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Donnerstag, 17. Juni 2021

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Baiba Skride, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Copyright: Astrid Ackermann

Baiba Skride, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, © Astrid Ackermann

Das BRSO mit Andris Nelsons und Baiba Skride

Schostakowitsch pur

Erstmals nach dem jüngsten großen Lockdown ist in dieser Woche das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks wieder vor Publikum zu hören. Zahlenmäßige Besucherbeschränkungen bleiben zunächst freilich bestehen, und so spielt das BRSO, um möglichst vielen Menschen die Gelegenheit zu geben, in den Genuss des lange ersehnten Live-Erlebnisses zu kommen, pro Abend vorerst wieder in zwei „Schichten“. Verstummt war es zwischenzeitlich nie, mit Livestreams und Radio-Übertragungen hat es durch die gesamte Pandemiezeit hindurch immens wichtige und verdienstvolle Präsenz gezeigt. Konzertsaalatmosphäre ist dann aber eben doch etwas anderes, schon vor Beginn spürt man die Freude auf Seiten des Publikums und der Musiker. Andris Nelsons steht in der Philharmonie im Gasteig am Pult, ein reines Schostakowitsch-Programm hat er mit den Musikern erarbeitet, mit da bei beim Neustart ist als Solistin seine Landsfrau Baiba Skride.

Treibende Kräfte

Dem großen David Oistrach hatte Schostakowitsch – wie schon sein erstes, ungleich häufiger aufgeführtes – das Violinkonzert Nr. 2 cis-Moll op. 129 gewidmet. Weniger voll und tragend im Vergleich zu jenem ist Skrides Ton in den Anfangstakten, moderater ist auch ihr Tempo – Oistrachs Espressivo-Intensität erreicht sie hier nicht. Generell etwas zurückhaltender nähert sie sich dem Werk, energiegeladener und raumgreifender wirken vergleichsweise auch Oistrachs Crescendo-Gestik und seine Bissigkeit in den Pizzicato-Impulsen oder den akzentuierten Doppelgriffen. Gleichwohl entspinnt sich auch hier ein eindringlicher Dialog zwischen Klangkörper und Violine bzw. in deren ausgefeilten individuellen Konversationen mit Piccolo, Horn oder Klarinette. Immer wieder setzt das Orchester rhythmisch treibende, perkussive Kräfte frei. Gänzlich auf Virtuosität verzichtet Schostakowitsch in der ausladenden Kadenz, sauber gelingt Skride die stattdessen geforderte kontrapunktische Stimmführung. Ein im Anschluss leicht verrutschter Ton im (ansonsten souveränen, stark geforderten) Horn fällt da nicht weiter ins Gewicht. Skride beweist durchaus stilistische Vielseitigkeit: Kantige Schärfe beherrscht sie ebenso wie weich gezeichnete Linien oder tänzerisch angehauchte Passagen. Hinter Oistrachs geigerischem Charisma bleibt sie insgesamt aber zurück – wobei ausgerechnet dieser Vergleich die Messlatte zugegeben besonders hoch legt. Besser liegt Skride in der Relation der karge, zerbrechliche Tonfall des „Adagio“, von Anfang an erzeugt sie hier starke kantable Präsenz und überzeugt mit sensiblem Pianissimo und Vibrato. Gut zum Tragen kommen auch die breit gestrichenen, akzentuierten Ausbrüche der Kadenz. Vitalität und Esprit besitzt ihr Spiel zwar auch im Schlusssatz, wiederum nicht ganz die spielerisch zupackende Griffigkeit von Oistrach erreicht Skride aber auch hier. Ihre technischen Qualitäten kann sie dann in der Kadenz voll unter Beweis stellen, spielend leicht geht ihr hier das Passagenwerk von der Hand. Fulminant zündet Nelsons zum Ende hin den agogisch-dynamischen Turbo, generell funktioniert die Abstimmung zwischen ihm und Skride gut: Weder versucht sie, sich in den in den Vordergrund zu spielen, noch deckt der Orchesterklang je den Solopart zu. Die erhoffte Zugabe bleibt leider aus.

Unter Starkstrom

Mit hellwacher Präsenz und resolutem Drive geht Nelsons den Kopfsatz der Symphonie Nr. 9 Es-Dur op. 70 an, meisterhaft spielt das BRSO mit den neoklassizistischen Formen, homogene Tutti-Fülle und einzelne Instrumentengruppen leuchten gleichermaßen in spielfreudiger Farbigkeit. Gekonnt holt Nelsons zu schwelgerischen Klanggesten aus und setzt die Partitur unter emotionalen Starkstrom. Unter den Instrumentalisten weiß man gar nicht, wen man zuerst herausheben soll: Reihenweise haben Klarinette, Solo-Flöte/Piccolo (jeweils im zweiten Satz), Fagott (zweiter Satz und "Largo") und messerscharfes, grimmiges Blech (ebenfalls im "Largo") Gelegenheit, sich auszuzeichnen – allesamt lösen ihre Aufgaben mit Bravour. Nelsons navigiert stilsicher durch die agogisch kontrastreichen Zustände, exemplarisch im dritten und vierten Satz mit subtil dosiertem Ritenuto und feinem Gespür für die Wirkung von Pausen. Im Schlusssatz setzt das BRSO über wühlenden Bässen zu grandiosen poco-a-poco-Crescendi an, mit spritzigem “Pochissimo animato“ kostet es das mit brillant zündendem Schlagwerk (allen voran Raymond Curfs/Pauke) buchstäblich "aufgedonnerte" zur pompösen, Zirkusmarsch-Hochform auflaufende Finale aus.

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Kritik von Thomas Gehrig

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Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks: Nelsons/Skride

Ort: Gasteig,

Werke von: Dimitri Schostakowitsch

Mitwirkende: Andris Nelsons (Dirigent), Sinfonieorchester des Bayrischen Rundfunks (Orchester), Baiba Skride (Solist Instr.)

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