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Donnerstag, 28. Oktober 2021

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Wiener Philharmoniker, Igor Levit, Copyright: Julia Wesely

Wiener Philharmoniker, Igor Levit, © Julia Wesely

Das Sommernachtskonzert der Wiener Philharmoniker

(Fast) Perfektes Timing

Lediglich knapp über 1.000 Gäste hatten dem letztjährigen Sommernachtskonzert der Wiener Philharmoniker pandemiebedingt im Schlosspark von Schönbrunn beiwohnen können, immerhin etwa die dreifache Besucheranzahl war heuer wieder zugelassen. Minimal zu früh war der Termin im Nachhinein betrachtet angesetzt, ab Juli wären die Kapazitätsgrenzen gefallen. Kein besseres Timing wäre dagegen aus meteorologischer Sicht möglich gewesen, der Sommer stellte sich pünktlich ein, selten herrschten derart perfekte äußere Bedingungen. Unter dem Motto „Fernweh“ unternimmt das Programm eine Reise durch verschiedenste Länder und Stimmungsbilder.

Charismatische Akzente

In diesem Jahr am Pult steht Daniel Harding, Verdis Ouvertüre zu „Les vêpres siciliennes“ gestaltet er mit dezidierter erzählerischer Gestik und gutem dramaturgischem Gespür für die Pausen. Solist des Abends ist Igor Levit. Fast untrennbar mit seinem Namen verbunden ist sein überragendes Beethoven-Spiel, hier ist er mit Rachmaninoffs „Paganini-Variationen“ op. 43 zu hören. Mit rhythmisch prägnanter Schärfe setzt er gleich zu Beginn charismatische Akzente, sprudelndes Passagenwerk besitzt funkelnde Geläufigkeit, sein Spiel hat die gewohnt hohe Präsenz. Dabei pflegt Levit weniger den virtuosen Aspekt, bei der Wahl der Tempi setzt er nicht unbedingt auf Geschwindigkeit, den Fokus richtet er eher auf die lyrische Expressivität der getragen-langsamen Episoden. Solch introvertierter Ruhe hat er aber durchaus auch kraftvoll-explosives Temperament entgegenzusetzen, die Philharmoniker sorgen dazu für abrupt zündende Knalleffekte. Insgesamt relativ gut ausbalanciert ist nicht nur Hardings Dirigat im Verhältnis zum Solopart, sondern auch das technisch aufwendig zu realisierende Klangbild. So können sich auch intime Dialoge zwischen von Levit fein gestreuten, silbrig glänzenden Diskant-Perlen und Holzbläsern oder Cellostimme bis ins Detail entfalten. Levits differenzierter Anschlag formt griffiges Staccato und glockenhelle Oktaven. Gekonnt stellt Harding abrupte Gefühlsausbrüche und stampfende Rhythmen dar, ohne ins zu dick aufgetragen Bombastische abzudriften. Ob man als Zugabe unbedingt „Für Elise“ auswählen muss, sei dahingestellt. Levit, der zu dem Stück nach eigener Aussage einen starken Bezug hat, bleibt damit jedenfalls seiner Beethoven-Affinität treu und spielt das „Evergreen“ klangsensibel und mit perfekt dosiertem Pedalgebrauch, der hier allzu leicht hier zum Stolperstein werden kann. Die agogisch-dynamischen Effekte in Bernsteins „Symphonischen Tänzen“ aus dessen „West Side Story“ spielen Harding und die Philharmoniker danach – visuell imposant untermalt von der gigantischen Lichtorgel – mit rasant-perkussivem und erfrischend jazzigem Drive.

Schillernde Farben

Beinahe besser zum Motto des Vorjahres („Liebe“) hätte Elgars „Salut d´amour“ op. 12 gepasst, schwelgerisch homogenes Streichertimbre kann man aber auf jeden Fall darin genießen. In Sibelius´ „Intermezzo“ aus der „Karelia-Suite“ op. 11 strahlt scharf konturiertes Blech. Debussys „Prélude à l´après-midi d´un faune“ tauchen Harding und das Orchester von luftig schwebenden Holzbläsern zu Beginn über weit ausholende Crescendi hin zu opulenter Klangfülle in ebenso sinnlich schillernde impressionistische Farben wie die, mit denen der Schlosspark ausgeleuchtet ist. Erstklassig intoniert gelingt das ausladende Flötensolo. Mit „Jupiter“ aus Gustav Holsts „Die Planeten“ op. 32 klingt der diesjährige offizielle Teil fulminant aus – am liebsten würde man direkt die komplette Suite hören. Nicht fehlen darf als obligatorische Zugabe selbstredend Johann Strauß´ „Wiener Blut“ op. 354. Wer, wenn nicht die Wiener Philharmoniker sind prädestiniert für Dreivierteltakt? Mit der Extraportion walzerseligem Herzblut und musikalischem Schmäh, wie ihn nur dieses Orchester in seiner DNA hat, klingt der Abend standesgemäß aus: Musikalisch und meteorologisch – besser kann der Rahmen für das Sommernachtskonzert nicht passen. Im stimmungsvoll illuminierten Areal freut man sich schon nach dem Schlussakkord auf´s nächste Jahr – dann hoffentlich vollends ohne eingeschränkte Besucherzahl.

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Kritik von Thomas Gehrig

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Sommernachtskonzert Schönbrunn: Wiener Philharmoniker

Ort: Schloss Schönbrunn (Ehrenhof),

Werke von: Giuseppe Verdi, Leonard Bernstein, Edward Elgar, Sergej Rachmaninoff

Mitwirkende: Daniel Harding (Dirigent), Wiener Philharmoniker (Orchester), Igor Levit (Solist Instr.)

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