), Kristine Opolais (Solist Gesang), Günther Groissböck (Solist Gesang), Dmitry Popov (Solist Gesang)

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