> > > > > 24.05.2021
Donnerstag, 17. Juni 2021

1 / 4 >

Eliza Boom (Hotelgast), Julia Kleiter (Prinzessin Elisabeth), Copyright: Wilfried Hösl

Eliza Boom (Hotelgast), Julia Kleiter (Prinzessin Elisabeth), © Wilfried Hösl

Lehárs Opoerette "Schön ist die Welt" in München

Musikalische Glücksdroge

Es darf endlich wieder vor Publikum gespielt werden. Wäre es nach den  entlastenden Ergebnissen einer von der Bayerischen Staatsoper initiierten, wissenschaftlich begleiteten Studie gegangen, hätte das schon viel früher der Fall sein können, die aber stieß bei politisch verantwortlichen Entscheidungsträgern auf taube Ohren. Doch das ist eine andere Geschichte als die, die am gestrigen Abend über die Bühne im Nationaltheater ging. Franz Lehárs Operette „Schön ist die Welt“ (Libretto: Ludwig Herzer/Fritz Löhner-Beda) stand auf dem Programm. Direkt zur früheren Normalität kann man freilich noch nicht übergehen. Geltende Vorschriften müssen nach wie vor eingehalten werden, die Zeit zur kurzfristigen Aufnahme des Spielbetriebs war knapp. Diesen Umständen ist es geschuldet, dass nur eine halbszenische Produktion mit auf der Bühne platziertem Orchester gespielt werden kann. In der während des Lockdowns regelmäßig digital übertragenen Reihe „Montagsstücke“ war die den Umständen entsprechend gekürzte Fassung in der Inszenierung von Tobias Ribitzki Anfang des Jahres bereits zu sehen gewesen, mit immerhin etwa einem Drittel der Zuschauerkapazität sind die Ränge des Nationaltheaters nun zumindest wieder ansehnlich gefüllt. Hervorzuheben ist in diesem Kontext auch das gut funktionierende organisatorische Management mit dem direkt nebenan errichteten Theater-Testzentrum für die Besucher.

Treffende Charakterbilder

Ursprünglich unter dem Titel „Endlich allein“ firmierten Teile des Stücks, bevor Lehár ihm die zu „Schön ist die Welt“ umgearbeitete, 1930 in Berlin u.a. mit Richard Tauber uraufgeführte Gestalt verlieh. Einzig der zweite Akt beider Werke ist annähernd identisch, am ersten und dritten Akt nahm Lehár erhebliche Änderungen vor. Als Multitalent und quasi multiple Persönlichkeit in den Rollen als König, Hoteldirektor und Conférencier in Personalunion eröffnet Max Hopp den Abend. Die Moderationstexte hat er mit geschliffenem Wortwitz, im Tonfall ein wenig an Loriot erinnernd, selbst verfasst. Mit lebendiger Sprachgestik und erzählerischer Imaginationskraft kompensiert er im weiteren Verlauf die pandemiebedingt fehlende Kulisse und Ausstattung. Höhensicher bis in die Koloratur-Elemente meistert Julia Kleiter die Partie der Prinzessin von und zu Lichtenberg. Sebastian Kohlhepp gibt einen tenoral warm timbrierten Kronprinz Georg alias Georg Müller (exemplarisch „Liebste, glaub an mich“). Beide interagieren stimmlich und darstellerisch bestens, etwa im Duett vor dem morgendlichen Aufstieg. Unter den Hotelgästen ragt als perspektivisch vielversprechendes Mitglied des Opernstudios Yajie Zhangs voller, schlank phrasierender Mezzosopran heraus. Lehár erschafft psychologisch feinfühlig gezeichnete Figuren und Zustände, die die Inszenierung – auch im adaptiert eingedampften Format – treffend abbildet: Intime Momente zwischen Prinz und Prinzessin, die spätestens nach gemeinsam überstandener Lawinengefahr im Gebirge zu Liebenden werden, werden ebenso überzeugend charakterisiert wie quirlig-neugieriger Trubel im mondänen „Hotel des Alpes“ ob der skandalös aufkeimenden Gerüchte um die per Radio-Fahndung als vermisst gemeldete Thronfolgerin.

Orchestraler Glanz

Nicht zufällig wurde das Bayerische Staatsorchester für die vergangene Spielzeit in Serie erneut zum Orchester des Jahres gewählt. Unter Leitung von Yoel Gamzou bewegt es sich, ob mit klanglich trennscharfer Naturschilderung der Bergwelt, in schwelgerischer Walzerseligkeit oder einer Slow-Fox-Einlage, in jedem Genre stilsicher und sorgt für den musikalischen Glanz im Grandhotel mit seinen illustren Gästen. „Schön ist die Welt, wenn das Glück dir ein Märchen erzählt“ – so lautet die zentrale Textpassage der Melodie, die sich leitmotivisch durch alle drei Akte zieht. Und genau das ist diese Aufführung: Eine anrührend erzählte Geschichte, Balsam für die theaterentwöhnte Seele als idealer Gegenentwurf zur pandemiegestressten Gegenwart, der die Welt für einen Abend lang zum sorgenfreien Vergessen schön macht. Leider steht die musikalische Glücksdroge in dieser Saison nicht mehr auf dem Spielplan – hoffentlich wieder in nächsten, dann vielleicht ja auch unter Ausnutzung erweiterter Möglichkeiten. Schon die jetzige abgespeckte, mit liebenswertem Charme umgesetzte Version lässt erahnen, wie viel zusätzliches Potential eine szenische Ausarbeitung bergen würde.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Thomas Gehrig

Kontakt aufnehmen mit dem Autor

Kontakt zur Redaktion


Schön ist die Welt: Operette von Franz Lehár

Ort: Bayerische Staatsoper,

Werke von: Franz Lehár

Mitwirkende: Bayerisches Staatsorchester (Orchester)

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (6/2021) herunterladen (2500 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich