> > > > > 11.06.2021
Montag, 26. Juli 2021

Plakatmotiv, Copyright: Neuköllner Oper

Plakatmotiv, © Neuköllner Oper

Uraufführung von Zaufke/Lunds Polit-Satire

Hyperaktivität auf der Bühne

Politiksatiren können ganz wunderbar als Musical oder Operette funktionieren, wie nicht nur Jacques Offenbach im 19. Jahrhundert immer wieder gezeigt hat, sondern auch George Gershwin mit seinem ‚Of Thee I Sing‘ von 1931. Darin geht‘s um den US-Präsidentschaftswahlkampf, bei dem ein gewisser John P. Wintergreens mit dem Slogan ‚Bringt Liebe ins Weiße Haus‘ gewinnt. Das Broadway-Stück bekam als erstes Musical den renommierten Pulitzer-Preis und bewies: man kann Unterhaltung und inhaltliche/musikalische Qualität, politische Tiefe und Klamauk zusammenzubringen.

Fast forward 90 Jahre. Jetzt probiert das die ‚Musikalische Quittung‘ mit dem Titel ‚Eine Stimme für Deutschland‘ an der Neuköllner Oper. Es ist ein Wahlkampf-Musical von Komponist Thomas Zaufke und Textautor/Regisseur Peter Lund, in dem es um einen Provinzwahlkampf ums Bürgermeisteramt geht. Dabei tritt Regula Hartmann-Hagenbeck für die Grünen gegen ihre AfD-Konkurrentin Alina Deutschmann an, während die Töchter der beiden auf dem Schulhof ihre ideologischen Kriege ausfechten, mit allen Mitteln des Hasses, des Ausspionierens, des moralisch fragwürdigen Verhaltens.

Damit ist "Eine Stimme für Deutschland" das Stück der Stunde, besonders weil die Grünen nicht eindeutig gut und die AfD nicht eindeutig schlecht gezeichnet daherkommen, weder musikalisch noch in der Charakterisierung der Figuren. Lund hat das Stück für seine acht Musical-Studienabsolventen von der UdK geschrieben, die das gesamte letzte Lockdown-Jahr kaum den Unterricht bekommen haben, den ihre vielen Vorgängerjahrgänge hatten, die sich auch jeweils mit eigens für sie von Lund verfassten Werken an der Neuköllner Oper präsentierten.

Man spürt, dass hier in der sehr breit aufgefächerten Handlung zwischen Schulhof, Wahlkampfbüro, Küchentisch, Schlafzimmer und Fußgängerzone viele Nuancierungen auf der Strecke geblieben sind, so als würde den Darstellern noch jener finale Schliff fehlen, den man sonst bei den UdK-Absolventen gewöhnt ist. Es kann aber sein, dass wegen der ganzen Corona-Pausen dieses Team noch etwas Zeit braucht, um sich richtig aufeinander einzuspielen, was bei 20 angesetzten Vorstellungen ganz gut gelingen könnte.

Denn dass hier viel vielversprechendes Potenzial vorhanden ist, merkt man in Einzelaugenblicken immer wieder: wenn der grandiose Fabian Sedlmeir als leicht stupider Neonazi "Dolfi" (Adolf) mit ADS lamentiert, dass ihn niemand versteht und für voll nimmt; wenn Gwen Johansson als Anuk Gritli Hürlimann in einer eingängigen Ballade davon singt, wie es ist, 17 Jahre alt und lesbisch zu sein; wenn Soufjan Ibrahim als naiver Albert von Mattersdorf merkt, dass sein Gutmenschentum von anderen immerzu ausgenutzt wird, auch von den Grünen ("Menschen, die Monster sind und Opfer spielen").

All diese Darsteller haben fabelhafte Momente als Ensemble der Pubertierenden, dazu zählen auch die beiden Töchter der Bürgermeisterkandidatinnen, Maria Joachimstaller als Sophie Hartmann-Hagenbeck im Greta-Look und mit der entsprechenden Weltverbessererattitüde und Mascha Volmershausen als Gerlind Deutschmann, die mit ihren rechtsaußen Positionen vor allem provozieren will. Sie finden gegen Ende des Stücks alle zusammen mit dem Ensemble "Entschuldige", wo sie sich gegenseitig eingestehen, dass ihr Verhalten mehr als fragwürdig war. Sie tun das mit einem herausgeplerrten Refrain, der in seiner Art ans erfolgreiche Muppet-Musical "Avenue Q" erinnert, ein Stück, dass im Vergleich klarer over-the-top ist, und damit besser funktioniert als diese Semi-Satire, die gleichzeitig probiert, eine glaubhafte Gefühlsebene einzuziehen.

Die Gefühlsgeschichte betrifft vor allem die Beziehung zwischen Regula Hartmann-Hagenbeck (gespielt von Veronika de Vries) und Alina Deutschmann (gespielt von Joel Zupan). In einer sich lange vorher schon ankündigenden Pointe stellt sich im 2. Akt heraus, dass beide nicht nur erbitterte Konkurrentinnen sind, sondern viel enger und intimer miteinander verbunden sind...

Auf den Postern zum Stück sieht man bereits Joel Zupan mit blonder Magda-Göbbels-Zopffrisur, im Stück spielt Zupan die AfD-Politikerin mit Countertenor und als "genderfluide" Person, die knallhart sagt: "An die Sache zu glauben ist was für Menschen in der zweiten Reihe!" Ihr geht es um Macht und den Schein, den sie aufrechterhalten muss, um diese Macht zu erlangen. Die Ideologie überlässt Deutschmann ihrer Wahlkampfhelferin mit dem passenden Namen Claudia Zweitens (gespielt von Clarissa Gundlach). Und die Konkurrenz wird kurz und bündig als "Diese grüne Fotze" diffamiert.

Nun wäre ein Musical mit einer genderfluiden Hauptrolle und eine homophobe "grüne Fotze" sicherlich ein großer Fortschritt für die ansonsten extrem hinter Entwicklungen in den USA und England herhinkende hiesige Musical-Szene, wo man lieber auf familienfreundliche Blockbuster setzt, statt irgendeinen Mut zum Anderssein demonstriert. Aber aus der Figur der Alina Deutschmann holt Regisseur Peter Lund dann bei weitem nicht das heraus, was man an LGBTIQ-Elementen herausholen könnte. Elemente, die im Stück angesprochen, aber nicht glaubhaft gezeigt werden.

Und das obwohl Joel Zupan im Goldkleid eine wirklich beeindruckende Performance hinlegt – die aber eher an die Gerichtsreporterin Mary Sunshine in Gesellschaftssatire-Musical "Chicago" erinnert, als an eine dreidimensional entwickelte Hauptfigur, um die es hier geht und die am Ende ein großes Liebesduett mit der Ex hat ("Falsch gemacht"). Dieses Duett fühlt sich leider nicht wie der Höhepunkt des Stückes an, sondern geht inszenatorisch unter im Wirrwarr des Finales. Das wiederum alles auf eine Meta-Ebene rückt und sich beim Publikum für die eigene "Plattheit" entschuldigt.

Das Resultat? Der Abend hängt oft durch, kommt nicht recht in Fahrt, trotz der Hyperaktivität auf der Bühne, die von Ulrike Reinhard als rot-weiß-schwarze Deutschlandkarte attraktiv entworfen wurde. Über die verblüffend unorganisch wirkende Choreographie von Cristina Perera schweige ich hier lieber (sie wird immerhin knackig getanzt von den UdK-Leuten). Dafür leitet Hans-Peter Kirchberg die kleine Fünf-Mann-Band einfühlsam. Aber im Arrangement von Markus Syperek klingt die Zaufke-Partitur ein bisschen zu sehr "wie immer" (mit deutlich zu präsentem Schlagwerk), statt einen eigenen Polit-Sound zu entwickeln für die Musik, die zwischen Märschen, Kurt Weill, Celine Dion und "Frozen" changiert. Wenig überraschend sagt jemand am Ende: "Das einzige Mittel gegen den Hass ist der wahren Liebe Kuss..." Diese wahre Disney-Liebe und den entsprechenden "Eiskönigin"-Kuss muss man eher erahnen, als dass er als Höhepunkt angesteuert wird.

Kurz, ich würde das Stück gern nochmal nach ein paar Vorstellungen sehen und hören, wenn die Paare – Albert von Mattersdorf/Adolf Obermeyer, Gerlind Deutschmann/Sophie Hartmann-Hagenbeck; Anuk Hürlimann/Claudia Zweitens und Regular Hartmann-Hagenbeck/Alina Deutschmann – zur tieferen emotionalen Ebene des Stücks gefunden haben, die am Premierenabend durchaus erkennbar war. Jetzt läuft "Eine Stimme für Deutschland" jedenfalls bis Ende Juli in Neukölln, im Winter kommt das Stück nochmal zurück.

Hoffentlich gibt es dann die Powerballaden von Thomas Zaufke in CD-Format an der Kasse der Neuköllner Oper zu kaufen. Nicht nur das Lied von der 17-jährigen Lesbe lohnt das wiederholte Anhören. Auch das "Falsch gemacht"-Duett würde ich gern nochmals in Ruhe auf mich wirken lassen sowie die ganze Phalanx von Einzelmomenten, die Zaufke mit musikalisch mehr Diveersität eingefangen hat, als man in diesen Einheitsarrangements vermuten würde.

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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