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Donnerstag, 29. Juli 2021

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Szenenfoto Zigeunerbaron, Copyright: Monika Rittershaus

Szenenfoto Zigeunerbaron, © Monika Rittershaus

Tobias Kratzer inszeniert merkwürdig zahm und konventionell

Lustig ist das Zigeunerleben nicht

Die Komische Oper Berlin hat sich in der Ära von Barrie Kosky zur Spezialistenbühne für die Jazzoperette der 20er und frühen 30er Jahre gemausert und damit einen Erfolg nach dem anderen eingefahren. Mit „Der Zigeunerbaron“ wendet sie sich erstmals einem Klassiker der Goldenen Wiener Operette zu, auf Vorschlag des Regisseurs Tobias Kratzer. Zu seinem Konzept hieß es im Vorfeld, dass es um Ausgrenzung und Integration, Heimatlosigkeit und Entwurzelung und um eine kritische Auseinandersetzung mit Minderheiten in einem Vielvölkerstaat gehen würde. Weshalb der "Zigeuner"baron auch Anführungsstriche bekommt und eine Diskussion zu den Themen geplant ist. Doch in der Realität ist Kratzers Inszenierung merkwürdig zahm und konventionell.

Während der Ouvertüre hängt der Offizier Graf Peter Homonay in Gestalt von Dominik Köninger seinen Erinnerungen nach, trinkt dabei Wodka, hört Platten auf einem alten Grammophon und isst: Zigeunerschnitzel. Er soll der ewig Gestrige sein, aus dessen Sicht die Geschichte im Rückblick abläuft. Sie handelt vom feschen Heimkehrer Sándor Barinkay, der seine Ansprüche auf die elterlichen Güter geltend machen will. Sein Nachbar, der Schweinezüchter Zsupan, der das Anwesen mittlerweile für sich selbst beansprucht, will ihn an seine Tochter verkuppeln, doch Barinkay entscheidet sich für das Zigeunermädchen Saffi.

Tobias Kratzer hat aus der Vorlage eine komprimierte Fassung erstellt, die nahe am Original bleibt. Doch entgegen seinen Ausführungen im Programmheft belässt er es beim uninspirierten Nacherzählen fast ohne szenische Brüche, Spannung oder Witz. Wenig Atmosphäre verbreitet dazu Rainer Sellmaiers zeitenübergreifende Ausstattung aus historischen und modernen Versatzstücken. Nüchtern sind auch die Kostüme: die meisten tragen schwarze Kleidung und darunter weiße Blusen oder Hemden, nur die farbenfrohen Uniformen der Soldaten heben sich ab.

Was auch zu kurz kommt, ist eine individuelle Personenregie. Ein Paradestück, wie das Entree des Zsupán „Ja, das Schreiben und das Lesen“ wird verschenkt, weil es als Schwarz-Weiß-Video eingeblendet wird und Philipp Meierhöfer in dieser Rolle dabei nur stummer Beobachter sein darf. Erst im Schlussakt, wenn Zsupán als Kriegsverletzter heimkehrt, kann der Bass seine singschauspielerischen Qualitäten durch eine beklemmende Darstellung seines Marsch-Couplets beweisen. Ähnlich intensiv gestaltet Helene Schneiderman als Erzieherin Mirabella die Erzählung von der Schlacht von Belgrad. Überhaupt wertet die Mezzosopranistin die Nebenrolle durch ihre starke Persönlichkeit auf.

„Ja, das alles auf Ehr, das kann ich und noch mehr“, so stellt sich Thomas Blondelle als Sándor Barinkay in seinem Auftrittssolo vor. Er kann auch singen und dies mit draufgängerischem Charme und zupackendem Tenor. Genauso überzeugt Mirka Wagner als stimmlich großformatige, höhenstarke Saffi. Glaubwürdig besetzt ist das Buffopaar mit Alma Sadé und Julian Habermann, dessen jugendfrischer, klarer Tenor besonders positiv auffällt.

Auch musikalisch erfüllt der Abend nicht ganz die Erwartungen. Der Chor singt raumfüllend, aber nur aus dem Off, das Orchester ist auf der Hinterbühne und hinter drei Kulissentorbögen platziert. Zwar gelingt es dem Dirigenten Stefan Soltesz der opernhaften Partitur das rechte Maß an Schwung, Sentiment und folkloristischen Pep zu entlocken, doch kann er Koordinierungsschwankungen nicht immer verhindern. Am Ende der pausenlosen, gut 90-minütigen Aufführung herrscht ein wenig Ratlosigkeit, doch gibt es warmen Applaus für alle Mitwirkenden.

Kritik von Karin Coper

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Der Zigeunerbaron: Operette von Johann Strauss

Ort: Komische Oper,

Mitwirkende: Stefan Soltesz (Dirigent), Tobias Kratzer (Regie), Dominik Köninger (Solist Gesang), Helene Schneiderman (Solist Gesang), Mirka Wagner (Solist Gesang)

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