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Dienstag, 30. November 2021

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Münchner Philharmoniker, Valery Gergiev, Copyright: Tobias Hase

Münchner Philharmoniker, Valery Gergiev, © Tobias Hase

Eröffnungs-Zyklus der Münchner Phiharmoniker

Ideale Proportionen

Die Eröffnungswoche im neuen Kulturzentrum „HP8“ neigt sich dem Ende entgegen, unter Chefdirigent Valery Gergiev haben die Münchner Philharmoniker gestern Abend ihr drittes Programm in der Isarphilharmonie präsentiert. Eine Umstellung der Vortragsfolge moderiert Intendant Paul Müller vor Beginn an, zunächst gibt es Olga Neuwirths „Masaot/Clocks without hands“ für großes Orchester. In Auftrag gegeben hatten das 2013 entstandene Werk anlässlich Gustav Mahlers 100. Todestag die Wiener Philharmoniker, ihnen ist es auch gewidmet. Die Uraufführung fand allerdings erst 2015 in Köln statt, nachdem die Komponistin es noch einmal überarbeitet hatte. Inspiriert dazu wurde sie nach eigener Aussage durch einen Traum von ihrem Großvater. Gemäß dem Titel hört man im Verlauf des Stückes immer wieder das Ticken, Pendeln und Schlagen von Uhren, robustes Blech durchschneidet angespanntes, langgezogenes Streicherflimmern. Mal greifen Klänge weiträumig um sich, mal fallen sie in zurückgezogene Stille zusammen. Die feinen Nuancen der gewaltigen Partitur kommen spielerisch wie akustisch gut zur Geltung. Einen konzeptionellen Bezug zu Mahler hört man insoweit, als auch Neuwirth sich dessen häufig verwendeten Kunstgriffs bedient, folkloristische Motive zu zitieren und ins Bizarr-Groteske zu verzerren. Gergiev bündelt effektiv die agogisch forcierenden Kräfte, auch in Phasen der Ruhe ist die Komposition immer in Bewegung.

Auf einer Wellenlänge  

Anschließend geht der Beethoven-Zyklus in die nächste Runde, Daniil Trifonov spielt das Klavierkonzert Nr. 3 c-Moll op. 37. Gergiev kreiert einen schlanken, elastischen Beethoven-Klang, als Folge der guten Akustik wird allerdings auch seine störende Angewohnheit gelegentlich schnaubend ausatmender Zisch-Laute besser hörbar. Trifonov ist von den aufwärts rollenden Oktaven seines ersten Einsatzes an gewohnt präsent, einen Spannungsabfall gibt es bei ihm nicht. Phrasen sind scharf umrissen, der Klavierpart nimmt eine kraftvoll-heroische Haltung ein. Dezentes Pianissimo beherrscht Trifonov ebenso meisterhaft. Die Kadenz ist wie geschaffen für die Mischung seines Spiels aus Virtuosität und Impulsivität, vor großen pathetischen Gesten scheut er nicht zurück. Im „Largo“ nimmt er sich Zeit für gesangliche Linien, die Philharmoniker übernehmen mit expressiver Wärme. Mühelos gehen Trifonov die technischen Anforderungen des „Rondo“ mit agogisch resoluter Entschlossenheit von der Hand. Die klangliche Relation von Klavier und Orchester hat ideale Proportionen, man merkt: Trifonov und Gergiev kommunizieren auf einer Wellenlänge. Als ausgefallene Zugabe versenkt er sich klangsensibel in Wilhelm Friedemann Bachs „Polonaise“ Nr. 8 e-Moll Fk 12/8.  

Jagdszenen auf dem Jahrmarkt

Nach der Pause folgt Strawinskys „Petruschka“ in der Fassung von 1911. Auszugsweise hätte Trifonov direkt am Flügel sitzen bleiben können, die bekannten drei Sätze der Klavierfassung hat er ebenfalls schon eingespielt, hier erklingt allerdings.die Orchesterversion. Eine nicht unbedeutende solistische Rolle spielt das Klavier zwar auch darin, zu Beginn kann sich (wie im zweiten Bild) aber erst einmal die Solo-Flöte auszeichnen. Entstanden aus der kongenialen Zusammenarbeit mit dem exzentrischen Impressario Sergej Diaghilev und den berühmten „Ballets russes“ knüpfte Strawinsky damit an den großen Erfolg des „Feuervogels“ an. Buntes Jahrmarkt-Treiben, sinnlich aufgeladene Momente und tänzerischen Snaredrum-Drive der Ballerina malen die Philharmoniker in programmatisch bunt schillernden Farben aus. In der rustikalen Tonsprache des Mohren baut Gergiev gekonnt klangliche Drohgebärden auf, nach turbulenten Jagdszenen auf dem Jahrmarkt geht es der Figur des Petruschka musikalisch unerbittlich an den Kragen. Seine Begeisterung für das Werk äußerte u.a. Strawinskys berühmter, ihm freundschaftlich verbundener Kollege Debussy – nach dieser Interpretation kann man sie nur teilen.   

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Kritik von Thomas Gehrig

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Münchner Philharmoniker: Gergiev/Trifonov

Ort: Isar-Philharmonie,

Werke von: Olga Neuwirth, Ludwig van Beethoven, Igor Strawinsky

Mitwirkende: Valery Gergiev (Dirigent), Münchner Philharmoniker (Orchester), Daniil Trifonov (Solist Instr.)

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