> > > > > 10.07.2021
Mittwoch, 20. Oktober 2021

1 / 4 >

Solistin Sol Gabetta, Daniel Harding, Copyright: Markus Schlaf

Solistin Sol Gabetta, Daniel Harding, © Markus Schlaf

Klassik am Odeonsplatz II

Fulminantes Finale

Auch am zweiten Tag des großen Open-Air-Konzertwochenendes „Klassik am Odeonsplatz“ hatten – als „Sonderprojekt“ von der Stadt München in Corona-Zeiten deklariert – je 2.000 Besucher die Möglichkeit, dem Ereignis verteilt auf zwei gesplittete Aufführungen live beizuwohnen. Noch besser als am Vortag passen die Wetterbedingungen zur malerischen Kulisse, bei sommerlichen Temperaturen wird es bis beinahe ganz zum Schluss trocken bleiben. Dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks gehört dieser Abend, am Pult steht mit Daniel Harding ein guter Bekannter. Nach dem Wiener Sommernachtskonzert darf er ein weiteres Freiluft-Highlight im Klassik-Kalenderjahr dirigieren. Zu Beginn auf dem Programm stehen Debussys drei symphonische Skizzen „La mer“. Schon vom subtil verhaltenen Beginn des ersten Bildes an spricht das BRSO mit feiner Linienzeichnung eine eindringliche programmatische Sprache, warme Holzbläser-Farben schwingen sich mit überlegt dosierter Steigerung nach und nach in vierfache Fortissimo-Höhen auf. Klanglich gestenreich wird der musikalische Pulsschlag im „Spiel der Wellen“ gefühlt. Durchsetzt von dezenten Schlagwerk-Tupfern und leuchtenden Piccolo-Sphären führt Hardings Dirigat in satten impressionistischen Farben den „Dialog zwischen Wind und Meer“ in all seinen dynamischen Dimensionen. Selten trifft man bei klassischen Open-Air-Veranstaltungen auf ein so gestochen scharfes Klangbild. Hier wurde – auch im Vergleich zu den Vorjahren – heuer ganz besonders gute tontechnische Arbeit geleistet.

Glühende Leidenschaft

Mit dem Gewinn des ARD-Musikwettbewerbs hat Sol Gabettas Karriere in München einst begonnen, hier tritt sie auf der großen Bühne als Solistin in Schumanns Konzert für Violoncello und Orchester a-Moll op. 129 auf. Von warmer, voller Tongebung im Hauptthema des Kopfsatzes bis in mit kraftvoller Entschlossenheit gestrichene tiefe Bass-Register kann sie mit makelloser Technik die Qualitäten ihres Spiels zur Geltung bringen. Das BRSO weiß mit hellwacher Präsenz, aufmerksamer Abstimmung auf den Solopart und luzider Stimmführung zu überzeugen. Gemeinsam wecken die Ausführenden die romantisch glühende Leidenschaft in Schumanns Musik. Auch im Mittelsatz bleibt Gabettas facettenreiches, von vielfältigem Vibrato getragenes Spiel bis in zarte Pianissimo-Sphären bestimmend, ohne sich dabei zu aufdringlich in den Vordergrund zu stellen. Mit berührender Innigkeit lässt sie ihr klangschönes Instrument die Kantilenen aussingen und hält, was die Partitur („mit Ausdruck“) verspricht. Im Spannungsfeld zwischen markanten Akzenten und zarter Legato-Poesie legen Solopart und Orchester auch im Schlusssatz vitale Frische und musizierfreudiges Herzblut in ihr rhythmisch griffiges Zusammenspiel. Als Zugabe bedankt Gabetta sich beim Publikum mit der transkribierten Arie des Lenski aus Tschaikowskys „Eugen Onegin“, von ihr und dem BRSO in wunderbar lyrische Szene gesetzt.

Perkussive Wucht

Den Schlusspunkt markiert Strawinskys „Feuervogel-Suite“ in der Fassung von 1919. Schon die Introduktion setzt Hardings Dirigat unter knisternde Spannung. In grellen, knallbunten Farben beschreibt es den Tanz des Feuervogels und setzt seine musikalische Identität in charismatische Flammen. Filigrane Holzbläserstimmen können in den melodischen Episoden („Ronde des Princesses“/“Berceuse“) glänzen. Mit prachtvoller Theatralik und perkussiver Wucht inszeniert das BRSO den infernalischen Tanz des bösen Zauberers Kaschtschei. Tatsächlich erst zum Finale setzt dann doch noch Regen ein und bekommt der „Feuervogel“ ein paar nasse Federn. Am agogisch fesselnden Drive, mit dem das BRSO musiziert, und dem selbstbewusst strahlenden, fulminanten Ausklang ändert das freilich nichts. Nicht ganz den charakteristischen Wiener Tonfall trifft als Zugabe Johann Strauß´ „Künstlerleben“ op. 316 – das mag aber bereits der wetterbedingten Unruhe und Aufbruchstimmung im Publikum geschuldet sein. Unter dem Strich ein ebenso gelungener Abend wie der erste, so dass die Direktive zum diesjährigen 20. Jubiläum nur lauten kann: Auf ein Neues im nächsten Jahr, dann hoffentlich wieder ganz ohne Besucherbeschränkungen und Regen.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Thomas Gehrig

Kontakt aufnehmen mit dem Autor

Kontakt zur Redaktion


Klassik am Odeonsplatz II: Symphonieorchester des BR/Daniel Harding

Ort: Odeonsplatz,

Werke von: Claude Debussy, Robert Schumann, Igor Strawinsky

Mitwirkende: Daniel Harding (Dirigent), Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (Orchester), Sol Gabetta (Solist Instr.)

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (10/2021) herunterladen (3200 KByte) Class aktuell (3/2021) herunterladen (7642 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich