> > > > > 21.08.2021
Dienstag, 30. November 2021

Das Ensemble Modern, Copyright: Wonge Bergmann

Das Ensemble Modern, © Wonge Bergmann

Porträtkonzert Patricia Alessandrini

Stil ist Gewalttat

Patricia Alessandrini - sie ist Klangkünstlerin, Komponistin, Klangforscherin und Standford-Professorin. „Stil ist Gewalttat“ war ein Porträtkonzert im ehemaligen Salzlager der Zeche Zollverein - ein Konzert der besonderen Art zum Thema Liebe, in dem nicht nur das „Ensemble Modern“ die Werke Alessandrinis aufführte und die Künstlerin selbst mitwirkte. Spannend war vor allem die Gegenüberstellung von Original und Bearbeitung, wobei Alessandrini ihre Werke - unsichtbar für das Publikum aus dem hinteren Bereich des Raumes - live elektronisch begleitete und in einem kurzen Gespräch mit der Musikdramaturgin Barbara Eckle erläuterte.

Ausgangspunkt ihrer Arbeit sei der Satz des Malers Gerhard Richter „Stil ist Gewalttat“ gewesen. Er fasse nicht nur ihr persönliches Unbehagen in Worte, sondern habe ihre künstlerische Analyse und Fantasie befördert. Alessandrini illustriert das Andere. Statt Melodie, Harmonie und Rhythmus analysiert und filtert sie Geräusche, Obertöne, Spielweisen und dramatische Abläufe heraus, um anhand dieser Daten, neue Motive und Ausdruckskategorien zu generieren.

Aus Luciano Berio „Black is the colour“ (aus „Folk Songs (1964) - ein recht traditioneller Liebesgesang für Mezzosopran und 7 Instrumente - ist das Werk „Black is the colour…“ (omaggio a Berio, 2012) geworden für Flöte, Klarinette, Viola, Cello, Schlagzeug und verstärktes Klavier. Statt ausdrucksstarkem Liebesgesang, der von Valentina Stadler klangvoll dargeboten wurde, entfaltet sich bei Alessandrini eine rein instrumentale, vielstimmige, zart und zerbrechlich wirkende Farbkomposition. Mal hört man kleine, wischende, am Steg gespielte, dissonante Streichertremoli oder -glissandi, mal blitzen an das Original erinnernde Basslinien auf. Mal erklingen rhythmisches Klopfen, zarte Geräusche oder dumpfer, halliger Aufprall auf den Rahmen aus dem präparierten Flügel oder Flötentöne, die den gehauchten Atemstrom in den Vordergrund rücken. 

Auch Debussy wehrte sich nach dem Erfolg seiner Oper „Pelleas und Mélisande“ gegen stilistische Einordnungen und komponierte in neuer Einfachheit die zwölfteilige Bühnenmusik „Les chansons de Bilitis“ (1900-1901). Alessandrini verändert die Perspektive des symbolistischen Dialogs. Statt zwei Flöten, zwei Harfen, Celesta und Rezitation entfalten sich in „menus morceaux par un autre moi réunis“ (2009) vier Miniaturen für Gitarre und Live-Elektronik - ein atmosphärisch dichtes, mit meditativen Pausen durchsetztes Werk. Mal erinnern die Gitarrenklänge an gedämpfte Glocken, 'mal schwingen sie im Raum. Dann wieder pfeift, rauscht und zischt es zart, vibriert nervös oder stört mit immer wieder brüchig ansetzenden Geräuschen, die an einen Winkelschleifer erinnern - eine Vielfalt, die von Mauricio Carrasco mit brillantem Spannungsbogen zusammengehalten wurde. 

Zum Abschluss spielten die Streicher - ohne Pathos, aber die Dramaturgie und Tempoveränderungen wunderbar aufgreifend - Arnold Schönbergs op.4, das 1899 entstandene Sextett „Verklärte Nacht“. In einem dicht gefügten Netz chromatisch schillernder Harmonien entwickelt Schönberg ein Programm aus flirrendem Mondlicht, den inneren Widersprüchen einer geständigen Treulosen und der versöhnlichen Antwort des Geliebten. Alessandrinis Streichquartett "Forklaret Nat"  greift den Gedanken des verklärten Dialogs auf. Zart und unaufdringlich weben Glissandi, quietschende Geräusche, farbige Spieltechniken und Flageolettklänge ein kunstvoll verschränktes Klangnetz, um ab der Hälfte zum Ausgangspunkt zurückzukehren. 

„Stil ist Gewalttat“ - dieses Konzert stellte nicht nur eine zeitgenössische Komponistin vor, sondern auch die Rolle der Interpreten auf den Kopf. Wo werden sie zu Komponisten? Wo folgen sie notierten Vorgaben und interpretieren damit im traditionellen Sinne? Wo improvisieren sie miteinander? 

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Kritik von Ursula Decker-Bönniger

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